Edel-Erziehung "Kinder brauchen keine Kneipp-Bäder"

Museumstouren auf Englisch, Entwicklungszeugnisse für die Eltern - die private Kita-Kette "Little Giants" bietet Vorschule für die Kleinsten. Betreiberin Jelena Wahler erklärt, warum ihre Schützlinge später mehr Spaß an Mathe haben und wie es auch Kinder aus der Unterschicht leichter an die Uni schaffen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Wahler, Kinderfördern ist zum Volkssport geworden, es gibt Yoga-, Chinesisch- und Selbstverteidigungskurse für Kinder - sind die Eltern des 21. Jahrhunderts hysterisch?

Wahler: Stimmt, wenn man eine Elternzeitschrift durchblättert, wird man fast erschlagen von der Fülle an Angeboten, und vieles ist absurd. Aber andererseits wurden Kinder früher schon gefördert, ich bin auch in den Klavier- und Tennisunterricht gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ihre Eltern haben für Sie keine eigene Kita aus dem Boden gestampft. Sie dagegen haben nach der Geburt ihres Sohnes "Little Giants" gegründet. Was hat Ihnen an den herkömmlichen Kitas nicht gepasst, die für Generationen von Kindern gut genug schienen?

Wahler: Es gibt natürlich öffentliche Einrichtungen, die sehr gut sind, aber bei uns war das so: Als ich schwanger war und eine Kita suchte, wollte ich, dass mein Kind sicher und glücklich ist. Einmal sah ich in einer Einrichtung ein Baby auf dem Rasen liegen und ein älterer Junge raste mit seinem Dreirad haarscharf am Kopf des Kindes vorbei. Dann bekam ich auf die Frage nach einem pädagogischen Konzept oft die Antwort, Krippen-Kinder seien dafür doch noch viel zu klein. So entstand der Plan für unser Kita-Konzept. Früher waren Kinder nur vormittags im Kindergarten, einfach zum Spielen. Die Nachmittagsbetreuung übernahm dann meist die Mutter. Aber wenn Kinder den ganzen Tag in einer Einrichtung bleiben, sind die Anforderungen einfach anders.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Wahler: Es fängt schon mit dem Essen an. Das muss nicht nur gesund sein. Unsere Erzieherinnen gehen mit den Kindern auf den Markt zum Einkaufen. Dann wird Gemüse geputzt und geschnitten und zusammen gekocht. Das machen Mütter mit ihren Kindern auch. Und so wie Kinder früher zum Klavierunterricht oder zum Sport gebracht wurden, haben sie bei uns auch diese Möglichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Förderung geht aber weit darüber hinaus: Sie erziehen die Kinder bilingual, beim Kochen wird gewogen und gerechnet, alle Spiele und Aktivitäten eines Tages werden an einem bestimmten Thema ausgerichtet. Es gibt Kunsterziehung, musikalische Früherziehung, Sport. Das klingt nach einem harten Arbeitstag für ein Kind.

Wahler: Zum einen müssen die Kinder nicht mitmachen, wenn sie nicht wollen. Die Option, etwas anderes machen zu können, ist auch aus neurobiologischer Sicht wichtig. Außerdem werden die Angebote mit den Kindern zusammen geplant, das macht ihnen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker nennen diese frühpädagogische Programm Förderitis und bemängeln, eben bei solchen Aktivitäten stünden die Kinder schon von Kleinauf unterschwellig unter Druck und im Wettbewerb mit den anderen.

Wahler: Das ist doch Unsinn. Wenn ein Kind den anderen erzählt, was es weiß, lernen alle. Der Junge oder das Mädchen, das erzählt, hat Spaß und verliert die Hemmungen, vor Publikum zu sprechen. Und die anderen saugen auf, was es sagt. Es gibt drei Wege, über die der Mensch lernt: Ausprobieren, imitieren und pauken. Das Pauken lassen wir weg.

SPIEGEL ONLINE: Sie dokumentieren genau die Entwicklung des Kindes - sind diese Protokolle nicht einfach eine Art Zeugnis?

Wahler: Nein. Die Tagesprotokolle, die die Kunden der Kita jeden Tag bekommen, halten einfach fest, was passiert ist. Was gegessen wurde, was in der Windel war, wie lange das Kind draußen war. Damit die Eltern Bescheid wissen - die Kinder sind ja noch zu klein zum Erzählen. Es wird auch festgehalten, ob das Kind größtenteils gut oder schlecht gelaunt war.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten aber in Langzeit-Protokollen auch fest, wie sich das Kind entwickelt.

Wahler: Aber wir geben doch keine Noten für Englisch und Mathe. Wir haben ein System, um Sprachkenntnisse zu protokollieren - je nach Alter gibt es fünf Stufen. Wir hatten einmal ein Kind, das sich sprachlich zurückentwickelt hat. Der Grund waren schlicht: Der Junge hatte Polypen und hörte deswegen schlecht. Die Eltern wären ohne uns vielleicht erst sehr viel später zum Arzt gegangen - sie sehen das Kind ja jeden Tag und bemerken so die feinen täglichen Rückschritte gar nicht. Wegen dieser hohen Qualität ist unser Konzept als eines von fünf deutschen Einrichtungen für das Pädagogikprogramm der EU ausgewählt worden.

SPIEGEL ONLINE: Und die ehrgeizigen Mamis stehen am Ende des Kindergarten-Tages nicht da und vergleichen ihre Protokolle?

Wahler: Nein, das wüsste ich, ich hole meinen Sohn ja jeden Tag selbst dort ab. die Eltern bekommen diese Dokumentation ohnehin nur zu sehen, wenn sie dezidiert danach fragen oder Probleme auftauchen. Wir sagen den Eltern immer: Jedes Kind ist anders. Das individuelle Fördern ist Kernpunkt unseres Konzepts. Nicht alle Kinder müssen zur gleichen Zeit eingeschult werden, es müssen auch nicht alle Klavier spielen. Manche krabbeln früher, andere laufen gleich oder fangen erst an zu sprechen. Unsere Dienstleistung ist einfach, den Kindern eine optimale Umgebung zu bieten, so wie es die Eltern zu Hause auch versuchen würden.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Kinder, die aus ihrem Kindergarten rauskommen, schlauer als andere? Können sie zum Beispiel tatsächlich gut Englisch sprechen?

Wahler: Wenn ein Kind bei uns in der Kita und im Kindergarten war, kann es in der Regel Englisch fast oder genauso gut wie Deutsch. In den Einrichtungen ist ein Native Speaker als dritter Erzieher entweder den halben oder sogar den ganzen Tag im Raum, und er macht genau das Gleiche wie die anderen Mitarbeiter - nur eben auf Englisch. Morgenrunde, Kochen, Museumsausflüge. Er spricht nur Englisch mit ihnen, so lernen sie die Sprache von einer Bezugsperson. Das Lernen von jemandem, der dem Kind nahesteht, ist wichtig. Sie üben so etwa beim Kochen schon das Wiegen und Rechnen, dann haben sie später viel Spaß an Mathematik. Einfach weil sie das Abstrakte unterbewusst mit positiven Gefühlen von früher verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie erziehen also die künftige Elite?

Wahler: Wir haben natürlich nicht diesen Fokus. Aber es gibt Studien die zeigen: Kinder, die aus bildungsfernen Schichten stammen, haben bei einer qualitativ hohen Erziehung in Krippe und Kindergarten eine sehr viel höhere Chance, das Abitur zu machen und zu studieren. So bringt die frühe Förderung etwas für die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sohn hat bei "Little Giants" also eine glücklichere und bessere Kindheit als Sie früher?

Wahler: Meine Kindheit war einfach anders. Als ich im Kindergarten war, war das nur vormittags. Nachmittags hat sich meine Mutter um mich gekümmert. Damals spielten Kinder auch noch viel mehr auf der Straße - so dass ich viel Kontakt zu anderen Kindern hatte. Das muss heute alles in der Kita passieren.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit einem Unternehmen wie Little Giants eigentlich richtig Geld machen?

Wahler: Ich habe als Unternehmensberaterin wesentlich mehr verdient. Es geht darum, Kindern eine glückliche Zukunft zu ermöglichen und Eltern ein sorgenfreies Berufsleben.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt inzwischen schon Luxuskindergärten mit Sauna und Bodyguards. Auch öffentliche Einrichtungen verbessern ihre pädagogischen Konzepte ständig. Fühlen Sie sich als Unternehmerin unter Druck, den Kindern immer mehr und immer Neues zu bieten?

Wahler: Nein. Es gibt Dinge, die sind hanebüchen. Kinder brauchen keine Sauna und keine Kneipp-Bäder. Ich habe einen gesunden Menschenverstand und selbst Kinder. Was für meine Kinder nicht sinnvoll ist, muss ich nicht anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Der Arzt Remo Largo sagt, die ganze Förderei bringe sowieso wenig, weil ein Kind Neues lernt, wenn es dazu bereit ist, und keinen Augenblick früher.

Wahler: Es tobt derzeit ein Glaubenskrieg über die Kindererziehung, der sehr schädlich ist. Er verunsichert viele Eltern, die gar nicht mehr wissen, wem sie jetzt glauben sollen. Das schadet letztlich auch den Kindern. Eltern müssen Sicherheit und Orientierung geben. Das Schlimmste ist, wenn das Kind merkt, dass Eltern angespannt sind. Ich glaube, Mütter und Väter sollten einfach wieder in sich selbst hineinhören und überlegen, womit sie am glücklichsten sind. Wenn die Eltern zufrieden sind, ist es das Kind auch.

Das Interview führte Anne Seith



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
sumus 06.08.2009
1. Voll daneben
Mein Eindruck bewahrheitet sich mal wieder aufs Neue. Diese Elterngeneration der heute 25 bis 45jährigen hat in der Kindererziehung ihrer Sprößlinge schlicht ein Rad ab. Wir Achtundsechziger kriegen jetzt wahrscheinlich das ganze Programm unserer pädagogischen Versuchsballons mit Zinseszinsen zurück und müssen den Erziehungsschrott durch unsere Kinder an unseren Enkeln wehrlos miterleben.Welche Folter! Lieber Gott, wirf endlich Normalität herunter.
frubi 06.08.2009
2.
Produktionsstätte für zukünftige Upper-Class-Nervensägen? Das Wohlhabende imemr denken "Je mehr Geld ich in das Kind pumpe desto besser wird es mein Kind später haben".
Shimodax, 06.08.2009
3. Elitärer Quatsch
Zitat: "Wir haben natürlich nicht diesen Fokus. Aber es gibt Studien die zeigen: Kinder, die aus bildungsfernen Schichten stammen, haben bei einer qualitativ hohen Erziehung in Krippe und Kindergarten eine sehr viel höhere Chance, das Abitur zu machen und zu studieren. So bringt die frühe Förderung etwas für die Zukunft." und "1100 Euro monatlich kostet ein Ganztagesplatz in der privaten Kita," Ganz klar wie davon bildungsferne Familien profitieren.
Verrückt-Spiegel 06.08.2009
4. Pauschalis
Zitat von sumusMein Eindruck bewahrheitet sich mal wieder aufs Neue. Diese Elterngeneration der heute 25 bis 45jährigen hat in der Kindererziehung ihrer Sprößlinge schlicht ein Rad ab. Wir Achtundsechziger kriegen jetzt wahrscheinlich das ganze Programm unserer pädagogischen Versuchsballons mit Zinseszinsen zurück und müssen den Erziehungsschrott durch unsere Kinder an unseren Enkeln wehrlos miterleben.Welche Folter! Lieber Gott, wirf endlich Normalität herunter.
Was haben die unzähligen Angebote an Kitasystemen mit der Elterngeneration zw. 25 und 45 zu tun? Wenn, dann sollte sich ihre schwachsinnige Behauptung gegen die Anbieter dieser Systeme richten und nicht gegen die Eltern!
xwowe 06.08.2009
5. Keine Ahnung
Wie ich Ihren Beiträgen entnehmen kann, hat keiner von Ihnen ein Kindergartenkind in einem Ballungsgebiet. Es ist immer sehr einfach auf elitär usw. zu schimpfen. In der Realität ist es einfach so, dass man als Arbeitstätiger in einem öffentlichen Kindergarten überhaupt keinen Ganztagesplatz bekommt. Dazu kommt noch der Betreuungsschlüssel, das Angebot sowie die vorherrschende Sprache in einem öffentlichen Kindergarten. Also, keine Beissreflexe. Einfach mehr Gespür für die Realität.
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