E-Sportler Johannes Zocken gegen die besten Spieler der Welt

Das ganze Leben spielen zu dürfen - für viele Jugendliche ein Traum. Johannes Morlo, 18, ist nah dran: Er ist in der Nationalmannschaft für das Computerspiel "WarCraft III" und bekommt Geld dafür, dass er sich bei Turnieren mit den Stars der Szene misst.

Von Benjamin Loy


Johannes macht das, was viele Jugendliche gern tun: Er sitzt vor dem Computer und zockt. Das kann er ziemlich gut, so gut, dass er Geld dafür bekommt. Johannes Morlo ist deutscher Nationalspieler für das Computerspiel "WarCraft III". In der Szene ist er besser bekannt unter seinem Spielernamen "Hanf". Das habe aber "absolut nichts mit Kiffen zu tun", versichert der Abiturient.

Johannes ist einer der besten "E-Sportler" Deutschlands. "E" steht für elektronisch, und Sport heißt hier, dass sich oft Hunderte von Jugendlichen in großen Hallen treffen, um gemeinsam auf der Mattscheibe zu zocken oder anderen dabei zuzusehen. Am besten geht das mit Multiplayer-Spielen, zum Beispiel der Fußballsimulation "FIFA Soccer" oder Strategiespielen wie eben "WarCraft III".

Die Branche boomt und wächst von Jahr zu Jahr. "Es existieren keine genauen Daten, aber es gibt allein in Deutschland wohl etwa eine Million E-Sportler, die regelmäßig und wettkampforientiert spielen", sagt Daniel Jensen, Chefredakteur der E-Sport-Seite Readmore.de. Dass jemand so geschickt an den Tasten und Knöpfen ist wie Nationalspieler Johannes, ist aber die Ausnahme. Ein "Clan", also eine professionell organisierte Gruppe, kam auf Johannes zu und fragte, ob er bei ihnen einen Vertrag als Profi-Spieler unterschreiben will.

Eine Million deutsche E-Sportler

Der Clan von Johannes heißt "mtw". Ungefähr vergleichbar ist so eine Gruppe mit einem Sportverein oder einem Team, etwa beim Fußball. Je höher das Niveau der Spieler eines Clans, desto bekannter wird er, und desto mehr Geld kann der Clan bei den Herstellern der Spiele und der Computer einwerben. Vor allem die Hersteller hoch entwickelter Software sponsern die Daddel-Clans.

Für "mtw" spielt Johannes in der größten deutschen Online-Computerspiel-Liga "Electronic Sports League" - und auf Turnieren, die ihn schon in fast alle größeren deutschen Städte geführt haben. Der Clan zahlt ihm ein monatliches Gehalt, dessen Höhe Johannes nicht verrät, und übernimmt außerdem alle Reise- und Übernachtungskosten. Manchmal geht es richtig weit weg: zum "Electronic Sports World Cup" im Juli in Paris oder Ende Oktober zu einem internationalen Turnier in Los Angeles.

Durch die Welt jetten, um am Computer zu spielen, und dafür auch noch bezahlt werden: das klingt wie der absolute Traumjob, zumindest für einen Jugendlichen. Aber immer das gleiche Spiel - mal darüber nachgedacht, die Disziplin zu wechseln? Johannes winkt ab. Das Spiel "WarCraft III" sei "ungeheuer komplex", es fordere sein strategisches Denken, sagt er. Das habe er sofort gemerkt, als er vor drei Jahren mit ein paar Freunden zum ersten Mal vor dem Rechner saß und zockte.

WarCraft III ist eine Fantasy-Welt, in der sich Menschen, Orks, Nachtelfen und Untote bekriegen. Der Spieler muss sie richtig aufbauen, organisieren, einsetzen. Es geht nicht ums Ballern wie bei einem Ego-Shooter - der Spieler muss vorausschauend planen und auch schnell reagieren können. Wenn Johannes ein Match spielt, sitzen schon mal bis zu 10.000 Zuschauer in einer großen Messehalle und verfolgen, wie er sich mit einem anderen Spieler duelliert.

In Asien geben E-Sport-Profis Autogramme

Johannes verdient Geld mit dem Spielen, er verbringt viel Zeit vor dem Computer, das Zocken ist halt sein Job. Aber er ist kein Computerspiel-Roboter, dessen bester Freund der Highscore ist. Er spielt begeistert Fußball und bewegt sich bei den Zock-Turnieren in aller Welt auch mal vor die Tür. Es ist ihm wichtig, das mal klar zu sagen.

Das unterscheidet ihn nämlich von den richtigen Profispielern. Diese Super-Könnernsind meist aus Asien und dort richtige Stars, die auf der Straße von Fans um Autogramme gebeten werden. "Die erhalten monatlich schon mal an die 10.000 Dollar Gehalt und können auf jährliche Prämien von bis zu 300.000 Dollar kommen", sagt Johannes. Der Einsatz dafür ist hoch: Bis zu zwölf Stunden täglich trainieren die Besten der Besten, fast ausschließlich Männer im Alter zwischen 17 und 25 Jahren.

Johannes sagt, er habe zu seinen Spitzenzeiten drei bis vier Stunden täglich gespielt, sagt er. So viel Training brauchte er auch, um das Niveau zu erreichen, auf dem er jetzt spielt – und das es ihm erlaubt, mit der Weltspitze einigermaßen mitzuhalten. Probleme in der Schule oder mit seinem Umfeld habe nur einmal gehabt: "Da wurde es sehr knapp bei der Versetzung. Allerdings in Fächern, die mir ohnehin nie besonders lagen." Und für sein Englisch ist der Spielbetrieb sogar richtig gut: Auf den internationalen Turnieren spricht man nur Englisch - "da habe ich mich in den letzten drei Jahren enorm verbessert".

Einen Nachteil hat die Sache aber doch - die Freude am bloßen Computerspielen sei schon etwas geschwunden, gibt Johannes zu. Er sieht's pragmatisch: "Ich mache weiter, um Geld für mein Studium zu sparen." Was dann aus seiner Karriere als E-Sportler wird, weiß er noch nicht genau. "Viele Spieler hören auf, sobald es zur Uni geht." Sein Vertrag beim Spiel-Clan gilt noch bis nächstes Jahr, im Sommer will er sein Abitur und dann Zivildienst machen.



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