Kinofilm "Alphabet" Das Leid der Erfolgreichen

Erschöpft, unzufrieden, verängstigt: Das Bildungssystem macht Kinder zu Verlierern - starke wie schwache Schüler. So lautet die These des Dokumentarfilms "Alphabet", gedreht vom Regisseur von "We feed the World". Er zeigt, warum Noten und Abschlüsse unglücklich machen.
Kinofilm "Alphabet": Das Leid der Erfolgreichen

Kinofilm "Alphabet": Das Leid der Erfolgreichen

Foto: Pandora Film

Kleine Mädchen kauen auf ihren Fingerkuppen. Einem schmalen Jungen fallen auf dem Weg zwischen Schule und Nachhilfeunterricht im Bus die Augen zu. Als seine Großmutter ihm später zu Hause eine Medaille der Mathe-Olympiade umhängt, zeigt er keine Regung. "Gewinn' noch ein paar!", sagt sie.

Chinesische Schüler sind weltweit die besten, zeigt die internationale Bildungsstudie Pisa. Chinesische Schüler leiden weltweit unter dem höchsten Prüfungsdruck, sie lernen am meisten, sie schlafen am wenigsten, und sie verspüren das geringste Glücksgefühl, zeigen andere Studien. Chinesische Schüler sind angespannte, deprimierte Lernmaschinen, zeigt der neue Dokumentarfilm des Österreichers Erwin Wagenhofer.

"Alphabet" ist der letzte Teil von Wagenhofers Trilogie, die mit "We feed the World" und "Let's make Money" bereits die globalisierte Nahrungsmittelindustrie und die internationalen Geldmärkte aus einem anderen, aufrüttelnden Blickwinkel gezeigt hat. Nun hat sich einer der einflussreichsten Dokumentarfilmer das Bildungssystem vorgenommen.

Die Botschaft: Wer nur auf Leistung, Noten und Zertifikate setzt, zerstört kindliche Kreativität, Wissbegierde und letztlich Genialität. Noch schlimmer: Das kompetitive Schulsystem, so wie es jetzt ist, kann junge, gesunde, fröhliche Menschen zerstören. "Zurzeit herrscht die Haltung: Alles, was nicht sofort einen wirtschaftlichen Nutzen abwirft, ist sinnlos", sagt Wagenhofer. "Menschen tun nicht, was sie am liebsten tun und am besten können. Sie tun, was sie denken, tun zu müssen. Das ist ein Wahnsinn, den viele nur mit Psychopharmaka überstehen."

"Mein Kopf ist voll, zu voll"

Um diese These zu beweisen, schickt "Alphabet" den Zuschauer auf eine Reise nach Asien, Europa und Südamerika.

Es geht nach China, in das Land der müden Kinder, in dem, so Experten, Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen ist. "Die chinesischen Schüler beneiden ihre Eltern darum, dass sie abends fernsehen und am Wochenende ausschlafen können", erzählt ein Pädagogikprofessor aus Peking.

Es geht nach Hamburg, in eine der reichsten Städte in einem der reichsten Länder der Welt. "Mein Leben ist die Schule. Etwas muss falsch gelaufen sein. Mein Kopf ist voll, zu voll", liest eine Hamburger Gymnasiastin aus einem offenen Brief vor, den sie aus Verzweiflung geschrieben hat. Die Schülerin hat keine Zeit für sich oder für Hobbys. Ihr Wunsch: mal wieder die Sonne sehen.

Und es geht zur künftigen Wirtschaftselite: Junge, smarte Absolventen von den Top-Unis der Welt treffen beim "CEO of the Future" aufeinander, einem Wettbewerb für Nachwuchsmanager. "Ich finde es schön, wenn alle so richtig viel und hart arbeiten wollen", sagt eine Teilnehmerin. "Leistungsorientiertheit, alles andere ist egal", sagt ein anderer.

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Wenn Schule krank macht: "Mein Kopf ist voll, zu voll"

Foto: Pandora Film

Das Lebensziel der Besten der Besten besteht offenbar nur darin, nach immer mehr Auszeichnungen, Erfolg und dem wöchentlichen Arbeitszeitrekord zu streben. Und die Lemminge sind nicht einmal zufrieden dabei.

"Alphabet" ist ein wichtiger Film, weil er die bösen Seiten des vermeintlich Guten zeigt: Die subjektiven Verluste der objektiven Bildungsgewinner. Ihre Gesundheit leidet, ihre Individualität, ihr Lebensglück geht verloren. Und weil er Fragen aufwirft, die sich eine Gesellschaft nicht häufig genug stellen kann: Wollen wir in einem Land, in einer Welt leben, in der zukünftige Chefs Sätze sagen wie: "Machen wir uns nichts vor. Ich plane meine Kinder so, dass sie zeitlich zu meinen Projekten passen. Punkt." Wollen wir das?

"Alphabet" macht es sich aber zu einfach. Und das ist schade. Der Film setzt sowohl bei den Experten als auch bei den Protagonisten, die überdies schon weitgehend bekannt sind, nur auf Extrempositionen, die ebenfalls nicht neu sind. Noch mehr stört jedoch, dass kein Beispiel dem Zuschauer richtig nah kommt, keine Person durch den Film führt. Vielmehr fühlt es sich an, als wäre hier ein sozialkritischer Aufsatz in Ton und Bild gefasst worden, inklusive der Aufzählungszeichen.

Unnahbar und damit unübertragbar bleibt auch André Stern, der zum Idealbild stilisiert wird. Stern, 1971 in Frankreich geboren, ist der Sohn des deutschstämmigen Forschers und Pädagogen Arno Stern, der seit mehr als 60 Jahren in Paris ein spielerisches Mal-Atelier für Kinder betreibt. André Stern spricht fünf Sprachen, ist Musiker, Komponist, Gitarrenbauer, Autor und Journalist. Er hat sich all das selbst beigebracht, ohne Druck, ohne Konkurrenz. Er wirkt ausgeglichen und selbstzufrieden. Er hat nie eine Schule besucht. Doch wie realistisch ist eine solche Biografie für 1,2 Milliarden Schulkinder auf der Welt?

Nach "We feed the World" konnten wir aufhören, Hühnerfleisch zu essen. Nach "Let's make Money" konnten wir aufhören, unser Geld in ausbeuterische Fonds zu stecken. Was können wir nach "Alphabet" machen? Eine konkrete Antwort gibt der Film nicht. Bewusst. Denn: Wer sich Alternativen wünscht, muss den Mut haben, unangepasst zu denken.

Dann hätte der Film sein Ziel doch noch erreicht.

Alphabet läuft ab 31. Oktober in deutschen Kinos .

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