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30. Mai 2019, 16:16 Uhr

Ärztemangel trifft Erstklässler

Gesundheitsämter hängen bei Untersuchungen für Schulanfänger hinterher

Von Lara Jäkel

Weil Mediziner fehlen, können in Bochum Hunderte Schulanfänger nicht untersucht werden. Kein Einzelfall: Dem öffentlichen Gesundheitsdienst drohe der Kollaps, warnen Ärzteverbände.

Eigentlich sollten die Eingangsuntersuchungen für die diesjährigen Schulanfänger längst abgeschlossen sein. Doch im Gesundheitsamt Bochum stehen laut Leiter Ralf Winter noch immer tausend Untersuchungen aus: "Uns fehlen die Ärzte, um die Tests bis zum Schulstart durchzuführen", sagte er dem SPIEGEL.

Mehrere Hundert Kinder würden voraussichtlich nicht rechtzeitig untersucht werden können. Auf den Schulbeginn solle das aber keinen Einfluss haben, so Winter.

Wie in fast allen Bundesländern ist eine ärztliche Untersuchung aller Schulanfänger in Nordrhein-Westfalen gesetzlich vorgeschrieben. Dabei wird überprüft, ob die Kinder den Anforderungen des Schulalltags körperlich und emotional gewachsen sind oder ob sie eine besondere Förderung brauchen. Die Tests führt in der Regel das Gesundheitsamt des zuständigen Bezirks durch.

In Bochum hätten im vergangenen Jahr zwei der vier Ärzte das Gesundheitsamt kurzfristig verlassen, berichtet Winter. Nachfolger habe man bisher nicht gefunden, weshalb es zu den Verzögerungen bei den Eingangsuntersuchungen komme. Die Situation in Bochum ist kein Einzelfall: Wie die "Norddeutsche Rundschau" berichtete, kann etwa in Steinburg in Schleswig-Holstein nur jeder dritte Schulanfänger ärztlich untersucht werden.

Problem: Schlechte Bezahlung

Auch im Gesundheitsamt Treptow-Köpenick in Berlin kommt es laut "Berliner Morgenpost" zu Engpässen, weil nur die Hälfte der Ärztestellen besetzt ist. "Das Problem ist die schlechte Bezahlung im öffentlichen Dienst", sagt der Bochumer Amtsleiter Winter. Weil Amtsärzte nach einem anderen Tarifvertrag bezahlt würden als Klinikärzte, verdienten sie in vergleichbarer Position rund tausend Euro weniger.

Das hat Folgen: Die Zahl der Ärzte in Gesundheitsämtern ist nach Angaben des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes in den vergangenen zwei Jahrzehnten um rund 30 Prozent gesunken. Wenn die Bezahlung nicht angepasst werde, stehe der öffentliche Gesundheitsdienst vor dem Kollaps, warnte die Vorsitzende Ute Teichert im April auf einem Kongress. Auch die Bundesärztekammer fordert seit Jahren eine Lohnanpassung.

Darauf können die betroffenen Gesundheitsämter nicht warten - sie versuchen, sich mit anderen Mitteln zu behelfen. So werden in einigen Bezirken pensionierte Ärzte oder Quereinsteiger um Hilfe gebeten. Im Gesundheitsamt in Bochum wolle man die Abläufe effizienter machen und langfristig einige Aufgaben abgeben, um die Ärzte zu entlasten, sagt Amtsleiter Winter.

Trotz des Ärztemangels werde kein Kind den Schulanfang verpassen, betont er. Das Recht auf Bildung werde von der Bezirksregierung höher bewertet als die gesetzliche Untersuchungspflicht. Die fehlenden Eingangsuntersuchungen würden zu Beginn des Schuljahres nachgeholt, sagt Winter. Eine Lösung für die Zukunft sei das aber nicht.

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