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14. Dezember 2018, 05:13 Uhr

Digitaler Unterricht

"Ein Gerät pro Schüler muss nicht sein"

Ein Interview von

Bund und Länder streiten heftig über die Frage, wie sich die Digitalisierung der Schulen vorantreiben lässt. Doch ist sie überhaupt sinnvoll? Eine Didaktikerin erklärt, worauf es ankommt.

SPIEGEL ONLINE: Computer im Unterricht, was bringt das?

Kristina Reiss: Wir haben 79 weltweite Studien ausgewertet, die den Effekt von digitaler Bildung ab der fünften Klasse in MINT-Fächern beleuchten. Und wir haben eindeutige Signale gefunden, dass es gut ist, wenn Lehrer im Unterricht Rechner einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Also je mehr Laptops und Tablets im Klassenzimmer, desto besser?

Reiss: Nein, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Ob Lehrer eine PowerPoint-Präsentation zeigen oder eine Folie auf den Projektor legen, macht keinen Unterschied. Ich unterrichte Mathematik an der TU München und wenn ich mit Kreide an die Tafel im Hörsaal schreibe, tue ich das automatisch in einem Tempo, in dem mir die meisten Studierenden gut folgen können. Ein Erklärvideo wäre hingegen für viele zu schnell. Manchmal sind traditionelle Medien also sogar überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Software im Unterricht sinnvoll?

Reiss: In den Naturwissenschaften eignet sie sich, um Sachverhalte zu simulieren. Sie kann zum Beispiel veranschaulichen, wie sich die Körpertemperatur eines Marathonläufers ändert, wenn er viel oder wenig trinkt und wenn er in kaltem oder warmem Klima läuft. Die Schüler können die Schieberegler selbst hin- und herziehen. Es befördert das Lernen, Schüler auf solche Entdeckungsreisen zu schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wenn diese Entdeckungsreisen sehr komplex sind, könnten sich Schüler auch alleingelassen fühlen.

Reiss: Ja, und es ist dem Gespür jedes Lehrers überlassen zu entscheiden, wann er etwas erklärt und wann er individuelle Lernprozesse moderiert. Unsere Studie hat gezeigt, dass es am besten ist, wenn er dabei zwischen traditionellen und digitalen Medien wechselt. An einer Schule in Singapur hatten zum Beispiel alle Kinder ein Tablet auf dem Tisch, aber sie probierten trotzdem mit zwei echten Schüsseln aus Metall und Plastik aus, in welcher der beiden ein Klumpen Eis schneller schmilzt.

SPIEGEL ONLINE: Muss es denn dann ein Gerät pro Schüler sein?

Reiss: Nein. Unsere Auswertung hat gezeigt, dass der positive Effekt digitaler Medien größer ist, wenn Schüler sie für kürzere Zeiträume nutzen. Zuerst steigern sich ihre Leistungen, doch nach einigen Wochen werden sie wieder etwas schwächer. Deshalb müssen Schüler nicht dauerhaft mit Geräten ausgestattet sein, sondern es reicht auch, wenn sich mehrere Klassen einen Satz teilen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass Schüler über den Lernstoff sprechen. Voneinander lernen Kinder und Jugendliche mehr als in stiller Einzelarbeit, das ist auch ein Ergebnis unserer Studie. Keinesfalls sollte man sie vor Geräte setzen und damit alleinlassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lernsoftware eignet sich für den Unterricht?

Reiss: Sie sollte adaptiv sein, sich also dem Tempo jedes Schülers anpassen. Wenn er erfolgreich eine Schwierigkeitsstufe gemeistert hat, wechselt er dann automatisch in eine höhere, sodass er nicht dreimal denselben Aufgabentyp lösen muss.

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