Selbstmach-Wahn zum Schulanfang Wie die Liebe in die Schultüte kam

Mit der Einschulung ihrer Kinder fühlen sich viele Eltern unter neuem Leistungsdruck. Ab jetzt zählen ihre Bastelfähigkeiten. Denn diese gelten vielen als Gradmesser der Liebe. Erste Aufgabe: die Schultüte.

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Sie basteln gerne? Sie sind begabt im Schneiden, Falten, Filzen, Nähen und Häkeln? Versiert im Umgang mit einer Heißklebepistole? Konkurrenz spornt Sie an? Und Sie präsentieren Ihr kreatives Produkt gerne einem größeren Publikum im engagierten Wettbewerb mit anderen?

Wenn Sie dann noch Sohn oder Tochter haben, die in wenigen Wochen eingeschult werden, steht Ihrer Karriere als Vorzeige-Schulkind-Mutter nichts mehr im Weg. Ihre Fähigkeiten können Sie bereits am ersten Schultag präsentieren. Denn Ihr Kind braucht eine Schultüte - und die sollte auf keinen Fall gekauft, sondern selbst gemacht sein.

Diesen Eindruck vermitteln zumindest einschlägige Medien, Foren und so manches Gespräch mit anderen Eltern.

Zeitungen und Schulen rufen offiziell Wettbewerbe aus: "Wer bastelt die schönste Schultüte?" Mütter ließen sich diese Ehre nicht nehmen, ist zu lesen. Väter werden zwar nicht ausdrücklich vom Wettstreit ausgeschlossen, als Konkurrent aber tendenziell diskriminiert.

Selbst gebastelte Schultüte
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Selbst gebastelte Schultüte

"Die erste Hausaufgabe, die es als Schulkind-Mutter zu bewältigen gilt: eine Schultüte selbst basteln. Dafür gibts mindestens ein Fleißsternchen", weiß die "Brigitte". Dann folgt eine Bastelanleitung für "Eine Tüte voller Liebe". Basteln = liebevoll, kaufen = lieblos. Diese Bewertung hat sich in den vergangenen Jahren subtil verbreitet. Wie ist es dazu gekommen?

"Ich schraube, also bin ich"

Als vor rund 150 Jahren der Schultüten-Brauch in Deutschland entstand, war das Selbstmachen nichts Besonderes. Damals bastelten Menschen meist mangels Alternative und Geld. Sie freuten sich, wenn sie Schultüten oder anderes fertig kaufen konnten.

In den letzten Jahrzehnten dagegen brandete immer mal wieder der Trend auf, Dinge selbst zu machen. Einfach, weils Spaß macht oder auch als bewusstes Handeln gegen Massenkonsum und maschinell produzierten Billigramsch, auch gegen tausendfach gleiche Schultüten. Menschen wollten individuelle Produkte selbst schaffen - als Ausgleich zum abstrakten Alltag am Computer. Häkeln und hämmern wurden das neue Yoga.

"Ich schraube, also bin ich", schrieb Matthew Crawford 2009, einer der zahlreichen Autoren von "Selbstmach-Büchern" - und sinnierte über das "Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen". Es ging dabei weniger um das fertige Produkt als das Tun: Wenn der Delfin auf der Schultüte wie ein Dino aussieht, macht das nichts. Dann ist er individuell.

Stress!

Aber zuletzt wurde das Selbermachen immer schicker - und professioneller. "Homemade" wurde zum Massenphänomen. Medien feierten eine "Do-it-Yourself-Bewegung". Unter dem Stichwort DIY entstand ein Industriezweig mit Verkaufsplattformen für Selbstgemachtes wie etsy und Dawanda. Hier sind jetzt Schultüten zu Spitzenpreisen von bis zu 100 Euro zu haben. Es sind perfekt durchgestylte Designerstücke.

Fast wie selbst gemacht
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Fast wie selbst gemacht

Die Freude am Selbstmachen hat sich damit teilweise in ihr Gegenteil verkehrt, beobachten Trendforscher wie Ines Imdahl. "Es gibt inzwischen einen gewissen sozialen Druck, bei allen möglichen Gelegenheiten ein selbst gemachtes Geschenk mitzubringen."

"Schultüten sind die Krönung. Das Basteln gilt als Ehrensache für Mütter, und das löst bei nicht wenigen Frauen Stress aus, ähnlich wie bei einer Präsentation im Beruf." Mit der eigentlichen Idee des Selbstmachens habe das nichts mehr zu tun, sagt die Kölner Psychologin, die mehr als 200 Einzelinterviews mit Klienten geführt hat.

Designertüten

"Die Frauen haben mit der selbst gebastelten Schultüte das Gefühl, beweisen zu müssen, dass sie ihr Kind nicht vernachlässigen." Das gilt zumal das Leistungsniveau der "Konkurrenz", das auf Pinterest oder Instagram zur Schau gestellt wird, hoch ist. Gefilzte Rosen ranken sich kunstvoll um eine Dornröschentüte. Auf einer Fußballtüte ist Kunstrasen arrangiert.

Wer hier mithalten will, braucht Talent, Zeit und Geld für kostspieliges Zubehör. Es wäre deutlich preiswerter, eine fertige Tüte zu kaufen. Die DIY-Industrie bietet außerdem einen Kompromiss mit "Schultüten-Bastel-Sets" an: kreativ werden nach Anleitung, mit Fertigteilen aus der Fabrik.

Kaufen oder basteln

Dabei könnte es so einfach sein: Eltern, die keine Zeit, keine Lust oder kein Talent zum Basteln haben, kaufen einfach eine fix und fertige Tüte. Die gewonnene Zeit können sie für wichtigere Dinge des Lebens nutzen. Der Rat der Psychologin: "Zum Beispiel mit den Kindern spielen".

Eltern dagegen, die Spaß am Selbstmachen haben, basteln die Tüte - vielleicht zusammen mit ihrem Kind. Die Zeit ist gut genutzt und das Bastelniveau wird automatisch auf einem entspannten Grundschullevel gehalten.

Am Ende kommt es wie bei jedem Kreativ-Wettbewerb ohnehin auf das Urteil der Kunden an, in diesem Fall also der Schulanfänger. Wollen sie am ersten Schultag mit einer Edeltüte hervorstechen? Wie fühlen sich die anderen Kinder dabei? Und zählt überhaupt das Design der Schultüte? Womöglich kommt es ihnen nur auf den Inhalt an.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
nordschaf 08.07.2016
1. .. und wieder ein Lebensbereich mehr im Wettbewerb..
Meine beiden Töchter hatten gekaufte Schultüten, die sie sich selbst ausgesucht haben. Und es war ihnen total schnuppe, was für Schultüten die anderen hatten. Der Tag war eh so aufregend, dass da kein Platz mehr blieb für die Würdigung des Designs der Schultüte. Es kommt allerdings hinzu, dass bei uns beide Eltern Vollzeit berufstätig sind und die Mutter (ich) zudem häufig auf Dienstreisen. Schlimm genug. Nachdem ich jahrelang mitternächtens liebevoll selbstgemachte Adventskalender mit kleinen Geschenken und Naschis bestückt hatte, die dann umgerechnet so bei ca. 40€ Kosten nur für den Inhalt lagen, haben mir meine Kinder gestanden, dass sie lieber einen gekauften Adventskalender hätten. Zunächst hat mich das ziemlich getroffen, weil ich mir immer so viel Gedanken darum gemacht hatte, wie man den Kalender am schönsten bestücken kann. Aber letztlich kommts ja darauf an, dass die Kinder glücklich damit sind und nicht die Eltern. Seitdem ist mein schlechtes Gewissen bei gekauften Dingen ausgesprochen gering geworden. So eben auch bei den Schultüten, die eh nur eine Überlebensdauer von ca. 48h hatten, bis sie irgendwelchen Zerstörungsversuchen oder dem Hund erlegen sind.
martine-primus 08.07.2016
2. meine Einschulung: 1975
und diese Schultüte habe ich noch. Diese Schultüte haben alle meine drei Kinder benutzt/genutzt - mit ihr wurden sie eingeschult! Albern finde ich, wenn die kleinen Geschwister auch ein kleines Tütchen bekommen, damit sie nicht so außen vor sind.... Muss zugeben: den Artikel hab ich aus Zeitmangel jetzt nicht gelesen - hole ich nach!
Falcon030 08.07.2016
3. Wow!
Das ist schon irgendwie irre, worüber man sich heute offenbar schon vor Beginn der Schulzeit Gedanken machen kann / muss. Unsere Tochter bekam zu ihrer Einschulung vor 11 Jahren eine fertig gekaufte Tüte, die dafür liebevoll gefüllt war. Mit dem Ergebnis, dass sie die Tüte bis heute besitzt und wir sie im Gegenzug jedes Jahr zu Schulbeginn erneut füllen - natürlich mittlerweile mit anderen Dingen als damals, aber mit nicht weniger Liebe.
felisconcolor 08.07.2016
4. Dieser Artikel
ist verstörend sexistisch. Nicht nur werden Männer als Väter mal wieder mit einem rüden Ellenbogenschlag zur Seite gedrängt. (Männer/Väter können halt nicht so lieb haben wie Frauen/Mütter. Und gleichzeitig wird hier wieder eben das Klischee (ist es ein Klischee?) des Übermutterweibchens zelebriert. Insofern entlarvt sich dieser ganze Genderkram in sich selbst. Frauen geraten in Stress beim Schultütenbasteln, genauso wie bei Präsentationen. Wunderbarer Satz, dem ist so nichts mehr hinzu zu fügen. Sie finden meinen Kommentar sexistisch? So Antigenderdingens? Ach ; Und für den letzten Absatz hätte ich noch einen weiteren Vorschlag. Väter würden die Schultüte übrigens zusammen mit der Tochter oder dem Sohn basteln. (Da hilft es nämlich in dem Absatz auch nicht mehr wenn man plötzlich von Eltern spricht)
konib 08.07.2016
5. Blödsinn
"Es gibt inzwischen einen gewissen sozialen Druck" sagt also der "Trendforscher". Den Druck macht man sich nur selber. Wer das nötig hat, ist selber schuld.
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