Deutschpflicht an Schulen Zur Strafe den Schulhof fegen?

Der Hamburger CDU-Politiker Robert Heinemann sorgt mit einem Besen-Appell für Wirbel: "Schüler, die nicht Deutsch sprechen, sollen den Schulhof fegen." Bundesweit findet ein strikter Deutschzwang auf dem Pausenhof indes kaum Anhänger - und türkische Verbände sind empört.

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Dass eine Realschule im Berliner Stadtteil Wedding ihre Schüler verpflichtet, auch auf dem Pausenhof ausschließlich Deutsch zu sprechen, hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Politiker und Bildungsexperten rätseln vor allem, wie man eine solche Regelung überhaupt kontrollieren soll - und welche Strafen dann auf Missachtung stehen könnten. Ein Hamburger CDU-Politiker brachte sich mit drastischen Maßnahmen ins Gespräch: "Sanktionen müssten die Schulen selbst festlegen. Mögliche Strafe: Wer nicht Deutsch spricht, soll den Schulhof fegen!", sagte der Schulexperte Robert Heinemann der "Bild"-Zeitung.

Schulhof (Herbert-Hoover-Schule in Berlin): Man spricht Deutsch
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Schulhof (Herbert-Hoover-Schule in Berlin): Man spricht Deutsch

Dafür ernetete Heinemann laut "Bild" heftige Kritik. Man dürfe niemand unter Androhung drakonischer Strafen seine Muttersprache verbieten, sagte zum Beispiel die Grünen-Fraktionsvorsitzende Christa Goetsch und empfahl Heinemann "Nachhilfeunterricht in Sachen Pädagogik". Von einem "Rückfall in die fünfziger Jahre" sprach Holger Gisch, Vorsitzender der Elternkammer Hamburg, und erinnerte sich "mit Grauen daran, selbst als Kind den Schulhof fegen zu müssen".

Zum Zitat steht Heinemann durchaus, rückt es aber in einen anderen Zusammenhang, den die "Bild" ausgelassen habe. Der schulpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion setzt auf die Selbstverantwortung der Schulen, "ob und welche Regelungen sie finden wollen", weil die Politik generell weniger von oben vorgeben solle. Im Fall einer Übereinkunft über die Sprache auf dem Schulhof müsse die Schule natürlich auch über Sanktionen nachdenken, sagte Heinemann SPIEGEL ONLINE. Ein Verweis oder Ausschluss vom Unterricht komme kaum in Betracht, Streitschlichter unter den Kindern und Jugendlichen seien die bessere Lösung. Und wenn es einmal zum Fegen des Schulhofs komme, sei das "keine Katastrophe". Heinemann schränkt aber ein: "Das ist sicher nicht der pädagogischste aller Ansätze - und vor allem lernt man davon kein Deutsch."

Die Länder möchten sich nicht einmischen

Die Hamburger Schulsenatorin glaubt nicht, dass Deutschsprechen auf dem Schulhof angeordnet werden kann. Damit komme man nicht weiter, sagte Alexandra Dinges-Dierig (CDU). Wenn sich Eltern, Lehrer, Schüler und Schulleitung aus freien Stücken auf eine Sprach-Regelung verständigten, werde sie das "gern unterstützen". Eine Anordnung hält Dinges-Dierig aber für den falschen Weg und auch für unnötig: "In Hamburg gibt es viele Migranten aus verschiedenen Regionen, die schon wegen ihrer unterschiedlichen Muttersprachen die gemeinsame Sprache Deutsch zur Kommunikation nutzen."

Die Initiative der Berliner Schule zur Pflichtsprache Deutsch sorgte in den letzten Tagen in allen Bundesländern für ein enormes Echo. Die Debatte spitzt sich zu. Vor allem türkische Verbände sind empört und forderten Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) auf, gegen ein Verbot anderer Sprachen vorzugehen, weil dies gegen Grundrechte verstoße und die "Inkompetenz und Unfähigkeit des deutschen Bildungssystems" offenbare. So tritt der Türkische Elternverein in Berlin-Brandenburg "entschieden gegen eine kulturell und sprachlich gesäuberte Schule ein". "Deutsch sollen die Kinder lernen. Aber nicht durch diese Methode", sagte Vereinssprecher Turgut Hüner heute.

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Pflichtsprache Deutsch: Die Schüler sind dafür

Nach Angaben des Elternvereins gibt es über die Realschule in Wedding sowie die Kreuzberger Borsig-Realschule hinaus auch andere Berliner Schulen, die auf Deutsch als gemeinsame Sprache auch außerhalb der Unterrichtsstunden setzen. Das sei an diesen Schulen allerdings nicht schriftlich fixiert. Auch der Türkische Bund Berlin-Brandenburg wandte sich gegen Sprachverbote. "Uns geht es nicht um einzelne Schulen, sondern um die Botschaft, das Signal, das mit einer solchen Maßnahme verbunden ist", so Sprechrin Eren Ünsal. Ein Verbot bediene ungewollt "bestimmte Ressentiments in der Mehrheitsbevölkerung" und trage sicher nicht zum friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen bei.

Das Thema ist heikel, die Politik bemüht sich, allzu scharfe und laute Töne zu vermeiden. Der Tenor der letzten Tage: Viele Politiker halten Deutsch als gemeinsame Sprache für alle Schüler für notwendig - aber niemand strebt eine strikte Anordnung von oben an, schon gar nicht landesweit. So reagierten die Kultusministerien in Baden-Württemberg, Thüringen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern einheitlich: "Kein Thema", hieß es unisono. Das sächsische Kultusministerium sieht wegen des geringen Ausländeranteils an den Schulen des Landes ohnehin keine Notwendigkeit für eine Deutschpflicht. Bayerns Kultusministerium kritisierte die Sprachregelung als Einschränkung der Persönlichkeitsentfaltung: "Vorzuschreiben, dass nur noch Deutsch gesprochen wird, ist sehr stark mit Fragezeichen zu sehen", so ein Sprecher.

Berliner Schule entschied im Konsens

Ein Sprecher des Schulministeriums in Nordrhein-Westfalen erklärte, es gebe bessere Wege zur Integration ausländischer Schüler, etwa die vorschulische Sprachförderung. Integrationsminister Armin Laschet begrüßte den Vorstoß der Berliner Schule. "Ich wünsche mir, dass Schulen in Nordrhein-Westfalen dem Beispiel aus Berlin folgen", sagte der CDU-Politiker im SPIEGEL-ONLINE-Interview - von einer Zwangsregelung hält er ebenfalls nichts.

Die Kritik an einer Deutschpflicht auf dem Schulhof gilt indes stets nur dem Weg, nicht dem Ziel. Wie Laschet hoffen etliche Politiker, dass die Berliner Idee Schule macht und andere Schulen sich anschließen - freiwillig, in eigener Verantwortung, möglichst im Konsens von Eltern, Lehrern, Schülern. Kindern müssten "alle Chancen" zur Teilhabe an der Gesellschaft gegeben werden, sagte etwa Maria Böhmer (CDU), Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt: "Das bedeutet, dass sie die deutsche Sprache wirklich gut beherrschen sollten", und dazu reiche der Deutschunterricht allein nicht aus.

Maria Böhmer kündigte an, dass sie die Berliner Schule besuchen will, um mit Schülern und Lehrern über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Herbert-Hoover-Realschule in Wedding hat einen Ausländeranteil von über 90 Prozent; in den Klassen haben die Schüler vielfach acht bis zehn verschiedene Muttersprachen. Dort versteht man die große Aufregung nicht so recht - weder Schulleiterin Jutta Heitkamp noch die Schüler.

Denn die Schule legte Deutsch als Pflichtsprache in den Pausen und auf Schulveranstaltungen ohne größere Konflikte fest: Die Klassen und die Eltern diskutierten darüber, die Schulkonferenz stimmte ab. Die Regel gilt schon seit einem Jahr - und die Schüler sind damit sehr zufrieden. Die meisten halten sie selbst für sinnvoll, damit man sich in den Pausen leichter untereinander verständigen kann.

Außerdem denken sie mehr über ihre eigene Zukunft nach, als viele Politiker es sich vorstellen können. Schülersprecher Asad, dessen Eltern aus Pakistan kommen, brachte es so auf den Punkt: "Wir brauchen die deutsche Sprache. Was sollen wir denn machen? Wir wollen unseren Realschulabschluss, und wenn wir eine Lehrstelle finden oder das Abitur machen wollen, dann müssen wir gut Deutsch sprechen", sagte der 17-Jährige SPIEGEL ONLINE.

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