Ehrgeiz in der Schule Mach dich mal locker

Die Abi-Prüfungen stehen vor der Tür. Verbissen arbeiten Schüler am Notendurchschnitt und kämpfen um jede Nachkommastelle, Mädchen pauken noch ehrgeiziger als Jungs. Zu viel Druck kann aber schnell zum Problem werden, findet Anne Allmeling von der Jugendzeitschrift "Yaez".

Durchboxen oder nicht? Ehrgeiz kann auch schaden
Jan Kopetzky

Durchboxen oder nicht? Ehrgeiz kann auch schaden


Vor Chemie hat Anni keine Angst. Im Gegenteil: Sie hat sich freiwillig für das Fach entschieden. Die 19-Jährige interessiert sich zwar mehr für Erdkunde. Aber weil an der Königin-Luise-Schule in Köln kein Leistungskurs zustande kam, hat Anni den Chemie-LK gewählt. Da geht es heute um die Synthese von Phenolphthalein. Ziemlich kompliziert. Aber Anni macht das nichts aus. Sie geht nach vorn, schnappt sich ein Stück Kreide und schreibt mit schnellen Strichen die chemische Formel an die Tafel. Ganz locker in Jeans und T-Shirt steht sie da, als ob das alles kein Problem sei.

Sechs Wochen vor den Abschlussprüfungen ist Anni ziemlich gelassen. Sie und ihre Mitschüler wiederholen den Stoff der letzten Wochen, gehen ihre Notizen durch, stellen ihrem Lehrer Fragen. Anni hat ein paar Gleichungen aus dem Internet ausgedruckt. Sie ist gut vorbereitet. Gerade in Chemie ist sie ziemlich ehrgeizig. "Meine Leistungskurse sind mir wichtig", sagt Anni und erklärt, warum: "Ich will ein gutes Abi machen."

Um diese Zielstrebigkeit beneidet Fatih seine Mitschülerin manchmal. Er ist in der Schule alles andere als ehrgeizig. "Faulheit ist meine größte Schwäche", gibt der 18-Jährige zu. Dabei weiß Fatih ganz genau: "Wenn man in der Schule erfolgreich sein will, braucht man Ehrgeiz." Der Gymnasiast hatte zwar nie Probleme in der Schule - aber eben auch nur selten richtig gute Noten. Und das, obwohl er sehr intelligent ist.

Mädchen sind ehrgeiziger als Jungs

Nur im Sport ist er wirklich ehrgeizig. "Da versuche ich immer, der Beste zu sein", sagt Fatih und lacht. Im Sportunterricht räumt er Spitzennoten ab. Kein Wunder: Ob Basketball, Volleyball, Schwimmen oder Taekwondo - Fatih hat schon alles ausprobiert und trainiert, so viel er kann. In den anderen Fächern dagegen reicht ihm absolutes Mittelmaß.

"Ehrgeiz entwickeln, etwas leisten wollen - diese Eigenschaft entwickeln Mädchen in der Regel früher als Jungen ", sagt Professor Gerd Lehmkuhl von der Universität Köln. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie plädiert deshalb für ein "Jungenprogramm" - für Fördermaßnahmen also, die Jungen dabei helfen, eine Perspektive für die eigene Zukunft zu entwickeln.

Die Ursachen für mangelnden Ehrgeiz sind vielfältig. "Manche Kinder sind einfach nicht ehrgeizig, weil sie entmutigt sind. Sie haben zum Beispiel negative Erfahrungen mit dem Lernen gemacht", erklärt Lehmkuhl. Ursache könne aber auch sein, dass ein Schüler zu verwöhnt ist. Wer rundum versorgt wird und alles bekommt, ohne sich anstrengen zu müssen, mache leicht die Erfahrung, dass Ehrgeiz gar nicht gebraucht werde, hat Lehmkuhl beobachtet.

Doch auch das Gegenteil ist nicht gesund: Übertriebener Ehrgeiz schadet oft mehr, als dass er nützt. Ulrich Boddenberg, Schulleiter der Königin-Luise-Schule, hat das immer wieder beobachtet: "Die jeweiligen Schüler stehen unter einem enormen Druck. Sie sind verkrampft, wollen immer alles richtig machen und sich ständig rückversichern." Dieser übertriebene Ehrgeiz kann laut Lehmkuhl verschiedene Ursachen haben: ein niedriges Selbstwertgefühl zum Beispiel oder Eltern, die zu hohe Ansprüche an ihr Kind haben.

Streber gelten als schwierig

Um Schülern zu helfen, die unter starkem Druck stehen oder sich selbst stark unter Druck setzen, bietet die Universitätsklinik in Köln eine Sprechstunde an. Schüler können sich dort mit ihren Eltern beraten lassen. Denn übertriebener Ehrgeiz kann schlimme Folgen haben; Essstörungen oder ein schwieriges Sozialverhalten gehören dazu. Wer in der Schule - und nicht nur dort - immer alles richtig machen will, gilt außerdem schnell als "Streber".

"Das sind die Schüler, die alles dafür tun, um gut zu sein", sagt Anni. "Die haben überhaupt keine Freizeit mehr." Von den Mitschülern werden sie oft ausgegrenzt. "Das kann durch Blicke geschehen, durch Tuscheln oder Lachen", weiß Schulleiter Boddenberg. Für die betroffenen Schüler ist es dann meist sehr schwer, die Rolle des "Strebers" wieder loszuwerden. Wichtig ist es, das richtige Maß an Ehrgeiz zu finden: nicht zu viel und nicht zu wenig. "Man braucht so viel Ehrgeiz, dass man in der Schule irgendwie mitkommt", meint Anni.

Schulleiter Boddenberg ist der gleichen Meinung. "Ehrgeiz ist die Antriebskraft, um bestimmte Dinge zu erreichen", sagt er. Und Professor Lehmkuhl ergänzt: "Wenn der Ehrgeiz oder Ängste die sozialen Kontakte stark einschränkt, dann stimmt irgendetwas nicht."

Anni will zwar ein gutes Abi machen - aber übertreiben will sie es mit dem Lernen genauso wenig wie ihre Mitschüler. Schließlich hat sie noch andere Interessen: Sie tanzt gern und trifft sich mit ihren Freunden. "So wie alle", sagt Anni und grinst. Sie weiß genau, dass sie trotz ihrer guten Noten keine "Streberin" ist. Sie sieht das Abi sehr gelassen - und es deutet alles darauf hin, dass sich das in den nächsten sechs Wochen nicht ändern wird.

Von Anne Allmeling für die Jugendzeitschrift Yaez



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