Deutsches Summerhill Pausenlos glücklich

Keine Noten und kein Zwang, weder Klassen noch Pausen: Schulen mit dem Sudbury-Konzept wollen alles anders machen und erinnern an das legendäre englische Summerhill. Am Bodensee wurde jetzt die erste deutsche Sudbury-Schule gegründet. Aber die schöne neue Lernwelt hat einen Makel - die Schulbehörden spielen nicht mit.
Von Marcus Schmidt

Im Überlinger Ortsteil Nesselwangen ist eine kleine Schulrevolution im Gange. In einem ehemaligen Fabrikgebäude in idyllischer Lage werden seit Ostern 15 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 17 Jahren nach dem Sudbury-Konzept unterrichtet, das statt auf Lehrpläne alleine auf die Wissbegierde der Kinder setzt. Die Schüler lernen, was sie wollen - und wenn sie wollen, lernen sie nichts. Sie allein bestimmen, womit sie ihre Zeit verbringen.

"Die Kinder wissen selbst ganz genau, was für sie wichtig ist", rechtfertigt Gabriele Kirchner das ausgefallene Schulkonzept. Die ehemalige Waldorfschullehrerin ist Mitbegründerin der ersten deutschen Sudbury-Schule. Einen kleinen Haken hat der Start in die schöne neue Lernwelt am Bodensee allerdings noch: Deutsche Schulämter sind auf den radikal-pädagogischen Ansatz nicht vorbereitet.

"Das Konzept der Schule in Überlingen passt nicht in die Bildungslandschaft", sagt Evelyn Lorch, Sprecherin des zuständigen Oberschulamtes in Tübingen. Das Amt hat der Schule die Zulassung bislang verweigert. Privatschulen müssten vergleichbare Leistungen wie staatliche Schulen anbieten, bei Sudbury-Schulen sei das erkennbar nicht der Fall, so Lorch. Eltern schulpflichtiger Kinder, die ihren Nachwuchs dennoch auf die Schule schicken, droht nun ein Bußgeld.

Kinder an der Macht

Gabriele Kirchner kann das nicht schrecken. "Auch wenn wir noch nicht in die Paragrafen des Schulgesetzes passen: Wir sind auf dem richtigen Weg", sagt sie. Größere Sorgen machen ihr derzeit die Kosten des privaten Schulversuches: "Im Moment finanzieren die Eltern die Schule." Doch auf Dauer werde das nicht reichen, daher sucht der Trägerverein Sponsoren. Noch arbeiten die drei Lehrer der Schule ohne Bezahlung, und Geld vom Staat gibt es erst, wenn die Schule die Zulassung erhält.

Das Konzept der Sudbury-Schulen kommt aus den USA. In Framingham im Bundesstaat Massachusetts wurde 1968 die namensgebende "Sudbury Vally School" gegründet, die sich an der legendären englischen Reformschule Summerhill orientiert. Anders als ihr berühmtes Vorbild sind die Sudbury-Schulen aber nicht als Internate organisiert. Weltweit gibt es mittlerweile 31 Schulen dieser Art, unter anderem in den Niederlanden, Australien und Israel.

Das Machtverhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist im Vergleich zu herkömmlichen Schulen auf den Kopf gestellt. Auf der wöchentlichen Schulversammlung, die über alle wichtigen Fragen entscheidet, sind alle Mitglieder der Gemeinschaft gleichberechtigt. Egal ob fünfjähriger Knirps oder studierter Pädagoge, jeder hat eine Stimme. Einmal im Jahr bestimmt die Versammlung, welche Erwachsen an der Schule als Lehrer arbeiten dürfen. Pädagogen, die bei den Schülern schlecht ankommen, verlieren ihren Job. Kirchner glaubt allerdings, dass die Schüler von diesem verlockendem Machtmittel nur sparsam Gebrauch machen werden: "Kinder lieben feste Beziehungen."

Einen Abschluss gibt es nur auf Wunsch

Für Schüler staatlicher Schulen sind das fast paradiesisch anmutende Zustände. Zwar gibt es keine Pausen, doch dass lässt sich leicht verschmerzen - schließlich sind auch geregelte Unterrichtsstunden unbekannt. Denn die Sudbury-Pädagogen setzen auf eigenverantwortliches Lernen. Sie sind davon überzeugt, dass Kinder von Grund auf neugierig sind und nicht zum Lernen gezwungen werden müssen. Ob die Kinder basteln, spielen, rechnen oder lieber gleich zu Hause bleiben: Den Schülern ist alles erlaubt. Die Betreuer geben lediglich Anregungen oder helfen - wenn gewünscht. Selbst lesen und rechnen lernen die Kinder nur, wenn sie es selber wollen. Schließlich würden Kinder laufen und sprechen auch nicht nach einem Lehrplan lernen, wird Kritikern entgegengehalten.

Nur wenn es von den Schülern ausdrücklich gewünscht wird, bieten die Lehrer klassische Unterrichtstunden an. "Wir organisieren gerade einen Italienischkursus", berichtet Gabriele Kirchner. Ein Schüler möchte lieber Italienisch statt Englisch lernen - der Wunsch des Kindes ist den Pädagogen Befehl. Der Unterricht steht allen Schülern unabhängig von Alter und Vorkenntnissen offen.

Auch beim Schulabschluss ist Eigeninitiative gefragt. Leistungskontrollen werden grundsätzlich abgelehnt. Doch weil Schulabgänger ohne Abschluss in Deutschland nicht weit kommen, sind die Schulneuerer zu Kompromissen bereit. "Wir werden dafür sorgen, dass unsere Kinder ihre Abschlüsse an staatlichen Schulen machen können. Das nötige Wissen werden wir ihnen natürlich nicht vorenthalten", begründet Martin Wilke die Zugeständnisse an das Schulsystem. Der Student ist Mitglied einer Berliner Initiative, die in der Hauptstadt ebenfalls eine Sudbury-Schule plant.

"Wir machen ja nichts Schlechtes"

Auch die Berliner kämpfen noch mit den Bestimmungen des Schulgesetzes. "Unser Problem ist, dass sich auch private Schule an die Rahmenlehrpläne halten müssen", sagt Wilke. Ein nicht zu unterschätzendes Hindernis für eine Schule, die es den Kindern überlässt, was sie lernen. Allerdings lasse das Berliner Schulgesetz Ausnahmen zu, damit neue Schulkonzepte erprobt werden können. Dennoch ist die zunächst für August geplante Eröffnung der Schule auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Das gestiegene Interesse an den Sudbury-Schulen liegt im Trend. Privatschulen jeglicher Couleur haben an Zulauf gewonnen, seitdem das Vertrauen in die staatlichen Schulen durch den Pisa-Schock geschwunden ist. "Die Schule von heute ist ein Produkt der industriellen Revolution und für die heutigen Anforderungen ungeeignet", sagt Wilke. Seiner Ansicht nach fördere das eigenständige Lernen an den Sudbury-Schulen die Fähigkeit der Schüler, sich als Erwachsene erfolgreich neues Wissen zu erarbeiten. Geht es nach dem Reformer, kommen bald alle Kinder in Deutschland in den Genuss des selbstbestimmten Lernens.

Seine Mitstreiter vom Bodensee sind da bescheidener. Kirchner hofft, dass sie das Tübinger Oberschulamt möglichst bald von den Vorzügen ihrer Schulgründung überzeugen kann: "Schließlich wir machen ja nichts Schlechtes - außer dass wir den anderen Schulen hoffentlich viele Schüler wegnehmen."

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