E-Mail aus Nepal Kais erster Schultag

So hatte sich Kai Wichmann seinen ersten Tag als Lehrer in einer nepalesischen Schule nicht vorgestellt: Völlig unvorbereitet steht der 19-Jährige vor einer Horde Zweitklässler. Da hilft nur noch Unterricht mit Händen und Füßen.


Ein Alptraumszenario: Ich stehe unvorbereitet im Klassenzimmer. Vor mir reihen sich ehrfürchtig jede Menge Zweitklässler auf und stehen mucksmäuschenstill. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Hilfslehrer Kai Wichmann: Nach dem Abi in den Himalaya
Kai Wichmann

Hilfslehrer Kai Wichmann: Nach dem Abi in den Himalaya

Erwartet hatte ich, dass ich mir an meinem ersten Schultag erstmal alles in Ruhe ansehen könne. Da der Schulleiter aber krank in seinem Bett liegt, soll ich gleich mit dem Unterricht beginnen und seine Klasse übernehmen.

Sekunden vergehen wie Stunden. Immer noch blicken die Schüler erwartungsvoll zu mir hoch. Schon beim Hereinkommen waren sie aufgesprungen und hatten mich mit "Good Morning, Sir!" begrüßt. Als ich mich nach einiger Zeit besinne, bitte ich die Klasse endlich, sich zu setzen.

Das war gar nicht so schwer, denke ich, nachdem sich die Klasse unter einem lang gedehnten "Thank you, Sir!" gesetzt haben. Ich stelle mich auf Englisch vor und übersetze in holpriges Nepali. Es wird viel gekichert. Irgendwie schaffe ich es, dass sich auch die Schüler auf Englisch vorstellen.

Für meine erste Unterrichtsstunde habe ich mir vorgenommen, die Begriffe yesterday, today und tomorrow zu erklären, und nach einer Weile versuche ich es sogar mit the day after tomorrow. Doch nun verwirre ich meine Zöglinge vollends. Es wird still im Klassenraum, 20 Gesichter schauen mich fragend an. Suchend blicke ich mich nach Hilfsmitteln um.

Ein Schwamm als Vokabeltrainer

Meine Rettung sind eine Schere, ein Stück Kreide, eine Art Schwamm und ein Stifthalter. Diese vier Gegenstände, auf dem Boden ausgebreitet, stellen die verschiedenen Zeiten dar. Ich springe also von gestern nach heute, von übermorgen nach gestern. Die Klasse belohnt meine Anstrengungen. Sie schreit mir die englischen Begriffe und die dazu passenden Tage begeistert ins Gesicht.

Kais Unterkunft in Monjo
Kai Wichmann

Kais Unterkunft in Monjo

Am Ende weiß jeder, welcher Tag übermorgen ist und welcher gestern war. Ohne pädagogisches System, aber mit Erfolg gekrönt beende ich meine erste Schulstunde und kann mir beim Eintreten in das Lehrerzimmer ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wenn Frau Gutowski das wüsste...

Wie sehr habe ich meine eigenen Lehrer manchmal verflucht. Kurz fühle ich mich wie ein Verräter, dann wieder wie Alexander der Große nach einem seiner Feldzüge. Doch schon erklingt die Schulglocke und schreckt mich auf. Keine Zeit für Abi-Sentimentalitäten. Die vierte Klasse wartet schon.

Auch meine Deutschstunden laufen gut an. Ich betreue sieben ehrgeizige Schüler zwischen 15 und 31 Jahren. Allerdings müssen sie bisher ohne Bücher auskommen. Neulich hat mir ein Deutscher aus Kazis letzter Trekking-Gruppe 50 Euro gespendet. Wenn das so weiter geht, kann ich demnächst ein paar gebrauchte Schulbücher aus Deutschland bestellen.

Von Kai Wichmann

Nepal-Zeitung: "Quiz Zone"
Kai Wichmann

Nepal-Zeitung: "Quiz Zone"

PS: Neulich saß ich in einem Reisebüro, vertrieb mir einige Wartezeit mit einer Zeitung und stolperte über eine Quizfrage an Schüler der Klassen fünf bis zehn...

"Which leader is known by his byname "Def Fuhrer"?"

a. Brad Pitt
b. Mahatma Gandhi
c. Adolf Hitler
d. Bill Clinton



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