E-Mail aus Nepal Kais persönlicher Mount Everest

Was tun nach dem Abi? Kai Wichmann, 19, entschied sich für einen Trip in den Himalaja. Während der Lüneburger Abiturient in Nepal an einer Schule unterrichtet, schreibt er im SchulSPIEGEL über sein Leben fernab von Autos, Strom und Handys.


15. September: Angestachelt

Abiturient Kai: Reise zum Himalaya

Abiturient Kai: Reise zum Himalaya

Als mir zu meiner mündlichen Abiturprüfung ein Mitschüler einen Flyer über Nepal in die Hand drückte, sann ich mal wieder über die Zeit nach dem Abi nach. Es war plötzlich gekommen, das Abi. Ich wusste immer noch nicht genau, was aus mir werden sollte. Journalist vielleicht? Oder doch lieber Wirtschaftspsychologe?

Auf dem Flyer stand, unsere Schule sei eine Projektschule und sende jedes Jahr einen Abiturienten nach Nepal in den Himalaya. Dort unterrichten die Volontäre an einer Schule die Klassen 1 bis 7 in Englisch und wohnen bei einer Sherpa-Familie. Ich erinnerte mich an Fabian, der jetzt Geografie studiert und dieses Abenteuer zuerst angetreten war. Fabian hatte mich schon vor drei Jahren von einem Schüleraustausch in die USA überzeugt. Ich rief noch am gleichen Tag bei ihm an.

Ich war nicht gerade ein Wunschkandidat für die Organisatoren, denn ich habe nur fünf statt der geplanten zehn Monate Zeit, weil im März mein Zivildienst bei der Hamburger Feuerwehr beginnt. Ich bekam den Job trotzdem, denn es gab keine Mitbewerber. Anscheinend können sich nur wenige ein Leben fernab von westlichem Luxus vorstellen.


19. September: Ich will Berge besteigen

DER SPIEGEL
"Warum willst du denn da hin?", hat mich meine Familie gefragt. Gute Frage. Das kleine Bergdorf Jorsale liegt im Königreich Nepal in etwa 2650 Meter Höhe am Fuße des Mount Everest. Dort gibt es keine Autos und keine Heizung, weder Strom noch fließendes Wasser. Ich werde fünf Monate in Jorsale leben. Also, warum will ich ausgerechnet da hin?

Weil ich damit sinnvoll die Zeit zum Zivildienst überbrücken kann? Weil mich die Mystik des Himalaya gefesselt hat? Damit man über mich spricht? Ich weiß es selbst nicht so genau.

Natürlich habe ich zur Beruhigung meiner engsten Freunde und Familie alle möglichen Gründe erfunden. Viel lieber hätte ich den Bergsteiger George Mallory zitiert. Als der gefragt wurde, warum er denn unbedingt den Mount Everest erklimmen wolle, antwortete er: "Weil er da ist!"

Die nächsten fünf Monate sind mein Mount Everest. Es war eine Gefühlsentscheidung: Ich habe das Gefühl, das Richtige zu tun für mich und die vielen nepalesischen Kinder, die ich bald voller Enthusiasmus unterrichten werde.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.