Die Ärzte als Vertretungslehrer Wenn die grauen Punker kommen

Zweifellos sind sie die beste Band der Welt - machen sie auch die beste Vertretungsstunde? Das Jugendmagazin "Spiesser" lud Die Ärzte in die St.-Pauli-Gesamtschule ein. Mit Hamburger Neunklässlern diskutierten sie über das Wahlrecht für Ausländer und Schäferstunden mit Schäferhunden.


12.25 Uhr: Vor fünf Minuten hat es zur Stunde geklingelt. Die Ärzte sitzen vollzählig und brav am Lehrertisch, der Klasse fehlen noch ein paar Schüler. Plötzlich geht die Tür auf, und fünf Jungs schieben sich lässig ins Zimmer. Statt mit einer Entschuldigung für die Verspätung begrüßen sie ihre Vertretungslehrer mit den Worten "Jo, meine Homies" und lassen sich auf ihre Stühle plumpsen. Farin guckt angesäuert, Bela grinst.

12.30 Uhr: Christian eröffnet die Stunde mit seinem Referat. Er hat eine Umfrage in seiner Klasse gemacht: Von den 20 Schülern wollen die meisten wählen gehen, wenn sie mal alt genug sind - und ihre Stimme dann der SPD geben.

Farin: Wer von euch hat denn als erster seinen 18. Geburtstag?

Hinterbänklerin Alexandra meldet sich.

Farin: Angenommen, du entscheidest dich dafür, wählen zu gehen: Wo besorgst du dir Informationen über Parteien?

Alexandra: Im Internet. Ich lese mir die Parteiprogramme durch.

Farin: Versprochen?

Alexandra nickt. Farin scheint überzeugt und legt seine Zähne für ein breites Lächeln frei. Nur, wie sieht es eigentlich bei ihm und seinen beiden Kumpanen aus - immer schön wählen gewesen?

Bela: Seit ich 18 bin, war ich jedes Mal wählen. Selbst wenn ich nach der Wahl häufig enttäuscht wurde. Ich hatte immer das Gefühl, mit meiner einen Stimme nichts erreichen zu können, weil Wahlversprechen nicht gehalten wurden. Trotzdem finde ich es richtig. Deswegen beantragen wir immer Briefwahl, wenn wir auf Tournee sind.

Farin: Meiner Meinung nach hat nur derjenige das Recht, nicht zu wählen, der komplett zufrieden ist mit der Situation, in der er lebt. Was ist mit dir, Rod?

Rod: Ich darf seit neun Jahren wählen, seit neun Jahren bin ich deutscher Staatsbürger. Ich hätte gerne schon vorher gewählt, aber als Ausländer darf man das in Deutschland nicht. Das halte ich für eine große Ungerechtigkeit.

12.40 Uhr: Eine Steilvorlage für Dennis' Vortrag. Er und acht andere Jungs und Mädels in der Klasse haben keinen deutschen Pass, ohne diesen aber dürfen sie später nicht wählen gehen. Dennis findet das schwachsinnig. Wichtig sei schließlich die Stimme des Volkes und nicht die Meinung von "ein paar Typen, die im Kreis sitzen".

Bela: Rodrigo hat ja das gleiche Schicksal. Er kam als Flüchtling mit seinen Eltern aus Chile, wurde in diesem Land Musiker, zahlte Steuern, durfte aber nicht wählen.

Rod: Und dann darf man wählen, schaut sich die Programme der Parteien an und findet in keinem das Thema "kommunales Wahlrecht für Ausländer". Da frage ich mich schon, warum ich die wählen soll, wenn die gar nicht meine Interessen vertreten. Bei meiner ersten Wahl habe ich meine Stimme den Grauen Panthern gegeben. Jetzt wähle ich die Titanic-Partei.

Farin: Warum hast du nicht die Rod-Partei gegründet?

Rod: Ich glaube, ich wäre ein total beschissener Politiker.

Eine ehrliche Haut, der Rod. Farin wendet sich indes wieder passgenau an die Nicht-Deutschen in der Klasse.

Farin: Habt ihr denn auch vor, deutsche Pässe zu beantragen?

Lyubisa: Meine Mutter will, dass ich das mache. Mit 16 kann ich einen haben, sagt sie.

Farin: Und dann gehst du wählen?

Lyubisa: Das interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Die, die gewählt werden, verändern doch eh nichts. Die machen nur Versprechen.

Farin: Klar machen sie das, aber manchmal halten sie sich auch daran.

Bela: Du verzichtest darauf, dieses Land mitzugestalten, auch wenn du das vielleicht nicht direkt merkst. Ehrlich gesagt ist das dumm.

12.50 Uhr: Das sitzt, Lyubisa schweigt zu den Vorwürfen. Und erzählt lieber in seinem Vortrag, wann Schweigen zur Pflicht wird - Zensur ist das Thema seines Referats.

Lyubisa: Mein Vortrag ist voll kurz.

Farin: Du kannst ihn ja künstlich aufblasen. Das machen wir auch immer.

Lyubisa grinst, erhebt sich und schlurft nach vorne. In ein paar Sätzen erklärt er, dass Computerspiele verboten werden, wenn sie zu gewalttätig sind und Musik, wenn sie zum Beispiel rassistisch ist.

Fatih: Wir dürfen in der Schule auch keine rassistischen Wörter benutzen. Aber wenn mich jemand Kanake nennt, dann will ich den auch Kanake nennen dürfen, auch, wenn es ich es gar nicht so meine.

Bela: Wenn der Lehrer euch das verbietet, ist das dann wirklich Zensur...

Pakize: Locker.

Bela: ...oder sind das einfach Gesellschaftsregeln, die euch beigebracht werden sollen?

Bela schaut Pakize ernst an - sie kaut gelangweilt ihr Kaugummi.

Bela: Wenn du mal arbeiten gehst, kannst du deinen Kollegen jedenfalls nicht so behandeln.

Farin: Es sei denn, er ist Schlagzeuger.

Bela lacht kurz auf, während Farin fast vom Stuhl kippt. Nur einer findet das nicht lustig und wirft unvermittelt in die heitere Runde:

Pio: Bei uns in der Klasse ist es schon normal, dass wir uns alle beleidigen.

Die Schüler lachen über Pio. Der lugt schüchtern unter seiner Bommelmütze hervor. Sein Kommentar hat die Ärzte kalt erwischt, irgendwie hilflos schauen sie sich an. Farin rudert zurück zum Thema.

Farin: Wir haben vor vielen Jahren ein Lied darüber geschrieben, wie ein Mädchen Sex mit einem Schäferhund hat.

Wieder lacht die Klasse, diesmal auch Pio.

Farin: Das war damals für uns genauso albern, wie es für euch heute ist. Das Album wurde dann indiziert, es durfte also nur noch von Jugendlichen ab 18 gekauft werden. Findet ihr das richtig, dass ihr vor solchen schmutzigen Gedanken geschützt werdet? Oder findet ihr das absurd?

"Absurd!" heißt es durch die Bänke weg. Keiner in der Klasse ist der Meinung, dass das Lied als Aufforderung zur Massenvergewaltigung von Schäferhunden missverstanden werden könnte.

Farin: Und was würdet ihr dazu sagen, wenn wir ein Lied geschrieben hätten, in dem wir darüber singen, dass wir Ausländern wegen ihrer Hautfarbe eins auf die Fresse geben?

Fatih: Das ist kindisch.

Farin: Wäre es dann sinnvoll, wenn der Staat so etwas verbieten würde?

Christian: Ja, weil das die Menschen beleidigt - euer Schäferhund-Lied aber nicht.

13.03 Uhr: Von verbotener Liebe zu verbotenen Hieben: Bela will wissen, wer in der Klasse Ballerspiele zockt. Lyubisa hebt grinsend die Hand.

Farin: Findet ihr es gut, dass manche Computerspiele verboten sind?

Lyubisa: Ja, sonst würde ich ja Amok laufen.

Pakize: Die werden ja trotzdem gespielt, egal ob sie ab 18 sind oder nicht.

Lyubisa: Wer sich auskennt, kommt an alle Spiele ran.

Farin: Ja, die Politik wird nun mal von Leuten gemacht, die keine Ahnung vom Internet haben.

13.05 Uhr: Es klingelt. Die Ärzte bleiben noch ein bisschen an ihrem Lehrertisch sitzen, die Klasse stellt sich für ein gemeinsames Gruppenfoto auf. Während Bela und Lyubisa um die Wette posen, scheint sich Rod mit den vielen Mädchen im Nacken irgendwie etwas unwohl zu fühlen. Ein paar Minuten später gibt er dann zu, wie froh er ist, kein Lehrer zu sein. Die hat er nämlich noch nie um ihren Job beneidet. Genauso wenig wie die Politiker.



Autorin Antonie Rietzschel, 21, hält Die Ärzte für die größten Rocker Deutschlands. Seit Bela B. zum Abschied seine Hand auf ihre Schulter gelegt hat, war ihr T-Shirt nicht mehr in der Wäsche.



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