Schüler mit Down-Syndrom Auch Realschule lehnt Henri ab

Henri hat das Down-Syndrom, trotzdem soll er eine reguläre Schule besuchen. Erst weigerte sich das örtliche Gymnasium ihn aufzunehmen, jetzt auch noch die Realschule. Der Fall setzt die Landesregierung zunehmend unter Druck.
Elfjähriger Henri: Seine Mutter kämpft seit Monaten für ihren Sohn

Elfjähriger Henri: Seine Mutter kämpft seit Monaten für ihren Sohn

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"Wir sind sehr traurig über die erneute Diskriminierung von Henri", sagt seine Mutter, Kirsten Ehrhardt. Am Donnerstag hat sie erfahren, dass nach dem örtlichen Gymnasium nun auch das Lehrerkollegium der Theodor-Heuss-Realschule im baden-württembergischen Walldorf ihrem Sohn die Aufnahme verweigert. Der Grund: Henri hat das Down-Syndrom.

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Monatelang hat Ehrhardt öffentlich dafür gekämpft, dass ihr Elfjähriger nach den Sommerferien auf das örtliche Gymnasium gehen darf, gemeinsam mit der Mehrzahl seiner Klassenkameraden aus seiner Grundschule. Doch das Gymnasium wollte Henri nicht nehmen, im Widerstand vereint waren die Direktorin, die Mehrheit des Lehrerkollegiums und auch eine Initiative von Eltern und Schülern.

Ehrhardt litt unter dem Kampf für ihren Henri, sie stellte sich vor viele Kameras, ärgerte sich über Schmähbriefe. Und sie erlebte, wie Tausende Menschen ihre Internet-Petitionen für Henri  zeichneten, aber auch jede Menge andere Menschen gegen die Aufnahme ihres Kindes ans Gymnasium  unterschrieben. Als der Gymnasialkampf endgültig verloren war, sollte ihr Kind wenigstens mit seinen übrigen Mitschülern auf die örtliche Realschule gehen. Doch auch dieser Weg ist nun versperrt.

Am Mittwoch lehnte die Gesamtlehrerkonferenz der Theodor-Heuss-Realschule Henris Aufnahme endgültig ab, mit 41 zu 12 Stimmen und zwei Enthaltungen. Schon am Mittwoch der vergangenen Woche hatte das Kollegium erstmals gegen die Aufnahme votiert. Ehrhardt zufolge sollen dann aber vier Lehrerinnen der Realschule dem baden-württembergischen Kultusministerium erklärt haben, sie wollten Henri sehr wohl unterrichten. Daraufhin ließ Minister Andreas Stoch (SPD) ein zweites Mal abstimmen, doch am Ergebnis änderte das nichts.

Die Realschule will sich zum Fall Henri nicht äußern. Ein Sprecher von Minister Stoch bestätigte den Ausgang der Abstimmung: "Wir müssen nun die rechtlichen Folgen prüfen", sagte er. Offenbar, so ist zu hören, sollen sowohl das Kultusministerium als auch das zuständige Schulamt Mannheim vor der Abstimmung die Schulleitung der Realschule gedrängt haben, den heiklen Fall mit einer Aufnahme von Henri zu lösen.

Henri in eine Gemeinschaftsschule? Das wollen die Eltern nicht

Mutter Kirsten Ehrhardt will weiter kämpfen. Wenn es der Landesregierung mit der Inklusion ernst sei, müsse sich der Minister eben über die Kollegiumsbeschlüsse hinweg setzen und den Schulversuch verordnen, fordert sie. Sowohl das Gymnasium als auch die Realschule oder eine Kombination findet Ehrhardt akzeptabel; beide Schulen arbeiten seit längerem mit körperbehinderten, nicht aber mit geistig behinderten Kindern.

Für den Jungen werden die Alternativen knapp, denn eine Förderschule lehnen die Eltern Ehrhardt für ihr Kind weiter kategorisch ab. Infrage komme auch die örtliche Werkrealschule nicht. An Walldorfs ehemaliger Hauptschule habe sich bislang kein Kind aus Henris Umfeld angemeldet. Somit würde der Schulweg für Henri lang: Er müsste mit dem Bus auf eine Gemeinschaftsschule im mehrere Kilometer entfernten Sankt Leon-Rot oder Schwetzingen gebracht werden. "Die können ihn nicht ablehnen", sagt Ehrhardt. "Aber das wollen wir nicht: Dort kennt er niemanden, und mit Inklusion hat das nichts zu tun."

"Das wird eine hochpolitische Entscheidung"

Henri ist in Baden-Württemberg nur eines von rund 35.000 sogenannten "zieldifferenten" Kindern: Schüler, die intellektuell so gehandicapt sind, dass sie den Schulabschluss wohl nicht schaffen werden. Brisanz hat der Fall Henri, weil es darin um die Grundsatzfrage geht, ob auch Kinder, die dem Unterricht nicht folgen können, gleichberechtigt eine Realschule oder ein Gymnasium besuchen dürfen.

Baden-Württembergs Landesregierung bringt Henris erneute Ablehnung mehr und mehr in Bedrängnis. Verspricht Grün-Rot doch 2011 im Koalitionsvertrag: "Der Anspruch der Kinder mit Behinderung auf sonderpädagogische Förderung in der Regelschule wird gesetzlich verankert. Die Eltern behinderter Kinder erhalten ein Wahlrecht: Sie sollen nach einer qualifizierten Beratung selbst entscheiden, ob ihre Kinder eine Sonderschule oder eine Regelschule besuchen." Tatsächlich aber haben die Politiker schon zweimal die Reform des Landesschulgesetzes verschoben. Ein dritter Versuch ist erst für das Schuljahr 2015/16 angekündigt.

Kultusminister Stoch muss sich nun entscheiden: Zwingt er eine der beiden Schulen, Henri aufzunehmen? Oder lässt er es - und führt damit den Koalitionsvertrag ad absurdum? "Der Ausgang ist völlig offen", sagt ein Insider. Sicher sei: "Das wird eine hochpolitische Entscheidung."

"Es gibt zu viel Angst vor dem ersten Schritt"
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