Einschulung "Ein Jahr mehr Kindheit"

Eltern so genannter Kann-Kinder stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Sie müssen bestimmen, ob sie ihr Kind in die Schule schicken sollen, obwohl es noch gar nicht schulpflichtig ist. Experten halten es für falsch, den Nachwuchs zu lange zu behüten.

Lange Zeit war die Sache einfach: Wer sechs Jahre alt wird, muss zur Schule. Prinzipiell gilt die Schulpflicht ab diesem Alter nach wie vor. Allerdings sind nicht nur wegen des schlechten Abschneidens der deutschen Schüler bei der Pisa-Studie immer öfter Forderungen nach einem deutlich früheren Einschulungstermin zu hören. Doch das kommt nach Einschätzung von Experten nicht für jedes Kind in Frage.

"Fest steht: Im Vergleich mit anderen Ländern werden Kinder bei uns ziemlich spät eingeschult", sagt Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes. "Mit durchschnittlich 6,8 Jahren liegen wir weit hinten." In den Niederlanden beispielsweise wird mit vier Jahren eingeschult. Andererseits seien die Schulsysteme auch nicht immer vergleichbar - in anderen Ländern gebe es in den Schulen für die ganz Kleinen zum Teil eher ein Betreuungsangebot wie im Kindergarten. "Bei der Grundschule wie jetzt in Deutschland wäre eine Einschulung aller Kinder mit vier Jahren aberwitzig."

"Warum verkürzt man nicht die Schwangerschaft?"

Das sieht auch Helga Lutz, Schulpsychologin am Schulamt Marburg, so: "Solange Schule so ist, wie sie ist, macht eine generelle frühe Einschulung etwa mit vier Jahren keinen Sinn." Den Druck, Kinder sollten möglichst schnell lernen, möglichst früh fertig werden und möglichst bald dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sieht Josef Kraus ohnehin kritisch: "Warum verkürzt man nicht auch noch die Schwangerschaft?"

Allerdings stimme schon, dass es in Deutschland bei vielen Eltern und Erzieherinnen die Tendenz gebe, Kinder möglichst lange behüten zu wollen - auch vor der Schule. "Mehr Bildungselemente im Kindergarten wären eine gute Alternative." Und was das Einschulungsalter angeht, hielte Kraus es schon für einen "Riesenfortschritt, wenn es auf sechs Jahre sinkt".

Das haben vor allem die Eltern so genannter Kann-Kinder in der Hand, die also noch nicht schulpflichtig sind, aber schon in die Schule könnten. Früher galt: Wer bis zum 30. Juni sechs wird, kommt in die erste Klasse, die anderen warten noch ein Jahr. Heute wird das viel flexibler gehandhabt - und je nach Bundesland unterschiedlich. "Zum Teil können Kinder, die bis zum 31. Dezember sechs werden, noch eingeschult werden", sagt Kraus. Zum Teil spielen solche Termine gar keine entscheidende Rolle mehr.

Tests für die Schulfähigkeit

In jedem Fall müssen Eltern und Lehrer den Eindruck haben, das Kind sei "schulfähig", wie die offizielle Bezeichnung lautet. "Das meint eine Summe von Verhaltensmerkmalen und Leistungseigenschaften", sagt Armin Krenz vom Institut für Angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel. Häufig gehe es bei Schulfähigkeitstests an den Grundschulen zwar immer noch vorwiegend um "Wissensabfragung" - etwa einen Satz mit sieben Wörtern nachzuerzählen. Viel wichtiger sind nach Einschätzung des Psychotherapeuten jedoch "Verhaltensmerkmale im Bereich der emotionalen und sozialen Schulfähigkeit".

"Das heißt, das Kind muss ein soziales Regelverständnis haben, Anstrengungsbereitschaft zeigen, anderen zuhören und sie ausreden lassen können", erläutert Krenz. Es müsse auch mit Enttäuschungen fertig werden können und Vertrauen in die eigene Person haben. "Es gibt viele sehr pfiffige, aufgeweckte Kinder, die andererseits noch sehr kindlich sind", bestätigt Schulpsychologin Helga Lutz. "Schule ist aber auch körperlich anstrengend, man muss da schon länger durchhalten können als im Kindergarten." Wenn es Hinweise gibt, dass ein Kind in der einen oder anderen Hinsicht Probleme haben könnte, sei es oft besser, mit der Einschulung noch zu warten.

"Wenn sich Eltern unsicher sind, hilft die Frage 'Würde es dem Kind schaden, noch nicht zur Schule zu gehen?'", rät Lutz. Sinnvoll sei es auch, sich die betreffende Schule anzusehen. Denn auch wie groß die Schule ist und wie viele Kinder in den Klassen sind, kann bei der Entscheidung hilfreich sein. Sind in den Klassen sehr viele Kinder, spricht das eher dafür, mit der Einschulung von Kann-Kindern im Zweifel zu warten.

Die Kinder nach dem Motto "ein Jahr mehr Kindheit" einfach zu Hause zu behalten, hält Josef Kraus aber für falsch: "Das kann auch ein verlorenes Jahr sein", so der Vorsitzende des Lehrerverbandes. "Viele Kinder möchten ja lesen und schreiben lernen."

Von Andreas Heimann, gms

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