Digitalpakt Lehrer fühlen sich mit digitalen Medien im Stich gelassen

Bremsen die Lehrer den digitalen Wandel im Klassenzimmer aus? Nein, sagen viele: Wir würden ja gern anders unterrichten - wenn wir nur könnten.
Digital gestützter Biologieunterricht in Lingen (Niedersachsen)

Digital gestützter Biologieunterricht in Lingen (Niedersachsen)

Foto: Ingo Wagner/ picture alliance / Ingo Wagner/dpa

Lehrer, die sich ans analoge Schulbuch klammern und damit die Digitalisierung des Unterrichts blockieren? Die gibt es zuhauf, jedenfalls aus Sicht der Schulbuchverlage. Die hatten auf Europas größer Bildungsmesse Didacta zwar jede Menge digitaler Unterrichtsmaterialien im Gepäck, verkaufen aber vor allem eins: gedruckte Bücher.

Bei höchstens fünf Prozent liegt der Anteil der Schulbücher, die als digitale Werke in den Klassenzimmern landen. Weil sie von den Schulen nicht bestellt werden, sagen die Verlagsvertreter.

Doch viele Lehrkräfte fühlen sich dadurch zu Unrecht als Modernisierungsverweigerer gebrandmarkt. Das zeigen zahlreiche Zuschriften, die den SPIEGEL in den vergangenen Tagen erreichten.

So nennt Lehrerin Ines Leitz fehlende Geräte und fehlenden technischen Support als Hauptgründe dafür, dass digitale Schulbücher kaum im Unterrichtsalltag eingesetzt werden: "Schulen haben niemanden, der sich um ihre digitalen Medien kümmert, sie repariert und wartet. Das machen alles ein paar Lehrer in ihrer Freizeit." Wären Tablets flächendeckend im Einsatz, sei das nicht mehr zu leisten. Die 33-Jährige hat Zweifel, dass der Digitalpakt daran etwas ändert, "denn das wurde ja extra von den Ländern so verhandelt, dass das Bundesgeld nicht für zusätzliches Personal eingesetzt werden darf".

Außerdem, sagt Ines Leitz, seien viele Angebote der Schulbuchverlage mangelhaft: Bei manchen Angeboten gebe es "nur eine große Projektion der Schulbuchseite mit Buttons, um Hörtexte oder Videos abzuspielen." Interaktive Übungen? Eine Funktion, mit der auf Knopfdruck die richtigen Lösungen zum Vergleichen angezeigt werden? Fehlanzeige. "Die Verlage müssen da schon noch was Besseres anbieten, um mich zu überzeugen."

Schon das Hochfahren dauert ewig

Auch ein Lehrer aus Wengen im Oberallgäu berichtet von frustrierenden Alltagserfahrungen. "Ich habe mich heute in einem Klassenzimmer am Schulrechner angemeldet und nach circa sieben Minuten war der PC fertig, sodass ich zumindest mal auf dem Desktop war", schreibt er. Die Rettung während der Wartezeit? Ein gedrucktes Schulbuch, "es überbrückt eine solche Lücke perfekt".

Natürlich wünsche er sich Smartboards und ein digitales Klassenzimmer - dafür brauche aber jede Schule auch eine IT-Abteilung. Sollte an seiner Schule mit 100 Kollegen und rund 1000 Schülern flächendeckender digitaler Unterricht stattfinden, brauche es auch die entsprechende personelle Ausstattung, um die Technik zu warten und am Laufen zu halten.

Justine Trautmann ist Lehrerin an einer Realschule in Stuttgart, unterrichtet Deutsch, Musik und Kunst. An ihrer Schule seien gerade für viele Tausend Euro neue Schulbücher gekauft worden, weil ein neuer Bildungsplan in Kraft getreten ist. Dabei wollten die Pädagogen aber etwas anderes, sagt die Lehrerin im Gespräch mit dem SPIEGEL: "In fast jeder Gesamtlehrerkonferenz werden Tablets, Whiteboards oder wenigstens eine zeitgemäße Ausstattung des völlig überalterten Computerraums gefordert."

An der Lebensrealität vorbei

Eine Lehrerkonferenz sei aber kein Wunschkonzert. Und weil die Netzanbindung der Schule ebenso wie die Ausstattung mit Endgeräten nur langsam vorankomme, bliebe es eben vorerst vor allem bei analogen Schulbüchern. Die allerdings, sagt Justine Trautmann, seien in mancher Hinsicht reformbedürftig: "Viele Bücher gehen an der Lebensrealität in den Klassen und am Alltag der Schüler vorbei." Da werde beispielsweise das Schreiben eines Unfallberichts geübt - eine Textform, die so gut wie nie erforderlich sei. "Und wann werden 'Simone und Thomas' mal von 'Serkan und Sara' als Schulbuchfiguren abgelöst, weil das viel mehr der Lebenswelt entspräche?", fragt die Realschullehrerin.

Letztlich aber, betont Trautmann, sei digitales Lehrmaterial ohnehin keine Garantie für besseren Unterricht: "Der Inhalt muss zum Kind, darum geht es." Und wenn sie Studien lese, nach denen Schüler pro Tag bis zu acht Stunden elektronische Medien nutzen, frage sie sich, ob es da nicht besser sei, wenigstens in der Schule ein richtiges Buch anzuschaffen und zu lesen - "das dann zu Hause vielleicht das erste Buch überhaupt ist, das im Regal steht".

Robert Plötz, Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik in München, würde die fünfeinhalb Milliarden Euro aus dem Digitalpakt gern in Inhalte stecken. "Künstliche Intelligenz in der Lernsoftware, das wäre toll", sagt er: "Ein gut gemachter Vokabeltrainer, der nicht von Google, Apple oder Klett kommt, sondern vom Staat finanziert wird - warum nicht?"

Die Kosten für die Entwicklung guter Lernsoftware seien für die Verlage aber vielleicht so hoch. Das könnte eine Aufgabe für die öffentliche Hand sein, und das sogar europaweit, sagt Plötz: "Die Grundstrukturen könnte man von Portugal bis Finnland einsetzen, die Inhalte könnten dann in den Ländern variieren." Und wenn das Ganze dann auch noch allen Schülerinnen und Schülern frei zur Verfügung stünde, sei auch digitaler Unterricht als Normalfall möglich.

Eine Vision ist das, das weiß natürlich auch Robert Plötz. Aber eine, über die es sich nachzudenken lohnt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.