Ärztemangel trifft Erstklässler Gesundheitsämter hängen bei Untersuchungen für Schulanfänger hinterher

Weil Mediziner fehlen, können in Bochum Hunderte Schulanfänger nicht untersucht werden. Kein Einzelfall: Dem öffentlichen Gesundheitsdienst drohe der Kollaps, warnen Ärzteverbände.

Bei der Einschulungsuntersuchung für Erstklässler wird die körperliche und geistige Entwicklung untersucht
Britta Pedersen/DPA

Bei der Einschulungsuntersuchung für Erstklässler wird die körperliche und geistige Entwicklung untersucht

Von Lara Jäkel


Eigentlich sollten die Eingangsuntersuchungen für die diesjährigen Schulanfänger längst abgeschlossen sein. Doch im Gesundheitsamt Bochum stehen laut Leiter Ralf Winter noch immer tausend Untersuchungen aus: "Uns fehlen die Ärzte, um die Tests bis zum Schulstart durchzuführen", sagte er dem SPIEGEL.

Mehrere Hundert Kinder würden voraussichtlich nicht rechtzeitig untersucht werden können. Auf den Schulbeginn solle das aber keinen Einfluss haben, so Winter.

Wie in fast allen Bundesländern ist eine ärztliche Untersuchung aller Schulanfänger in Nordrhein-Westfalen gesetzlich vorgeschrieben. Dabei wird überprüft, ob die Kinder den Anforderungen des Schulalltags körperlich und emotional gewachsen sind oder ob sie eine besondere Förderung brauchen. Die Tests führt in der Regel das Gesundheitsamt des zuständigen Bezirks durch.

In Bochum hätten im vergangenen Jahr zwei der vier Ärzte das Gesundheitsamt kurzfristig verlassen, berichtet Winter. Nachfolger habe man bisher nicht gefunden, weshalb es zu den Verzögerungen bei den Eingangsuntersuchungen komme. Die Situation in Bochum ist kein Einzelfall: Wie die "Norddeutsche Rundschau" berichtete, kann etwa in Steinburg in Schleswig-Holstein nur jeder dritte Schulanfänger ärztlich untersucht werden.

Problem: Schlechte Bezahlung

Auch im Gesundheitsamt Treptow-Köpenick in Berlin kommt es laut "Berliner Morgenpost" zu Engpässen, weil nur die Hälfte der Ärztestellen besetzt ist. "Das Problem ist die schlechte Bezahlung im öffentlichen Dienst", sagt der Bochumer Amtsleiter Winter. Weil Amtsärzte nach einem anderen Tarifvertrag bezahlt würden als Klinikärzte, verdienten sie in vergleichbarer Position rund tausend Euro weniger.

Das hat Folgen: Die Zahl der Ärzte in Gesundheitsämtern ist nach Angaben des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes in den vergangenen zwei Jahrzehnten um rund 30 Prozent gesunken. Wenn die Bezahlung nicht angepasst werde, stehe der öffentliche Gesundheitsdienst vor dem Kollaps, warnte die Vorsitzende Ute Teichert im April auf einem Kongress. Auch die Bundesärztekammer fordert seit Jahren eine Lohnanpassung.

Darauf können die betroffenen Gesundheitsämter nicht warten - sie versuchen, sich mit anderen Mitteln zu behelfen. So werden in einigen Bezirken pensionierte Ärzte oder Quereinsteiger um Hilfe gebeten. Im Gesundheitsamt in Bochum wolle man die Abläufe effizienter machen und langfristig einige Aufgaben abgeben, um die Ärzte zu entlasten, sagt Amtsleiter Winter.

Trotz des Ärztemangels werde kein Kind den Schulanfang verpassen, betont er. Das Recht auf Bildung werde von der Bezirksregierung höher bewertet als die gesetzliche Untersuchungspflicht. Die fehlenden Eingangsuntersuchungen würden zu Beginn des Schuljahres nachgeholt, sagt Winter. Eine Lösung für die Zukunft sei das aber nicht.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
rl23 30.05.2019
1.
Ärzte sind nun mal Mangelware. Da haben die Ärzte eine große Auswahl wo sie hingehen können, insbesondere, wenn die Bezahlung so viel schlechter ist. Einerseits haben wir meiner Meinung nach nicht genug Medizinstudienplätze, trotz großer Nachfrage und andererseits werden, soweit ich gehört habe, Ärzte in Deutschland schlechter als in vielen anderen Ländern bezahlt. Wenn dann einige auswandern! noch einige Abbrechen und einige in andere Bereiche wie Politik, Forschung oder Pharmaindustrie gehen bleiben am Ende natürlich nicht viele übrig
Stäffelesrutscher 30.05.2019
2.
Die Gesundheit der Kinder scheint nicht systemrelevant zu sein. Im Gegensatz zu Steuergeschenken für Konzerne und 2 % Rüstungsausgaben für Trump.
matbhmx 30.05.2019
3. Es ist so typisch für den gesamten ...
... ach angeblich so attraktiven öffentlichen Dienst: Immer weniger gehen hin, weil die Bezahlung so schlecht ist. Den öffentlichen Dienst tun sich entweder Frauen an, die Kinder haben wollen, weil sich das in der Tat im öffentlichen Dienst immer noch am besten umsetzen lässt. Und in den öffentlichen Dienst würde gerne Minderqualifizierte gehen, die die Sicherheit der lebenslangen Anstellung als Beamter schätzen und sich selbst als auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht hinreichend konkurrenzfähig halten. Wegen dieser Situation verabschiedet sich der öffentliche Dienst ja inzwischen an allen Ecken und Enden von Einstellungsvoraussetzungen, die früher Diktat waren - egal, ob bei der Polizei, in der Justiz, in den kommunalen Behörden. Und die Politik begreift es einfach nicht! Sie schreibt die jährlichen Gehaltserhöhungen fort und merkt nicht, dass in der Privatwirtschaft schon lange ganz andere Zahlen aufgerufen sind - ja schon bei den Einstiegsgehältern.
Nonvaio01 30.05.2019
4. 2%
Zitat von StäffelesrutscherDie Gesundheit der Kinder scheint nicht systemrelevant zu sein. Im Gegensatz zu Steuergeschenken für Konzerne und 2 % Rüstungsausgaben für Trump.
sind nicht fuer Trump, die sind Vertraglich vereinbart mit der Nato, Trump hat nur darauf hingewiesen das JEDER Nato partner doch die unterzeichneten Vertraege einhalten soll. Oder wollten Sie sagen das wir aus der Nato austreten sollten? Oder wollen Sie das wir Vertraege brechen? So richtig sinn macht Ihr post nicht.
Nonvaio01 30.05.2019
5. nicht nur
Zitat von rl23Ärzte sind nun mal Mangelware. Da haben die Ärzte eine große Auswahl wo sie hingehen können, insbesondere, wenn die Bezahlung so viel schlechter ist. Einerseits haben wir meiner Meinung nach nicht genug Medizinstudienplätze, trotz großer Nachfrage und andererseits werden, soweit ich gehört habe, Ärzte in Deutschland schlechter als in vielen anderen Ländern bezahlt. Wenn dann einige auswandern! noch einige Abbrechen und einige in andere Bereiche wie Politik, Forschung oder Pharmaindustrie gehen bleiben am Ende natürlich nicht viele übrig
ich denke bei vielen geht es auch darum, das es nur um verwaltung geht, nicht aber um echte hilfe. Viele sind bestimmt frustriert vom Oeffentlichen dienst, alles dauert ewig, jeder antrag mus sin gefuehlten 20 versionen ausgefuellt sein, keiner hat verantwortung....und Geld ist eh nie da.....ich denke das ist eher ein problem.
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