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10. Dezember 2008, 17:33 Uhr

Deutschlands beste Schule

Von Münster lernen heißt siegen lernen

Preisgeld verdoppelt, den Bundespräsidenten ins Boot geholt, das Fernsehen sendet live: Der Deutsche Schulpreis wird zelebriert wie eine Oscar-Verleihung. Auf sieben Schulen regnet es Geld - und eine Grundschule aus Nordrhein-Westfalen kann sich besonders freuen.

Immer diese unangenehme Schulhektik - hier Pisa, dort Iglu und Timss, bald auch noch die Bildungsstandards, da wird manchem Lehrer gleich ganz blümerant: So kann ich nicht arbeiten! Auch Bildungspolitiker wenden sich bisweilen mit Grausen ab, wenn Gutachter, womöglich sogar internationale Experten zur Visite in deutsche Schulen ausrücken.

Kein Zweifel, die Beschaulichkeit in den Klassenzimmern ist dahin, stärker sprießt der Wettbewerbsgedanke. Das muss nicht schlimm sein. Mediziner unterscheiden ja konträre Stressfaktoren: Dystress ist die bedrohliche, die finstere Variante, die zu Anspannung und Versagensängsten führen kann. Die fröhliche Schwester heißt Eustress - fördert die Aufmerksamkeit, macht Menschen munter, tut dem Organismus gut.

Deutscher Schulpreis: "Dem Lernen Flügel verleihen", lautet das Motto

Deutscher Schulpreis: "Dem Lernen Flügel verleihen", lautet das Motto

Einfach mal eine Runde jubeln durften bei den letzten Verkündigungen von Schulvergleichen die Schüler und Lehrer, Eltern und Minister im Süden und im Osten Deutschlands. Im Norden und Westen gab es eher wenig zu lachen. Am Mittwochnachmittag änderte sich das: Deutschlands beste Schule nämlich liegt in Nordrhein-Westfalen.

Das jedenfalls sehen die Juroren des Deutschen Schulpreises so. Einen warmen Geldregen bescherten sie insgesamt sieben Schulen, die mit ihrem pädagogischen Konzept und den schulischen Leistungen zu überzeugen wussten, allen voran die Wartburg-Grundschule in Münster, die 100.000 Euro abräumte.

Frontalunterricht war gestern

Was hat diese Schule, was andere Schulen nicht haben? Einige ganze Menge: Die Wartburg-Grundschule war die erste Ganztagsschule in Münster und bietet schon seit den siebziger Jahren Freiarbeit und offenen Unterricht an. Sie besteht aus vier bunten "Kinderhäusern" mit viel Glas und großen Holzterrassen davor. Die Kinder dort lernen nicht durchgehend, sondern spielen zwischendurch immer wieder. Von morgens um acht bis nachmittags um vier wechselt sich beides ab.

Jubel in Münster: Die Wartburg-Grundschüler feiern den ersten Platz
DPA

Jubel in Münster: Die Wartburg-Grundschüler feiern den ersten Platz

Jede Klasse hat einen Nebenraum, in dem die Schüler lesen oder spielen können. Unterstützt werden die Wartburg-Lehrer von Erziehern und Praktikanten aus der Uni. Für zwanghaftes Siezen ist hier kein Platz: Alle 360 Schüler und die 40 Pädagogen sind per du. Regelmäßig tagt ein Schülerparlament.

Anstelle von klassischem Frontalunterricht und starren Stundenplänen gibt es für jedes einzelne Kind einen Lernplan; das Ziel bestimmt ein Schüler zusammen mit seinem Lehrer. Jeden Tag essen Lehrer und Schüler gemeinsam in den Klassenräumen, nicht in einer Mensa oder Kantine. Der Schulhof ist kein betonierter Hof, sondern eine Wiese mit Bachlauf - und das nicht irgendwo auf dem Land, sondern mitten im Stadtteil.

Die Stadt hatte die vier Häuser vor zwölf Jahren so bauen lassen, dass sie den Bedürfnissen der Schule entsprechen. Das würdigt jetzt die Jury ebenso wie die "pädagogische Exzellenz" der Wartburg-Schule: "Hier ist eine Schule kinderfähig gemacht worden durch pädagogische Architektur", sagte der Laudator Christof Bosch bei der Preisverleihung.

250 Schulen traten an, 14 schafften es ins Finale

Vier weitere Schulen bekommen je 25.000 Euro: die Grund- und Hauptschule Altingen in Ammerbuch (Baden-Württemberg), das Gymnasium Schloss Neuhaus Paderborn, die integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel und die Schule am Voßberg in Rastede. Zwei Sonderpreise, mit jeweils 15.000 Euro dotiert, gehen an die Grundschule im Grünen in Berlin sowie an die Werkstattschule Bremerhaven.

Das Besondere an der Bremerhavener Schule: Es gibt nur an einem Tag in der Woche klassischen Unterricht in Mathe, Deutsch und Politik. An vier Tagen arbeiten die Schüler. Sie streichen Türen, zimmern Tische und bauen Kindergärten. Alle kommen von Hauptschulen, an denen sie vor allem durchs Schwänzen aufgefallen waren.

Die prämierten Schulen setzten sich gegen 243 Mitbewerber durch, 50 kamen in die Vorrunde, 20 wurden von Expertenteams besucht, gerade mal 14 schafften es ins Finale. Und aus jenen 14 wählte die Jury jetzt die überzeugendsten aus. Die Juroren orientierten sich dabei an sechs sogenannten Qualitätsbereichen.

Am eigenen Schopf aus dem Sumpf

Verliehen wird der deutsche Schulpreis seit drei Jahren von der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung. Im Jahr 2007 gewann die Robert-Bosch-Gesamtschule aus Hildesheim in Niedersachsen. Es war ein besonderer Erfolg: Wenige Jahre zuvor wäre die Schule fast geschlossen worden, hatte einen miesen Ruf in der Stadt. Immer weniger Schüler meldeten sich an.

Es musste sich etwas ändern - und die Lehrer "wollten sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen", sagte Schulleiter Wilfried Kretschmer. Schulleitung, Lehrer, die Universität Hildesheim und Firmen aus dem Ort entwickelten neue Ideen für die Schule und den Unterricht. Prompt verdreifachten sich die Anmeldezahlen.

Marketingtechnisch haben die Schulpreis-Ausrichter in diesem Jahr stark aufgerüstet. Letztes Jahr bekamen die Gewinner ihre Preise von Bundesbildungsministerin Annette Schavan überreicht, diesmal schüttelte Bundespräsident Horst Köhler ihnen die Hand, flankiert unter anderem von Schauspieler Herbert Knaup, Olympiasieger Matthias Steiner und Sänger Clueso. Und ins Fernsehen kamen sie auch, live im Sender Phoenix. Großes Bohei also - und das verdoppelte Preisgeld können die Schulen sicher gut gebrauchen.

otr

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