Drogenmissbrauch US-Schüler steigen auf Pillen um

An Rauchen und Kiffen scheinen immer weniger amerikanische Schüler Gefallen zu finden, auch Alkoholexzesse gehen laut einer aktuellen Studie zurück. Beunruhigend finden die Forscher aber den Trend zu Modemedikamenten wie starken Schmerzmitteln.


Die gute Nachricht: Alkohol- und Zigarettenkonsum bei amerikanischen Schülern sind auf einem historischen Tiefstand. 23 Prozent der Oberstufenschüler gaben in einer Umfrage der Universität von Michigan an, sie hätten während der letzten 30 Tage geraucht, vor einem Jahr waren es 25 Prozent gewesen. Noch deutlicher fällt der Rückgang im Vergleich zum Jahr 1975 aus: Damals hatten noch 37 Prozent die Frage bejaht.

Schülerin: Raucher auf dem Rückzug
DDP

Schülerin: Raucher auf dem Rückzug

Auf die Frage, ob sie im vergangenen Jahr Alkohol getrunken hätten, antworteten 69 Prozent der High School Seniors mit "ja", gegenüber 71 Prozent im Jahr 2004 und 85 Prozent vor 30 Jahren. Ebenfalls rückläufig ist der Gebrauch von Marihuana, wo die Spitze im Jahr 1996 erreicht worden war.

Der Bericht "Monitoring the Future" wird jedes Jahr vom nationalen Institut für Drogenmissbrauch an der Universität von Michigan veröffentlicht. Er gilt als die wichtigste amerikanische Studie seiner Art. Für die aktuelle Erhebung wurden landesweit rund 50.000 Teenager über 12 Jahren befragt, die derzeit eine von über 400 teilnehmenden Schulen besuchen. Das Institut gab die Ergebnisse gestern bekannt.

Griff in den Giftschrank

Die Studie enthält aber auch eine schlechte Nachricht: An die Stelle der klassischen Zudröhner treten andere Substanzen, die vor allem im Medikamentenschrank der Eltern zu finden sind. Verschreibungspflichtige Medikamente werden zu anderen Zwecken eingenommen, als sie medizinisch gedacht sind. Viele Schüler glaubten, so die Forscher, dass die Medikamente ungefährlich seien, weil man sie auf legalem Weg erwerben könne.

So gaben 7,2 Prozent der Oberstufenschüler an, sie hätten sich Schmerz- und Beruhigungsmittel besorgt, ohne ein entsprechendes Rezept zu besitzen, beispielsweise über einschlägige Internet-Adressen. Im Jahr 1992 lag der Anteil solcher Sedativa noch bei 2,8 Prozent.

Zum regelrechten Modemedikament entwickelt sich das starke Schmerzmittel Oxycontin, dessen Einnahme über fünf Prozent der Oberstufenschüler zugaben. Ähnliche Steigerungsraten sind auch beim Schmerzmittel Vicodin zu verzeichnen. "Wenn fünf Prozent der Befragten Heroin gebraucht hätten, wäre man sehr beunruhigt", sagte der wissenschaftliche Leiter der Studie, Lloyd Johnston, der New York Times. "Ich weiß nicht, ob Oxycontin-Missbrauch auf diesem Niveau nicht ähnlich gefährlich ist. Dieses Medikament birgt das große Risiko einer Überdosis und kann abhängig machen."

Kehrseite des Leistungsdenkens

Solche Medikamente seien leichter zu bekommen als illegale Drogen, konstatieren die Forscher. Es gebe aber auch eine kulturelle Verschiebung: Jugendliche wachsen zunehmend in einer Welt auf, wo es normal ist, zu einem starken Medikament zu greifen, um die eigene Leistung zu verbessern, länger aufzubleiben oder sich wieder zu beruhigen.

"Wir sehen Medikamentenwerbung wie Werbung für ein Shampoo", sagt Nora Volkow, Direktorin des Instituts. "Die Botschaft lautet dann, dass das Dinge für den Alltagsgebrauch sind." Volkow schätzt, dass rund sechs Millionen erwachsene US-Amerikaner Medikamente missbrauchen. "Wir sind gewohnt, uns über illegale Drogen Sorgen zu machen, wir sollten dies aber auch über legale Drogen tun."



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