SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. Januar 2019, 12:47 Uhr

Ärger um dienstliche Mailadressen von Lehrern

Keine_E-Mail@brandenburg.de

Von

In Brandenburg kommunizieren viele Lehrer über private E-Mail-Adressen mit Schülern. Das birgt Sicherheitsrisiken - und zeigt, wie schwer es den Ministerien fällt, Schulen digital fit zu machen.

Mal eben eine Notenliste zum Kollegen schicken, sich mit der Mutter über die Versetzung des Sohnes austauschen: E-Mails von Lehrern enthalten oft Infos, die niemanden etwas angehen - außer Absender und Empfänger.

Doch während andere Angestellte im öffentlichen Dienst - Polizei- oder Finanzbeamte etwa - grundsätzlich eine dienstliche E-Mail-Adresse haben, kommunizieren Lehrer in beruflichen Angelegenheiten häufig noch über die private.

Das ist aus zwei Gründen problematisch:

Separate Dienstpostfächer würden diese Probleme aus dem Weg schaffen. Man könnte meinen, das sei eine Kleinigkeit: E-Mail-Adressen eben, das kann doch nicht viel schwer sein? Tatsächlich ist die Einrichtung dieser Adressen kompliziert - und lässt ganze Landesministerien verzweifeln. Das zeigt sich aktuell in Brandenburg.

Teures Projekt, frustrierte Lehrer

Dort kündigte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) bereits im Februar des vergangenen Jahres an: Alle rund 20.000 Lehrer im Land sollen eigene dienstliche E-Mailadressen bekommen, ein insgesamt 700.000 Euro teures Projekt, berichtete die Märkische Allgemeine Zeitung.

Ein Jahr später haben die Lehrer in Brandenburg noch immer keine Dienstadressen. Stattdessen sind sie frustriert: "Wir sehen nicht ein, dass Lehrern eine solche Verantwortung aufgedrückt wird", sagt Hartmut Stäker vom Brandenburgischen Pädagogenverband. "Die wenigsten haben ausreichend IT-Kenntnisse, um ihre privaten Konten zu schützen."

Vor einem Jahr schritt man zwar zugleich ans Werk, um dienstliche Konten für Lehrer bereitzustellen, berichtet ein Sprecher des Bildungsministeriums dem SPIEGEL. Dieses beauftragte damals das Innenministerium, das wiederum den landeseigenen zentralen IT-Dienstleister abordnete.

Doch dort stellte sich heraus, wie groß die Herausforderung sei, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Es ginge schließlich um Tausende Lehrer, die womöglich auch noch "außerhalb der üblichen Geschäftszeiten" IT-Support bräuchten.

Das Bildungsministerium als Kunde

Hinzu käme, dass es in den Netzen der Landesverwaltung aus Sicherheitsgründen nicht möglich sei, aus einer ungeschützten Umgebung zuzugreifen. Polizei- oder Finanzbeamte sitzen an einem festen Arbeitsplatz in einem Büro - Lehrer hingegen arbeiten häufig von zu Hause aus und würden sich von extern in dienstliche Postfächer einloggen. Damit das sicher sei, müsse eine ganz neue technische Infrastruktur geschaffen werden, heißt es beim Innenministerium.

Und dann sollen die neuen E-Mail-Adressen auch noch mit einer Schul-Cloud kompatibel sein, in der Lehrer Lernmaterialien für Schüler bereitstellen können. Das jedenfalls wünsche sich das Bildungsministerium, das vor dem brandenburgischen IT-Dienstleister als Kunde gelte - und der Kunde bestimme nun mal die Anforderungen, so der Sprecher des Innenministeriums.

Insgesamt seien diese Anforderungen so komplex, dass man nun per europaweiter Ausschreibung nach einer Softwarelösung suche. Ein Anbieter soll hoffentlich im Mai gefunden sein. Spätestens 2020 sollten die Dienstadressen dann zur Verfügung stehen.

Doch selbst, wenn es dann so weit ist: Die Situation in Brandenburg steht exemplarisch dafür, wie schwer es den Landesministerien bundesweit fällt, Schulen auch nur im Ansatz digital fit zu machen.

Im vergangenen Jahr beschloss der Bund zwar, mit dem sogenannten Digitalpakt fünf Milliarden Euro bereitzustellen, um die Digitalisierung von Schulen voranzutreiben. Doch die Länder sperren sich bisher gegen eine Grundgesetzänderung, die nötig wäre, damit der Bund fördern kann, wofür er eigentlich nicht zuständig ist. Bildung ist Ländersache, die Digitalisierung von Schulen damit bislang auch.

Nur: Wenn Schüler lernen sollen, wie sie sich online sicher bewegen können, brauchen sie wohl Lehrer, die ihnen zeigen, wie das geht. Lehrer, die wissen, was Smartphones und soziale Netzwerke sind - und Lehrer, die professionell und ohne Risiko mit Schülern und Eltern kommunizieren, zum Beispiel über dienstliche E-Mailadressen.

Keine einheitliche Regelung

Was diese angeht, läuft es überall in Deutschland ähnlich wie in Brandenburg. Mal richtet der Förderverein die Adressen ein, mal die Schulleitung, mal der Schulträger - und mal gibt es eben einfach keine.

Einige Länder hätten vor, Lehrer mit dienstlichen Geräten oder E-Mailadressen auszustatten, sagt Torsten Heil von der Kultusministerkonferenz. Einige Länder seien außerdem dabei, Vorschriften zu erlassen, um den Datenschutz an Schulen rechtssicher zu machen. Dies sei auch eine Folge der im vergangenen Mai neu auf den Weg gebrachten Datenschutzgrundverordnung, die regelt, wie Unternehmen und Behörden mit personenbezogenen Daten umgehen sollten.

Baustelle Schule

"Was die Digitalisierung angeht, sind wir ein Entwicklungsland", sagt Ilka Hoffmann von der Bildungsgewerkschaft GEW. Es wäre schön, wenn endlich alle Lehrer eigene dienstliche Adressen bekämen.

Zuerst einmal seien da allerdings noch viele andere Baustellen: "Es gibt noch immer Schulen ohne WLAN und Lehrerzimmer, in denen nur ein Arbeitsplatz mit Rechner für Lehrer zur Verfügung steht. Wenn eine Schule tatsächlich mal Rechner für alle hat, sind die häufig kaputt - und es ist meist keiner da, der sie reparieren kann", sagt Hoffmann.

Lehrer dürften in der digitalen Welt nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden, so Hoffmann weiter. Eine datensichere dienstliche E-Mailadresse symbolisiere schon nach dem @-Zeichen: Die Lehrkräfte stünden online nicht alleine da, der Arbeitgeber übernehme Mitverantwortung.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung