Unbändiger Bildungshunger Die abenteuerlichsten Schulwege der Welt

Diese Kinder dürfen auf dem Weg zur Schule nicht trödeln: Sie müssen vor Elefanten davonlaufen, Bergpässe überqueren oder mit dem Rollstuhl durch einen Fluss fahren. Der Dokumentarfilm "Auf dem Weg zur Schule" zeigt ihre täglichen Abenteuer - und den Bildungshunger der Schüler.

Senator Film Verleih

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Jackson und Salome aus Laikipia in Zentralkenia singen gern auf ihrem Schulweg. Manchmal aber trauen sie sich nicht einmal zu atmen. Wenn sie gerade vor einer Elefantenherde geflohen sind und in einer Schlucht hocken zum Beispiel. "Sind sie schon weg? Sieh doch mal nach", flüstert Salome ihrem großen Bruder zu. Jackson traut sich. "Wir können weiter", sagt er.

15 Kilometer läuft Jackson jeden Morgen und Abend zur Schule und wieder zurück. Auf seinem Weg trifft er Zebras, Giraffen und Elefanten. Was sich nach Abenteuersafari anhört, ist lebensgefährlich: Jährlich werden mehrere Kinder auf dem Weg zur Schule von Elefanten getötet. Jeden Morgen schaut sich der Lehrer besorgt in der Klasse um, ob ihm ein Schüler fehlt. Kinder, die für Bildung ihr Leben riskieren - das mag pathetisch klingen, trifft hier aber zu.

So außergewöhnlich es für Kinder sein kann, überhaupt zur Schule zu gehen, so unwirtlich und gefährlich können ihre Schulwege sein. "Auf dem Weg zur Schule" heißt der neue Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Pascal Plisson. Darin porträtiert er Kinder mit den vielleicht abenteuerlichsten Schulwegen der Welt: Jackson und Salome aus Kenia begegnen wilden Tieren. Zahira aus Marokko erklimmt Berge im Atlasgebirge. Samuel aus Indien kann nicht laufen, seine kleinen Brüder ziehen und schieben ihn in einem selbstgebauten Rollstuhl bis ins Klassenzimmer. Und Carlito aus Argentinien reitet durch die Steppe Patagoniens zur Schule. Er galoppiert durch die Prärie, in der einen Hand die Zügel, in der anderen Hand seinen Rucksack, an seinem Rücken hält sich seine kleine Schwester fest.

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Gefährliche Schulwege: "Lauf, lauf, schneller"
Statt auf schnelle Bildfolgen setzt Regisseur Plisson auf lange Einstellungen, die Geschichten passen sich dem Tempo der Kinder an. Man merkt, dass der Filmemacher viel Zeit in und mit der Natur verbracht hat, tatsächlich hat er bisher vor allem Tierfilme gedreht.

"Auf dem Weg zur Schule" entstand durch einen Zufall, sagt er. Der Regisseur suchte im Norden Kenias nach einem guten Drehort für einen Tierfilm, als er drei jungen Massai-Kriegern begegnete. Sie waren auf ihrem zweistündigen Weg zur Schule, stolz zeigte einer dem Franzosen seine Schiefertafel.

"Meine Töchter stöhnen schon, wenn sie aufstehen müssen"

Plisson war erstaunt: Immer wieder habe er auf seinen Reisen durch die Welt Kinder am Straßenrand, in der Savanne oder in den Wäldern getroffen, aber bis zu diesem Zeitpunkt nie erkannt, was sie für Anstrengungen unternehmen, um zur Schule gehen zu dürfen. "Das zu sehen, machte mich nachdenklich. Vielleicht, weil ich selber früh die Schule verlassen habe, um die Welt zu sehen und auch nie studiert habe. Vielleicht, weil meine Töchter schon stöhnen, wenn sie morgens überhaupt aufstehen müssen."

Vier Stunden brauchen Zahira und ihre beiden Freundinnen für die 22 Kilometer durch das marokkanische Gebirge. Jede Woche laufen sie diesen Weg zweimal. Über Bergpässe, über Flüsse und schmale Pfade aus Sand und Geröll. Im Hintergrund schneebedeckte Kuppen des Atlasgebirges. Die Zwölfjährige trägt blaue Turnschuhe, ein dunkelrotes Kopftuch und eine Plastiktüte mit einem Huhn darin. Ihre Freundinnen kichern über das Huhn. "Wenn es nervt, drehe ich ihm den Hals um, und das weiß es", entgegnet Zahira. Ihre Großmutter hat ihr das Tier mitgegeben, sie soll es auf dem Markt tauschen und sich dafür Essen kaufen.

Lebensziel: Einen Lkw kaufen und nach Delhi fahren

Erst am Freitag werden die Mädchen wieder zu Hause sein. Jeden Montagvormittag brechen sie auf nach Asni, die Stadt, in der ihre Schule ist. Dort teilen sie sich unter der Woche einen Schlafraum. Zahira weiß, warum sie jede Woche diesen Weg geht: "Ich will mal Ärztin werden, um dann Menschen zu helfen, die richtig krank sind", sagt sie.

Auch Samuels kleiner Bruder weiß, was er später machen will: "Ich werde mal ganz viel Geld verdienen, ganz viel. Und weißt du, was ich mir dann davon kaufen werde? Einen großen Lkw, und dann fahre ich nach Delhi", erzählt er beim Frühstück. Später werden er und der dritte Bruder den 13-jährigen Samuel zur Schule fahren, in einem rostigen, selbstgebauten Rollstuhl, einer schiebt von hinten, der andere zieht von vorn. Dass Behinderte eine Schule besuchen, ist in Indien ungewöhnlich. Ohne die Hilfe seiner Brüder hätte Samuel diese Chance wahrscheinlich nicht.

Wie man ganz viel Geld verdient, will der Kleine noch von seinen Brüdern wissen. "Da muss man arbeiten", sagt Samuel. Sein anderer Bruder ergänzt: "Aber wir sind noch zu klein, um zu arbeiten."

Auf dem Weg zur Schule läuft ab 5. Dezember in deutschen Kinos.



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