Ehemalige Nazi-Fabrik in Erfurt Hunde, Haarfilz, Hausbesetzer

Ein bisschen Schmodder, ein bisschen Anarchie: Für ihre Bands haben Maik, 17, und seine Erfurter Punkerfreunde einen besonderen Proberaum - die besetzte Produktionshalle einer Fabrik für Verbrennungsöfen aus dem Nationalsozialismus. Nun soll das Gelände geräumt werden.

Von Anne Fromm


"Bambule ist überall" hat jemand in großen schwarzen Buchstaben auf die Fassade geschrieben. Das alte Fabrikgelände ist nicht mehr als eine Industriebrache. Sätze wie "Kampf dem Kapitalismus" oder "Wir bleiben alle" schmücken die Mauern des über 100 Jahre alten Baus, der auf der Brache übrig geblieben ist. Die Fenster sind eingeschlagen, Müllberge erheben sich auf dem verfallenen Gelände, eine verrostete Tür knarrt in der Ferne. Hunde streunen über die Höfe zwischen den Bauwägen.

 Söhne: "Viel Energie reingesteckt"
Anne Fromm

Söhne: "Viel Energie reingesteckt"

Lange, verfilzte Haare, zerschlissene Cord-Hosen und löchrige Converse tragen die Jugendlichen, die hier ein- und ausgehen. Das besetzte Haus ist für sie mehr als eine Rückzugsmöglichkeit. Der 17-jährige Maik probt mit seiner Band seit etwa drei Jahren in einem kleinen schmoddrigen Raum auf dem Gelände. "Das besetzte Haus bedeutet mir viel", sagt er, "wir haben lange darum gekämpft und viel Energie und Ideen reingesteckt, damit es so wird, wie es heute ist."

Erfurter Punks und Autonome haben die ehemalige Fabrikhalle von Topf & Söhne zum besetzten Haus erklärt. In den dreißiger Jahren stellte das Familienunternehmen hier, in der Rudolstädter Straße in Erfurt, Verbrennungsöfen für das nahe gelegene KZ Buchenwald her. Nun soll das geschichtsträchtige Gebäude beseitigt werden.

Über eine schmale Rettungsleiter erreicht man den Proberaum von Maik und seinen Freunden. Ein wenig stickig ist es. Aber gemütlich. In einer Kochnische steht ein Ofen, gegenüber liegen gestapelt unzählige Matratzen - ein Ort zum "Chillen". Der große kahle Raum ist voll mit Instrumenten. Fünf verschiedene Bands proben hier regelmäßig. Sie heißen Connyflower Island oder Klebrig und nennen ihre Musik experimentell. Ska-Punk und Pop fließen in ihren Songs zusammen. Jimi Hendrix, Sonic Youth und Bob Dylan sind ihre Gurus.

Musik sei ihr Leben, erklärt Maik und zündet sich eine Zigarette an. Mit den Punks im anderen Teil des Hauses haben die 17- bis 20-Jährigen nicht viel zu tun. Man sieht sich gelegentlich, aber ansonsten herrscht Funkstille. Als das Haus im April 2001 bezogen wurde, hatten die damaligen Besetzer große Träume und Ideen, wie das Gelände gestaltet werden sollte. Konzerte, Discos, Lesecafés, politische und kulturelle Diskussionen und die regelmäßige "Küche für alle" sind von den unzähligen Visionen übrig geblieben, erzählt Maik.

"In jede Stadt gehört ein besetztes Haus"

Schon bald soll allerdings Schluss sein mit dem bunten Treiben in der einstigen Fabrik. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) will demnächst das gesamte Gelände aufkaufen, um Wohn- und Geschäftsräume darauf zu errichten. Maik machen die Verhandlungen wütend. Er sehe sich selbst nicht als Hausbesetzer, sagt er, findet aber, dass ein besetztes Haus in jede Stadt gehöre - gerade wenn das Gebäude eine solche Geschichte habe. Deswegen will Maik sich der drohenden Räumung widersetzen: "Ich rechne damit, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt. Aber davor habe ich keine Angst. Verschiedene Gruppen aus ganz Deutschland haben ihre Unterstützung angekündigt. Die Solidarität unter Hausbesetzern ist enorm."

Das zeigen auch die Reaktionen auf die drohende Schließung. Einige Besetzer haben in einem offenen Brief an die Stadtverwaltung die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Baus und Anerkennung für ihre bisherige Arbeit gefordert. Aufklärung und Sensibilisierung seien die Zeile, an denen die jungen Leute sowie der Förderverein bereits seit über vier Jahren arbeiten, steht in ihrem Brief.

Die Stadt schätzt dieses Engagement. "Aber das Brachgelände schreit schon lange nach Wiederbelebung", begründet der Erfurter Bürgerbeauftragte Wolfgang Zweigler die Pläne. "Nach dem Brand im Frühjahr dieses Jahres ist das Gelände nun endgültig verkommen. So kann es nicht bleiben." Zweigler räumt ein, dass zumindest ein kleiner Teil des Gebäudes zum Gedenken erhalten bleiben soll. "Das endgültige Ziel ist es, den Gebäudekomplex, in dem die Öfen während des zweiten Weltkrieges hergestellt wurden, zu renovieren." Die Wanderausstellung "Techniker der Endlösung", in der es auch um die Vergangenheit von Topf & Söhne geht (derzeit in Erfurt zu sehen), soll in einigen Jahren dort ihren festen Platz finden. Aber auch das sei "eine Frage des Geldes".

Wann genau Connyflower Island, Klebrig und all die anderen Gruppen und Jugendlichen das besetzte Haus räumen müssen, steht noch nicht fest. Wohin sie dann gehen könnten, auch nicht. Die einzige Klarheit, die die Musiker bis jetzt haben, ist, dass sie sich ein neues Haus suchen müssen. Wieder eines, das verfallen ist. Wieder eines, in dem Platz genug für Konzerte, Proberäume und Partys ist. Wieder eines, in dem sie wohnen können, wie sie wollen.

Autorin Anne Fromm, 19, studiert in Jena Romanistik und Soziologie. Sie schreibt für die "Thüringer Allgemeine" und die Jenaer Studentenzeitung "Akrützel".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.