Einser-Abschlüsse Warum immer mehr Abiturienten so gute Noten haben

Jeder vierte Abiturient hatte vergangenes Jahr eine Eins vor dem Komma, 2008 war es noch jeder fünfte. Sind die Schüler heute klüger - oder die Prüfungen einfacher?

Abiturienten in Rostock bereiten sich in der Aula ihres Gymnasiums auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor (Archiv)
Bernd Wüstneck/ DPA

Abiturienten in Rostock bereiten sich in der Aula ihres Gymnasiums auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor (Archiv)

Von Franca Quecke


Immer mehr Schüler machen ein sehr gutes Abitur: 2008 hatte durchschnittlich noch jeder fünfte Absolvent einen Notenschnitt von mindestens 1,9. Zehn Jahre später war es bereits mehr als jeder vierte. Das zeigen Zahlen der Bildungsministerien, die die "Rheinische Post" ermittelt hat. Nur Baden-Württemberg verzeichnete demnach einen leichten Rückgang. In 15 der 16 Bundesländer ist der Anteil der Einser-Abiturienten gewachsen.

Wegen solcher Statistiken schlagen Verbände und Bildungsforscher schon seit Jahren Alarm. Ihr Vorwurf: Die Qualität des Abiturs sinke zunehmend. "Wir sehen es mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden", sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband der "Rheinischen Post". Der "Noteninflation" müsse Einhalt geboten werden. Schon heute fehlten Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse, etwa in Mathematik.

Auch der Deutsche Lehrerverband hat wiederholt davor gewarnt, dass die Noten immer besser und die Anforderungen an Abiturienten niedriger würden. Stimmt das? Antworten auf wichtige Fragen:

Woher kommt die Noteninflation?

"Empirisch betrachtet gibt es keine Anzeichen dafür, dass Schüler schlauer geworden sind", sagt Nele McElvany, Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund.

Vielmehr könnten mehrere andere Gründe eine Rolle spielen:

  • Schulen stünden immer stärker im Wettbewerb miteinander. Dass der Notenschnitt der Abiturienten an einzelnen Schulen oft öffentlich zugänglich sei, erhöhe den Druck zusätzlich, sagt Nele McElvany.

"Sowohl Eltern, Lehrer als auch Politiker haben ein Interesse daran, möglichst erfolgreiche Schüler auf allen Ebenen zu haben", sagt auch Marko Neumann vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Dementsprechend sei durchaus vorstellbar, dass die Anforderung in Prüfungen gesenkt oder mildere Noten vergeben werden.

  • Ob die Lehrer tatsächlich besser benoten, lässt sich nur schwer überprüfen. Aus der Kultusministerkonferenz hieß es, es seien in den vergangenen Jahren etliche Bildungsstandards eingeführt worden. Dies könnte eventuell zur einer Verbesserung der Noten geführt haben.
  • Prüfungsaufgaben seien heute kleinschrittiger als früher, sagte die Leiterin des Münchner Stark-Verlags Christiane Heidrich 2016 in einem Interview mit dem SPIEGEL. Schüler würden außerdem in den Prüfungen besser angeleitet. Dadurch könnten sie die Aufgabe besser abarbeiten und Teilpunkte sammeln. "Das wirkt sich möglicherweise positiv auf die Abschlussnote aus."

Ist das Abitur in Thüringen leichter als in Schleswig-Holstein?

Die Unterschiede zwischen den Regionen sind riesig: In Thüringen hatten im vergangenen Jahr fast 38 Prozent der Abiturienten eine Eins vor dem Komma stehen, dahinter folgten Sachsen und Bayern. Beim Schlusslicht Schleswig-Holstein waren es nur 17,3 Prozent, allerdings im Jahr 2017.

Thüringen, Bayern und Sachsen lägen zwar auch bei den üblichen Leistungserhebungen und Bildungsstudien in der Regel im Spitzenbereich, sagt Bildungsforscher Neumann. Doch inwieweit Schüler dort kurz vor dem Abitur über alle Fächer hinweg kompetenter sind, sei fraglich. "Ich würde Thüringen und Sachsen auch nicht unterstellen, dass Leistungsanforderungen dort bewusst lascher sind als in anderen Bundesländern."

Doch woran können die Unterschiede dann liegen? Auch Bildungsforscherin McElvany zufolge ist die weite Spanne der Abiturschnitte nicht auf Qualität zurückzuführen - sondern eher auf die unterschiedlichen Vorgaben und Bewertungen der Länder oder auf Fächerkombinationen in den Prüfungen.

So fügen die Bundesländer Zensuren aus den Halbjahren der Oberstufe und der finalen Abiturprüfungen auf höchst unterschiedliche Weise zu einem Durchschnittswert zusammen. Mal zählen Kurse in der Bewertung beispielsweise doppelt, mal nicht.

Wie vergleichbar sind die Zahlen?

Jedes Jahr veröffentlicht die Kultusministerkonferenz die Abiturnotenschnitte aus den einzelnen Ländern, die jüngsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2017. Für 2018 liegt diese Auswertung noch nicht vor.

Die Statistiken, die der SPIEGEL in den Ländern direkt abgefragt hat, sind jedoch nur schwer miteinander vergleichbar: Manchmal bezieht sich der Anteil der Einser-Abiturienten auf alle zugelassenen Abiturienten, manchmal lediglich auf die Zahl der bestandenen Prüfungen.

Am Beispiel von Baden-Württemberg zeigt sich allerdings: Die Verzerrungen, die sich daraus ergeben, sind gering. Berücksichtigt man die durchgefallenen Schüler, um die Quote der Einser-Abiturienten zu berechnen, liegt der Anteil der exzellenten Schüler bei 23,1 Prozent. Andernfalls liegt er bei 24 Prozent.

Warum ist die Datenlage generell so dürftig?

Durch nationale und internationale Leistungsuntersuchungen in der Grundschule und Mittelstufe wissen Experten gut, wo die Stärken und Schwächen vieler Schüler in dieser Altersstufe liegen. Doch kurz vor dem Abitur gibt es keine standardisierten Leistungserhebungen wie Pisa oder Iglu. "Es fehlen bundesweite Informationen, über welche Kompetenzen Schüler in den letzten drei Schuljahren vor dem Abitur verfügen", sagt Bildungsforscher Neumann. "Auch die Noten in der Oberstufe können darüber nur bedingt Aufschluss geben, weil sie begrenzt vergleichbar sind."

Dem Bildungsexperten zufolge könnten standardisierte Erhebungen ein halbes Jahr vor dem Abitur helfen, die Kluft zwischen den Bundesländern zu erklären - und die Schüler zusätzlich auf die Prüfungen vorzubereiten.

Bisher seien diese allerdings nicht geplant: "Gerade beim Abitur scheuen sich die Länder davor offenzulegen, über welche Kompetenzen die Abiturienten tatsächlich verfügen", sagt Neumann. "Dabei wäre Transparenz an dieser Stelle deutlich lösungsorientierter als Spekulationen, die das Vertrauen in das Abitur jedes Jahr aufs Neue schmälern."

Wie soll das Abitur vergleichbarer werden?

Seit 2017 können die Bundesländer sich aus einem gemeinsamen Pool aus Abituraufgaben in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch bedienen. Das Ziel: Ein bayerisches Abi soll genauso viel Wert sein wie eines aus Nordrhein-Westfalen.

Doch inwiefern dieses Ziel nähergerückt ist, ist noch schwer zu sagen: "Wir können noch nicht feststellen, dass der Aufgabenpool in nennenswerter Weise für mehr Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern gesorgt hat", sagt Bildungsforscher Neumann.

McElvany glaubt nicht, dass das aktuelle Konzept der Pools überhaupt wirksam ist: Zum einen beteiligten sich längst nicht alle Bundesländer an dem Konzept. Außerdem seien sie nicht verpflichtet, die Aufgaben eins zu eins zu übernehmen - vielmehr dürften sie sie ergänzen oder abändern. "Es ist nur eine Annahme, aber: Wenn ich Bildungsministerin wäre, würde ich nicht unbedingt die schwerste Aufgabe auswählen, um mich anschließend für schlechte Abiturergebnisse rechtfertigen zu müssen", sagt McElvany.

Die Kriterien für die Benotung sind ebenfalls nicht einheitlich - was in diesem Jahr für Streit beim Matheabitur gesorgt hatte. Und selbst wenn die Abiturprüfungen einheitlich bewertet würden, machen sie nur einen Teil der Gesamtleistung aus. In die Abiturnote zählen nämlich auch die Beteiligung am Unterricht, Noten in Klausuren und weitere Leistungen.

Auch in Zukunft werden sich die Fähigkeiten der Abiturienten also nicht einfach miteinander vergleichen lassen können, schon gar nicht über Ländergrenzen hinweg.



insgesamt 96 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
carlitom 17.09.2019
1.
Super. Was bringt der Pool, wenn die Aufgabenbedingungen unterschiedlich sind. Wie war das damals? Bremen und Baden-Württemberg gleich Englischaufgabe. Bremen eine Stunde mehr Zeit zur Verfügung, dazu ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch. BW eine Stunde weniger und ein Englisch-Englisch-Wörterbuch. Überraschung: BW-Ergebnisse schlechter. Wie kommt's bloß?
Tom77 17.09.2019
2. Beschweren und klagen
Ich glaube, die meisten Schulen und Lehrer haben einfach keine Lust, dass ständig Eltern rumnölen und mit Anwälten drohen. Und die Schüler haben ja heute die Einstellung, dass ihnen mit wenig Arbeit generell schon eine Top-Note zusteht. Andernfalls wird protestiert, bis nachgebessert wird. Es wird nicht etwa überlegt, was man selbst falsch gemacht hat und wo man noch mehr hätte lernen müssen. Nein, wenn heute in der Schule versagt wird, dann sind die Lehrer Schuld, die Schule und generell das Bildungssystem. Die Generationen, die aktuell heranwachsen, sind alles Generationen, deren Eltern noch nicht einmal mehr Krieg, Entbehrung und harte Arbeit kennengelernt haben und die ihre Kinder wie kleine egoistische Prinzen und Prinzessinnen erziehen und schon allein aus Statussucht wollen, dass aus ihren Sprösslingen mal was Besonderes wird - geht ja schließlich nicht, wenn der Nachbarssohn studiert und das eigene Kind nicht. Wer schon mal einen Praktikanten eingestellt hat oder einen Berufsanfänger im Büro um die Ohren hatte, der um die 20 ist, weiß wovon ich rede. Die jungen Leute heutzutage denken, sie wissen alles und vor allem alles besser und lassen sich auch nichts von Leuten sagen, die den Job schon 15-20 Jahren machen. Zudem erwarten die jungen Leute heute, nicht zu viel Arbeit auf den Tisch zu bekommen und das, was sie tun, wird auch eher oberflächlich erledigt. Bei den meisten ist überhaupt kein Ansporn vorhanden, sich selbst zu beweisen und durch Arbeit und Leistung im Beruf aufzusteigen. Da wird eher erwartet, dass man gleich als Einsteiger schon Senior Manager sein muss und generell ist es sowieso ein Unding für die jungen Leute, viel zu arbeiten und auch noch im Büro. Work-Life-Balance ist einfach wichtiger. Die jungen Leute, die heute heranwachsen, überschätzen sich vielfach maßlos.
m82arcel 17.09.2019
3.
Vermutlich gibt es viele Gründe, die alle einen Teil zu diesem Trend beitragen. Ich möchte als weitere Möglichkeit noch Plattformen wie YouTube ins Spiel bringen. Wenn ich früher ein Verständnisproblem (zB in Mathe) hatte, war ich auf den Lehrer/die Lehrerin angewiesen. Heute gibt es zu jedem (Schul-) Thema dutzende gute Videos, welche Schülerinnen und Schüler sich wann und so oft sie wollen anschauen können. Ergänzend Erklärungen auf diversen Seiten, Foren, etc. Ich denke, dass man den Einfluss der Technologie nicht unterschätzen sollte. So können Schülerinnen und Schüler auch bessere Noten bekommen, ohne intelligenter zu sein und ohne, dass Prüfungen leichter sind - die Möglichkeiten zur Vorbereitung sind einfach vielfältiger und erreichen damit möglicherweise auch jene besser, die im Klassenverband, mit Frontalunterricht oder schlicht durch den einzelnen Lehrer/Lehrerin früher nicht erreicht wurden.
TS_Alien 17.09.2019
4.
Die Prüfungen im schriftlichen Abitur und die Klausuren in der Oberstufe sind leichter geworden. Woher ich das weiß? Ich erstelle seit 20 Jahren welche. Die schwierigen Aufgaben von früher kann ich heute nicht mehr stellen. Außer, ich möchte 90 % der heutigen Schüler bei diesen Aufgaben an irgendeiner Stelle scheitern sehen.
Also ... ööö 17.09.2019
5. AufnahmePrüfungen für die weitere Ausbildung (FH, TH, TU, UNI, ...)
Die sogenannte Allgemeine Hochschulreife ist - wie allgemein beklagt - nicht mehr ausreichend um ein Studium an einer Universität erfolgreich abzuschliessen. Eindeutig zu beobachten an der hohen Anzahl Abbrecher. Von "allgemein" - was wohl die Breite der schulischen (Aus)Bildung reflektieren soll - ist sowieso nichts mehr zu sehen. Das Basiswissen in den MatNat Fächern ist geradezu fatal niedrig. Daher plädiere ich für Aufnahmeprüfungen der Universitäten, wobei deren genauer Ablauf jeder Uni freigestellt sein sollte. In künstlerischen Fächern, z.B. einem Musikstudium, ist das schon immer Standard: Spielt der Kandidat gut genug Geige um an der Musikhochschule X zu studieren? Ein Vorspie lentscheidet - eine fachspezifische Aufnahmeprüfung. Warum führt man diese Art der konkurrierenden Auswahl von Studenten nicht für die Universitäten ein? Jede Uni sucht sich dann ihre Studenten nach ihren eigenen Ansprüchen aus. Und wenn dann aus dem Bundesland X kein Abiturient die Aufnahmeprüfung z.B. an der LMU München schafft, dann wird sich das Bundesland überlegen (müssen) was zu tun wäre ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.