Dialekt an Schulen Bloß nicht nach Niederbayern!

Landen "zuagroaste" Lehrer in Bayerns Provinz, kann die Kommunikation zum handfesten Problem werden. Oft verzweifeln sie am breiten Dialekt ihrer Schüler, verstehen sie einfach nicht. Trotzdem fördert das Kultusministerium die Mundart: Mia san mia.
Von Raphael Geiger

Der Anfang war hart für Lehrer Stefan Liebkind*. "Scha" sagten die Schüler statt "Schere", und wollten sie Papier haben, riefen sie: "Kon i a Bladl hom?" Oft entschuldigte er sich, er habe einfach nicht verstehen können, was die Schüler gerade sagten - "bitte nochmal langsam". Langsam sprachen sie dann. Verständlicher eher nicht.

Aufkleber in München: Mehrsprachig ja, Hochdeutsch eher nicht

Aufkleber in München: Mehrsprachig ja, Hochdeutsch eher nicht

Foto: ddp

Liebkind, 48, Lehrer für Kunst und Englisch, stammt aus dem Saarland, er unterrichtete eine Weile im Rheinland und in Franken. Dort hatte er keine Probleme, die Schüler bemühten sich um ein ordentliches Hochdeutsch.

Nur einmal war er am Verzweifeln. Es stand Besuch aus Niederbayern an, Liebkinds Schule in Unterfranken arbeitete mit einer dortigen Schule an einem gemeinsamen Projekt. Die Niederbayern quasselten vor sich hin, die Franken und Liebkind waren ratlos. "Bloß nie nach Niederbayern versetzt werden, dachte ich."

Doch der Wunsch hielt nicht lange stand: Eine Aufgabe als Seminarlehrer und besonderer Fachreferent lockten ihn ausgerechnet nach - Niederbayern? Exakt.

Dolmetscher für die gröbsten Dialektsprecher

Sein erstes Schuljahr dort war erst ein paar Tage alt, als sich Liebkind mit seinen Schülern auf unorthodoxe Maßnahmen verständigte. Die besonders groben Dialektsprecher bekamen einen Dolmetscher zur Seite, Liebkind wurde im Gegenzug von den Schülern jede Woche ein Zettel mit fünf bayerischen Vokabeln zugesteckt. "Aber man konnte das schlecht lernen. Nach einem Gespräch in der Schule ahnte ich oft erst Tage später, was man mir wohl sagen wollte." Selbst dann, wenn er die betreffende Vokabel schon gepaukt hatte.

Liebkind ist nicht allein mit seinem Problem. Doch auf Hilfe der Politik können er und seine sprachgeplagten Kollegen nicht hoffen: Das bayerische Kultusministerium fördert seit langem den Dialekt in der Schule. "Die Mundart ist doch ein unverzichtbarer Teil der Sprachkultur einer großen Zahl unserer Schüler", sagt Ministeriumssprecherin Nicole Steinbach. "Sie trägt zu ihrer bayerischen Identität bei."

Die Hochsprache müssten sie trotzdem beherrschen - doch auf die Frage, wie sie die lernen sollen, meint Steinbach nur, sie würden schon durch eine "vorbildliche Lehrersprache zum eigenen richtigen Sprechen angeleitet". Nur müssen auch zugereiste Lehrer die Schüler verstehen, bis die "richtig" sprechen können. Beim Kultusministerium will man das Problem nicht zu groß sehen: "Die Mundart nimmt in der Schule keine vorrangige Rolle ein", so Steinbach. Probleme, wie sie Stefan Liebkind und andere erzählen, bestünden "nicht flächendeckend".

Vor allem Referendare sind ratlos

Das sieht Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), anders: Pädagogen gerieten oft mitten hinein ins sprachliche Chaos, wenn sie in Regionen wechselten, in denen Dialekt gesprochen wird. "Wenn Sie eine Klasse mit 30 Schülern haben, wovon zehn einen breiten Dialekt sprechen, den Sie nicht verstehen - wie wollen Sie da unterrichten?"

In Flächenstaaten wie Bayern mit sehr unterschiedlichen Sprachfärbungen finden sich Schwierigkeiten mit dem lokalen Dialekt auf vielen Schulen. Während der "Förderverein Bairische Sprache und Dialekte" in München den Dialekt zu retten versucht, indem er mit Kindern Volkslieder singt, muss er sich auf dem Land kaum Sorgen machen: In der Provinz wird Mundart meist weiterhin in den Familien gepflegt.

Insbesondere Referendare, die manchmal für bloß sechs Monate an eine fremde Schule geschickt werden, sind schnell mürbe. Ihnen fehlt es noch an Übung im Umgang mit Schülern, sie stehen oft ratlos vor der Klasse. In der knappen Zeit ihrer Ausbildung schaffen sie es ohnehin nur mit Mühe, ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufzubauen - trennt sie auch noch eine Sprachbarriere, wird es heikel. Wie soll man ein Verhältnis schaffen, wenn zwischen beiden Seiten nur Basiskommunikation abläuft? Die Referendare merken so schnell: Hier werde ich für immer der Fremde bleiben.

Hinzu kommt das Problem der Notengebung: Wie können Lehrer zwei verschiedene Unterrichtsbeiträge gerecht bewerten, wenn sie einen der beiden gar nicht verstanden haben? BLLV-Präsident Wenzel fordert eine offensive Spracherziehung. "Die Schüler müssen verstehen, dass es unterschiedliche Gesprächssituationen gibt: Mit ihren Kumpels dürfen sie gern so breit wie nur möglich in der Mundart reden, doch wenn sie zum Beispiel einen neuen Lehrer vor sich haben, müssen sie in der Lage sein, ihre Sprache anzupassen."

Ein lustiges Geschenk, das Liebkind sehr ernst nahm

Lernen könnten sie das zum Beispiel im Deutschunterricht, wenn das Üben der Hochsprache im Lehrplan stünde: Mit dem einen Lehrer kann ich "Boarisch" reden, beim anderen muss ich mich umstellen. Nicole Steinbach vom Kultusministerium winkt ab. In der bayerischen Verfassung heiße es: "Die Schüler sind in der Liebe zur bayerischen Heimat zu erziehen." Also auch in Liebe zum Dialekt.

Es ist nicht allein das trotzig-bayerische Lebensgefühl "Mia san mia". Das Kultusministerium beruft sich auch gern auf Studien, nach denen Dialekt sprechende Schüler im Vorteil sein sollen: Sie profitieren demnach von einer quasi bilingualen Erziehung, die es ihnen später leichter machen soll, neue Sprachen zu lernen. Mancher versuchte damit schon, die vergleichsweise guten Pisa-Ergebnisse der südlichen Bundesländer zu erklären.

Doch während die logische Folge nach Ansicht des Kultusministeriums ist, den Dialekt an Schulen weiter zu fördern, wünschen sich "zuagroaste" Lehrer wie Stefan Liebkind das genaue Gegenteil für die Schüler: Sprecht an Schulen Hochdeutsch, sonst lernt ihr es nie! Anfangs verstand Liebkind nicht, warum seine Schüler "oise" sagten statt "alles". Inzwischen kann er sich in der niederbayerischen Kleinstadt verständigen, in der er lebt und lehrt. Indes: "Bis heute wird mir mulmig, wenn ich Kinder aus den umliegenden Dörfern vor mir habe."

Und das, obwohl ihm seine Schüler schon nach ein paar Wochen Qual einen Sprachführer schenkten: Bairisch-Deutsch, Deutsch-Bairisch. Das Buch ist humoristisch gedacht. Liebkind nahm es sehr ernst.

(*Name geändert)

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