Deutsch-türkische Unternehmer "Es gibt genug Moscheen, lasst uns in Bildung investieren"

Sie sind die Verlierer des deutschen Bildungssystem: Kinder der zweiten Migrantengeneration, die hier geboren und aufgewachsen sind, aber an den Schulen nicht klarkommen. Deutsch-Türken spenden jetzt, damit Jugendliche Nachhilfe erhalten.


Ahmet Güler ist Vorstandsvorsitzender des Bundes Türkisch-Europäischer Unternehmer aus Hannover - und er ist besorgt: "Nur etwa zehn Prozent der türkischen Schüler erreichen die Hochschulreife, 19 Prozent haben gar keinen Abschluss, und 57,7 Prozent schaffen gerade mal den Hauptschulabschluss."

Unternehmer Ahmet Güler: "Wir müssen endlich handeln"
DDP

Unternehmer Ahmet Güler: "Wir müssen endlich handeln"

Der erfolgreiche Kaufmann engagiert sich seit Jahren für eine bessere Bildung von Migrantenkindern. Auch in dieser Gruppe sei die Bilanz der türkischen Kinder wenig schmeichelhaft, sagt er: Unter allen Migrantenkindern schnitten türkische am schlechtesten ab - "wir müssen endlich handeln".

Im März will Güler darum in Hannover eine Stiftung für Migrantenkinder gründen, die bundesweit aktiv werden soll. "Atev" soll sie heißen, aus ihren Erlösen sollen künftig benachteiligte Migrantenkinder bessere Bildungschancen erhalten. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) findet die Idee gut: "Die Ziele der Stiftung decken sich genau mit den bildungspolitischen Maßnahmen der Landesregierung."

Die zweite Generation trifft es härter als die erste

Dass es höchste Zeit wird für eine solche Stiftung, zeigt ein Blick auf die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie: Die Schulleistungen der in Deutschland geborenen Kinder der sogenannten zweiten Migrantengeneration sind deutlich schlechter als die der ersten Generation, also der Kinder, die mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert sind.

Gegenüber den Jugendlichen deutscher Herkunft liegen sie im Schnitt um drei Klassenstufen zurück. "Das dürfen wir so nicht stehen lassen", sagt auch Moslum Ince, der sich seit vier Jahren in Lehrte in Niedersachsen im Verein "Elterninitiative der Migranten" engagiert. "Wir sammeln Gelder von Sponsoren, um benachteiligten Schülern Nachhilfe zu finanzieren", sagt Ince. Der Verein suche aber auch den Kontakt zu Migrantenfamilien, um ihnen deutlich zu machen, dass Bildung für ihre Kinder wichtig sei und der Kontakt zu Kindergärten und Schulen nicht vernachlässigt werden dürfe.

"Aber auch die Politiker müssen mehr für Migrantenkinder tun", sagt Moslum Ince. Eine Untersuchung an den Lehrter Schulen habe ergeben, dass dort nicht genügend Lehrer vorhanden seien und an den Realschulen der Förderunterricht komplett gestrichen worden sei. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Migrantenkindern der Weg in ein erfolgreiches Berufsleben verwehrt bleibe: "Meine Tochter hat derzeit einen Notendurchschnitt von 1,8", sagt Ince - er fragt sich, warum sie dennoch nur eine Realschul- und keine Gymnasialempfehlung erhält.

Eine Million Euro ist schon beisammen

Derzeit befinde sich die Atev-Stiftung noch in der Gründungsphase, sagt Ahmet Güler, aber sie habe bereits 40 Mitglieder, darunter große türkische und deutsche Unternehmen. Ein Grundkapital von rund einer Million Euro sei bereits vorhanden. "Wir hoffen, in zwei Jahren mit Hilfe von Sponsoren auf fünf Millionen aufstocken zu können", sagt Güler.

Konkretes Ziel der Stiftung sei es, zum Beispiel zweisprachige Kindergärten zu eröffnen. In der Vergangenheit habe die türkische Community "rund 1600 Moscheen durch Spenden finanziert", sagt Güler. Jetzt gebe es genug Moscheen. "Nun muss endlich in Bildung investiert werden."

Vorbild für Atev ist Güler zufolge eine ähnliche Stiftung in der Türkei, die sich seit 35 Jahren erfolgreich für die Qualifizierung von Schülern und Studenten engagiert. Dort seien viele vermögende Künstler, Unternehmen und Medienunternehmen Mitglied. Für das deutsche Atev-Projekt möchte er Ministerpräsident Wulff als Schirmherrn gewinnen.

Ingrid Hilgers, ddp

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