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Drei-Religionen-Schule: Wo Christen, Juden, Muslime gemeinsam lernen

Foto: Friso Gentsch/ dpa

Neue Schule in Osnabrück Ich glaube, also lerne ich

Glaubensfragen auch jenseits des Religionsunterrichts: Eine neue kirchliche Grundschule in Osnabrück will christliche, muslimische und jüdische Kinder in ihrer religiösen Identität stärken und das Miteinander fördern. Kritiker fürchten jedoch, das könne gründlich schiefgehen.

Rachel und Esad, beide sechs Jahre alt, sitzen sich gegenüber, schauen sich etwas schüchtern an und gucken dann in den Klassenraum. Der erste Schultag ist für jedes Kind etwas Besonderes. Aber diese Einschulung geht über das Übliche hinaus. Die beiden Kinder gehören der ersten Klasse der neuen Drei-Religionen-Schule in Osnabrück an. Damit betreten das katholische Bistum Osnabrück, die jüdische Gemeinde der niedersächsischen Stadt sowie die beteiligten islamischen Verbände und 22 Kinder pädagogisches Neuland.

Nach dem Konzept des Bistums soll die Religion der Kinder nicht nur im Religionsunterricht ein Thema sein, sondern Teil des gesamten Schulalltags. So nehmen zum Beispiel die religiösen Feiern der Glaubensgemeinschaften einen großen Raum ein, erläutert der Schulabteilungsleiter der Diözese, Winfried Verburg.

Die Idee bestehe darin, die eigene religiöse Identität zu stärken, der Religionsunterricht wird getrennt gegeben. Aber die Schüler sollen lernen, mit Anhängern anderer Religionen dialogfähig zu bleiben, sagt Sebastian Hobrack, der an der Schule jüdische Religion unterrichtet. Er halte dieses Konzept für historisch einmalig. "Dafür gibt es keine Präzedenz", sagt er.

Als sie von der Schule gehört habe, sei sie zunächst skeptisch gewesen, sagt Annett Abdel-Rahman, die an der Schule neben anderen Fächern auch islamischen Religionsunterricht gibt. Aber das Konzept habe sie überzeugt. "Es geht nicht um eine überdimensionale Religiosität", sagt sie. Es gehe auch nicht darum, religiöse Unterschiede kleinzureden. "Es sind unterschiedliche Religionen, und alle drei haben auch ihren jeweils eigenen Wahrheitsanspruch."

"Wir brauchen diese Schule nicht"

Die Schule ist allerdings auch umstritten in der Stadt. Sie wird eingerichtet in den Räumen einer katholischen Bekenntnisschule in der Osnabrücker Innenstadt. Diese läuft in den nächsten Jahren aus, weil es zu wenige Anmeldungen von Katholiken gibt. Von der alten Schule wollte kein einziger Lehrer zur Drei-Religionen-Schule wechseln, sie fürchten, die neue Schule betreibe mehr Segregation als Integration. Auch die örtliche Politik fremdelt teils heftig mit dem Konzept. Eine knappe Mehrheit im Stadtrat machte den Weg frei. Sozialdemokraten und Teile der Grünen lehnen sie ab.

"Wir brauchen diese Schule nicht", sagt der SPD-Fraktionschef im Stadtrat, Frank Henning. Die Schule schwäche die öffentlichen Schulen, die ihrerseits jeden Tag erfolgreiche Integrationsarbeit leisten würden.

Wenn Winfried Verburg für die neue Schule argumentiert, weist er auf das Beispiel eines jungen Muslims aus Berlin hin, der an seiner Schule nicht demonstrativ gen Mekka beten darf, weil dieses Gebet den Schulfrieden störe. Die Drei-Religionen-Schule sei eine Antwort darauf: "Die Schule muss weltanschaulich neutral sein, aber muss es auch der Schüler?" Wenn die Schulen der Religiosität ihrer Schüler keinen Raum mehr gäben, führe das dazu, dass Religion in die Privatsphäre verbannt werde. "Damit befördert man den Fundamentalismus."

Nuran Ipek, die Mutter von Esad, findet vor allem gut, dass es an der Schule auch einen islamischen Religionsunterricht auf Deutsch gibt. Das gebe es an anderen Schulen nicht. "Sonst müsste er am Sonnabend in die Moschee und bekäme dort Religionsunterricht auf Türkisch und Arabisch." Judith Vogel, die Mutter von Rachel, begrüßt, dass ihre Tochter in ihrer jüdischen Identität gefördert wird. Das sei an einer öffentlichen Schule nicht so. Das Essen ist zum Beispiel koscher, die Feiertage werden beachtet.

Schulfrei zu haben wegen hoher jüdischer Feiertage, das sei natürlich auch an öffentlichen Schulen möglich, sagt der Osnabrücker Rabbi Moshe Baumel. Allerdings müsse dafür erst ein offizieller Brief vom Rabbinat an die Schulleitung geschrieben werden. "Hier wird das doch alles etwas selbstverständlicher sein", sagt Baumel.

Elmar Stephan/dpa/otr
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