E-Mail aus Nepal Weit weg von der Weihnachtsgans

Während sich zu Hause die Familie über das Festtagsgeflügel hermacht, sitzt Kai Wichmann noch immer in seiner Dorfschule am Fuße des Mount Everest. Weihnachten kennt man in Nepal nicht - und von Schnee war bisher wenig zu sehen.


Rechte Festtagsstimmung will sich nicht bei mir einstellen - Weihnachten gibt es im buddhistisch geprägten Nepal nicht. Obwohl Winter ist, verbrennt mir die Bergsonne tagsüber weiterhin das Gesicht. Und auf den ersten Schnee müssen wir hier in Jorsalle viel länger warten als zu Hause in Norddeutschland.

Kai Wichmann in Nepal: Berge, aber kein Schnee
Kai Wichmann

Kai Wichmann in Nepal: Berge, aber kein Schnee

Insgesamt also keine einfachen Umstände für ein ordentliches Weihnachtsmärchen. Um alles noch viel schlimmer zu machen, hat mir mein Cousin in der vergangenen Woche geschrieben, dass sich meine Portion Weihnachtsgans in seinem Magen sicher sehr wohl fühlen wird.

Auch der Versuch, meine Schüler in Monjo über Weihnachten aufzuklären, ist leider missglückt. Als ich die Kinder bat, mir ein Weihnachtsbild zu malen, bekam ich reihenweise Bildnisse von Apfelbäumen zurück. Auch ein paar Häuser, Berglandschaften und buddhistische Gebetsfahnen waren dabei. Vielleicht lag es an meinem holprigen Nepali.

Weihnachten ist eine komplizierte Geschichte

Die Sache ist zugegebenermaßen kompliziert. Wie kann ich da erwarten, dass die Kinder gleich verstehen, wann und wie Maria Jesus geboren hat? Viele Nepalesen kennen ja noch nicht mal ihren eigenen Geburtstag.

Der einfühlsame Leser hat jetzt bestimmt ganz schreckliches Mitleid mit mir, besonders wegen der Weihnachtsgans. Doch keine Sorge: Ich habe natürlich meiner Oma sofort nach Lüneburg geschrieben, sie solle mir doch bitte eine große Portion Festessen einfrieren. Die Gans mit viel Kruste natürlich und eine doppelte Portion Rotkohl.

Außerdem werde ich mir trotz der Umstände ein kleines Stück Weihnachten nach Nepal holen. Ich habe mir vorgenommen, den größten auffindbaren Baum zu schmücken - geeignete Tannen gibt es hier glücklicherweise trotz der Höhe genug. Ich werde ein Weihnachtsgedicht auswendig lernen und gleich ein ganzes Geschwader Papierengel basteln.

An Heiligabend werde ich dann die Augen schließen und meine Engel auf die weite Reise nach Deutschland schicken. Dort angekommen werden sie gut auf meine Familie und Freunde Acht geben und meine Weihnachtsgrüße überliefern.

Denjenigen SPIEGEL-ONLINE-Lesern, die mir einen lieben Leserbrief mit ihrer Adresse schreiben, schicke ich vielleicht ebenfalls einen kleinen Engel vom Fuße des Mount Everest...

Frohes Fest wünscht euch Kai Wichmann



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