Nationalstolz U21 "Was soll die Schlaaand-Euphorie?"

Sie fieberten mit, feuerten an und freuten sich, als die DFB-Elf in Brasilien Weltmeister wurde. Aber sind sie jetzt stolz, Deutsche zu sein? Zehn junge Fans U21 erzählen von ihren Schland-Gefühlen.
Marie Haase (l.) und Freunde: Deutsche Farben? Ja. Deutscher Stolz: Nein, danke

Marie Haase (l.) und Freunde: Deutsche Farben? Ja. Deutscher Stolz: Nein, danke

Foto: Marie Haase

Marie Haase, 19, aus Laatzen

Macht es mich stolz, dass Deutschland das Finale als Sieger verlässt? Klarer Fall: Nein, es macht mich nicht stolz, dass elf deutsche Sportler einen internationalen Wettkampf gewinnen. Warum auch? Dass ich der gleichen Nationalität angehöre wie die Siegerelf, ist schlicht Zufall. Warum sollte ich auf einen Zufall stolz sein? Was soll die ganze Schlaaand-Euphorie, die im Moment wieder das ganze Land verrückt macht? Wann werden die Deutschlandwimpel endlich wieder von den Autos verschwinden? Ehrlich gesagt freue ich mich darauf, dass die WM vorbei ist - und ich endlich wieder eine Grillparty schmeißen kann, ohne nebenbei den Fernseher laufen zu lassen.

Natalie Prautsch, 15, aus Greiz

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich auf den Sieg der deutschen Nationalmannschaft reagieren soll. Stolz bin ich auf jeden Fall auf sie. Ich bin deswegen aber nicht stolz, Deutsche zu sein, sondern lediglich froh, hier zu leben.

Ich habe sehr ausgiebig Fußball geschaut - ganz ohne Wimpel und schwarz-rot-goldene Fanartikel. Ich habe mich dabei auch solidarisch gefreut, wenn eines der kleineren Länder weitergekommen ist. Wobei die deutsche Mannschaft zweifellos eine der besten dieser Weltmeisterschaft war, sie lieferte fabelhafte Ergebnisse ab.

Was ich jedoch nicht so gut finde: Dass Brasilien für die WM Milliarden in Stadien gesteckt hat - und nicht in Bildung, in die Infrastruktur oder den Kampf gegen Armut. Für die Demonstrationen der Bürger interessierte sich im Laufe der Meisterschaft keiner mehr. Auch nicht für die geplante Maut, für die Nahostkrise, für das Freihandelsabkommen.

Ich finde aber, dass die WM auch Vorteile mit sich gebracht hat: Das Public Viewing hat die Gemeinschaft gestärkt, Tausende Menschen feierten die deutschen Fußballhelden. Und es schauten auch mal andere Jugendliche ZDF und ARD - sonst werde ich dafür eher schief angesehen.

"Ja, ich bin stolz": Björn-Hendrik feierte beim Public Viewing

"Ja, ich bin stolz": Björn-Hendrik feierte beim Public Viewing

Foto: Björn-Hendrik Otte

Björn-Hendrik Otte, 16, aus Fürth

Endlich!!! Wir sind Weltmeister. Ja, ich bin stolz. Ich bin stolz auf unsere Mannschaft. Ich bin stolz, dass wir solche Fußballer in unserem Land haben. Und ja, ich bin auch stolz darauf, Deutscher zu sein.

Beim Viertelfinale ging ich das erste Mal mit Freunden zum Public Viewing. Es ist ein tolles Gefühl, wenn Tausende Menschen die Nationalhymne singen und anschließend unsere Jungs in Brasilien anfeuern. Das Halbfinale habe ich nicht ganz mitbekommen. Spätestens nach dem fünften Tor galt unsere Aufmerksamkeit den Hunden meines Freundes und dem Kicker im Wohnzimmer. Das siebte Tor hat keiner mehr gesehen. Das Endspiel sah ich mit Freunden und 20.000 anderen Fans. Nach Abpfiff lagen wir uns mit feuchten Augen in den Armen.

Ein Moment hat mich im Spiel besonders stolz gemacht: Als Miroslav Klose ausgewechselt wurde, gab es extra langen Beifall für unseren Fußballgott.

"Applaus dafür"? Erik hört den Korso und denkt an zu wenig Schlaf

"Applaus dafür"? Erik hört den Korso und denkt an zu wenig Schlaf

Foto: Privat

Erik Dabbert, 19, aus Leipzig

Wir sind Weltmeister. Neuer ist Weltmeister. Schweinsteiger, der Aufopferungsvolle, ist Weltmeister. Meine Nachbarn, die lauthals "We are the Champions" von Queen aus dem Fenster grölen, der Typ aus dem Pub, der später auf die Straße vor meiner Wohnung kotzt, die Kanzlerin, der Bundespräsident und Franz Josef Wagner - alle Weltmeister.

Nur ich, und damit offenbar einer von wenigen, kann mich nicht so recht über meinen Titel freuen. Während um mich Autokorsos durch die Straßen tröten, Feuerwerk den Himmel erleuchtet und sich Israel für den Einmarsch in den Gazastreifen rüstet, liege ich in meinem Bett und denke vor allem an den Schlaf, der mir fehlen wird.

Gute vier Wochen Weltmeisterschaft sind vorbei. Vier Wochen in denen Hightech Torerkennungssysteme, Debatten über die richtige Spielaufstellung und umstrittene Schiedsrichterentscheidungen die Titelseiten dominierten. Vier Wochen Technik, Taktik, Tralala.

Es ging zwar auch ein bisschen um Politik, um Demonstrationen und Schützenpanzer in Favelas, aber am Ende ist alles doch nur ein Spiel. Und Hauptsache wir sind Meister. Wir, die Einheitsidentität Fußballdeutschland. Und das sind wir ja jetzt auch. Applaus dafür.

Philipp zog zu jedem Spiel das Trikot über

Philipp zog zu jedem Spiel das Trikot über

Foto: Philipp Wenzel

Philipp Wenzel, 17, aus Pinneberg

Na klar macht es mich stolz, wenn Deutschland gewinnt. Die Fußballweltmeisterschaft ist eine der größten Sportveranstaltungen der Welt. Jedes Spiel verfolgen allein in Deutschland mehrere Millionen. Als deutschen Staatsbürger macht mich ein Erfolg in Brasilien natürlich stolz.

Fußball gehört zu den wenigen Dingen, die eine unfassbare Euphorie verbreiten. Für mich ist es selbstverständlich, die deutsche Nationalmannschaft zu unterstützen: Zu jedem Spiel ziehe ich das Trikot über, einen Sieg feiere ich gebührend. Schließlich sind wir ja auch eine (Fußball-)Nation. Und das sollte man nicht nur in Brasilien zeigen - sondern auch hierzulande feiern.

Foto: Max Bauer

Max Bauer, 18, aus Coburg

Ich habe meinen Bruder von einem Public Viewing abgeholt. Auf dem Hinweg kam mir ein Auto entgegen - auf dem Rückweg standen wir im Stau, einem schwarz-rot-goldenen Stau. Aus den Mienen vieler sprach Freude, Lust am Feiern, Spaß an dieser ausgelassenen Ausnahmesituation, klar. Doch daneben unübersehbar auch Stolz.

Worauf? Das verstehe ich nicht. Auch ich bin stolz auf Deutschland, auf die deutsche Gesellschaft. Auf ein - wenn auch nicht perfektes, aber funktionierendes - Bildungs- und Gesundheitssystem, auf Frieden, Sicherheit, Stabilität. Den Erfolg eines knappen Dutzends Fußballspieler auf eine Nation, eine Gesellschaft zu projizieren, halte ich jedoch für fragwürdig.

Ankunft in Stuttgart: Katharina (r.) wurde im Zug Weltmeister

Ankunft in Stuttgart: Katharina (r.) wurde im Zug Weltmeister

Foto: Katharina Schröder

Katharina Schröder, 17, aus Ladenburg

Selbst der größte Fußballmuffel hat alle vier Jahre Schwierigkeiten, sich gänzlich der Fußballwelt zu entziehen. Facebook ist vollgestopft mit Posts, die vor Nationalstolz triefen, draußen versperren Autokorsos die Straßen und am Himmel sieht man die Reste der Silvesterraketen knallen, das WM-Fieber reißt fast jeden mit.

In meinem Freundeskreis wurde das Finalwochenende zur Härteprobe. Wir waren auf einem Festival und verbrachten das Endspiel im Zug. Der Versuch das Spiel über ein Radio mitzuerleben, scheiterte kläglich an Tunneln und Funklöchern. So kamen wir zu Hause an und waren plötzlich Weltmeister.

Nicolas freut sich: Endlich Weltmeister! Aber wäre er stolz auf Platz 1 seiner Lieblingsband?

Nicolas freut sich: Endlich Weltmeister! Aber wäre er stolz auf Platz 1 seiner Lieblingsband?

Foto: Nicolas Reichert

Nicolas Reichert, 17, aus Coburg

Wir sind Weltmeister! Endlich! Deutschland, nein, ganz Schlaaaaand jubelt. Aber bin ich deswegen stolz, Deutscher zu sein? Stolz auf die Leistung, die 23 Spieler und noch mehr Betreuer und Trainer zusammen erbracht haben? Kann sich ein ganzes Land wirklich auf eine kleine Gruppe von Menschen, die etwas geleistet haben, reduzieren?

Ich fühle mich komisch bei dem Gedanken, stolz auf die Leistung anderer zu sein, die ich nicht mal persönlich kenne. Denn ich war es nicht, der so hart trainiert hat, der sich so ausgepowert hat. Das waren die Spieler. Die, die sagen, dass sie für Deutschland spielen. Aber meinen sie das Land? Oder meinen sie einfach den Namen ihrer Mannschaft, der in diesem Fall Deutschland ist? Jeder Spieler spielt doch in erster Linie für seine Mannschaft. Er spielt, um zu gewinnen, und er spielt immer so gut, wie er kann. Ist es nicht sehr viel logischer, wenn man Fan eines einzelnen Spielers ist, egal wo er spielt?

Auch ich habe mitgefiebert, jedes Spiel geschaut, geschwitzt, geschrien, gelacht. Aber das mache ich auch auf Konzerten. Da bin ich auch nicht stolz, da fühle ich mich auch nicht verantwortlich, wenn eine Band mit ihrem Album auf Platz eins der Charts landet.

Was aber ist es für ein Gefühl, das man nach diesem zweifellos packenden Finale spürt? Erleichterung? Auf jeden Fall. Ist es Freude? Ja. Bin ich glücklich? Ein bisschen. Bin ich stolz? Nein, das kann ich beim besten Willen nicht behaupten.

Halbfinale als Weckruf: Feuchte Hände, zuckende Beine

Halbfinale als Weckruf: Feuchte Hände, zuckende Beine

Foto: Dreßler

Saskia Dreßler, 18, aus Ingersheim

Fußball! 22 Männer versuchen, einen Ball in das gegnerische Tor zu kicken. Dabei beweisen die Fußballspieler nicht selten schauspielerisches Talent, wenn sie sich über den Rasen wälzen. Damit verbinde ich den Sport.

Folglich rauschte die WM zuerst völlig an mir vorbei. Selbst der Enthusiasmus meiner Familie - vom Dreijährigen bis zur Oma - ließ mich kalt. So hätte es bleiben können, wenn nicht das Halbfinale gewesen wäre. Das war wie ein Weckruf. Ein Kribbeln erfasste mich. Somit konnte ich das Finale nicht verpassen.

Meine Hände waren feucht, die Beine zuckten nervös. Der deutsche Sieg war meine Erlösung: Die Mannschaft hat sich ihren Sieg wirklich verdient, darauf bin ich stolz. Deswegen bin ich aber nicht stolz, Deutsche zu sein. Denn das Leben geht auch ohne die WM weiter.

Helen verbeugt sich vor der sportlichen Leistung, nicht vor der Nationalität

Helen verbeugt sich vor der sportlichen Leistung, nicht vor der Nationalität

Foto: Dorothea Grimm

Helen Anders, 19, aus Coburg

Natürlich macht es mich stolz, wenn Deutschland gewinnt. Trotz allem aber ist es nur Sport und kein Wunder, das die Weltgeschehnisse verändern wird. Kriege, die Finanzkrise und alle politischen und gesellschaftlichen Probleme wird der Sieg bei einem Fußballturnier nicht beheben.

Ob ich nur deshalb stolz bin, weil ich Deutsche bin? Nein. Ich bewundere die sportliche Leistung der Nationalmannschaft und die taktische Geschicklichkeit, ich verbeuge mich vor der sportlichen Leistung, nicht vor der Nationalität.

Ich habe den Abend mit Kommilitonen beim Public Viewing verbracht und versucht, die durchnässte Menschenmenge ein wenig in Stimmung zu bringen. Aber das Wetter hat den Brasilien-Flair einfach zerstört. Auf Autokorso habe ich verzichtet, ich wohne direkt an einer Kreuzung und hatte noch drei Stunden nach dem Spiel meine Ohrstöpsel drin.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.