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15. August 2017, 11:33 Uhr

Einschulungsfeiern XXL

Erster Schultag mit Hüpfburg, Kutsche und Showband

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Kaffee, Patentante, Federtasche? Das reicht vielen Familien für die Einschulung längst nicht mehr. Stattdessen wird der erste Schultag zum Riesenevent - mit Kosten im vierstelligen Bereich.

Eine Schultüte zum ersten Schultag, klar, die gehört zur Tradition. "Ich habe aber auch schon Einschulungsfeiern erlebt, bei denen die Kinder vier, fünf oder sogar zehn Zuckertüten bekommen haben", wundert sich Milko Bräuer. "Die Ansprüche sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen."

Bräuer ist Schauspieler und betreibt im sächsischen Großenhain ein kleines Theater. Er ist aber auch unterwegs, als Clown und Zauberer - und immer öfter bei Erstklässlern zur Einschulung gebucht. "Da lässt sich schon eine ziemliche Übersteigerung beobachten", sagt Bräuer.

Denn der Aufwand, den Eltern für ihren schulreifen Nachwuchs treiben, wird immer größer. Da wird Fünf- und Sechsjährigen, die noch gar nicht lesen können, seitenweise per Kleinanzeigen zur Einschulung gratuliert. Und nach der Begrüßung in der überfüllten Schulaula wird groß gefeiert, zunächst im lange zuvor reservierten Restaurant, später zu Hause. Manche bauen dafür extra eine Hüpfburg im Vorgarten auf, andere organisieren für den Nachmittag Kutschfahrten und Zoobesuche.

Konkurrenzkampf der Eltern?

"Der erste Schultag wird immer mehr zum Event", bestätigt Bach Van Le Kim, Inhaberin einer Hamburger Agentur. Sie hat für Kindergeburtstage und Einschulungen wahlweise ein Superhelden- und ein Prinzessinnen-Programm im Angebot, "1 Superheld nach Wahl" kommt für 30 Minuten ab 125 Euro vorbei. "Die Nachfragen zur Einschulung kommen mittlerweile schon sehr früh, für August 2018 wird jetzt schon bundesweit gebucht."

Besonders in Ostdeutschland sei der Trend zum großen Einschulungsevent zu beobachten, sagt Bach Van Le Kim - warum, kann sie sich nicht erklären. "Vielleicht gibt es da einen kleinen Konkurrenzkampf zwischen den Eltern um die beste Feier", mutmaßt sie. Ein Verdacht, den auch Andor Schlegel aus Dresden hat: "Ich erlebe es so, dass viele Eltern den Gästen und Verwandten zeigen wollen: Wir machen hier etwas richtig Tolles."

Schlegel kommt als "Professor Knaller" zur Einschulungsfeier und testet dann , angeblich im Auftrag des Bildungsministeriums, mit verrückten Spielen, Experimenten und Zauberkunststücken die Schulreife der Kinder. "Manche von denen werden von ihren Eltern schon wochenlang vorher völlig durcheinandergebracht", sagt Andor Schlegel. Immer wieder stößt er dabei auch auf Helikoptereltern, "die einen enormen Erwartungsdruck ausüben".

Durchschnittlich 350 Euro würden sich Eltern mittlerweile den Auftritt eines Clowns, Zauberers oder einer Prinzessin bei der Einschulung ihres Kindes kosten lassen, sagt Ann Sophie Schlosser von einer Münchner Künstlervermittlung: "In den Sommermonaten rangieren Einschulungsfeiern auf unserer Plattform direkt hinter den Hochzeiten auf Platz zwei der häufigsten Anfragetypen." Besonders beliebt seien dabei Walkacts aus US-Kinderfilmen und -büchern, insbesondere Disney-Prinzessinnen und Piraten. Derzeit ganz vorne: Elsa aus Disneys "Die Eiskönigin" und Prinzessin Belle aus "Die Schöne und das Biest".

Seit 2014, sagt Schlosser, habe sich die Nachfrage verdreifacht. Und bei ein paar hundert Euro ist bei manchen Familien noch lange nicht Schluss: "Wir haben auch Anfragen für abendliche Feierlichkeiten im großen Stil." Dann darf es auch schon mal eine Showband oder ein Feuerkünstler sein, der Etat kann dann vierstellig werden. Hinzu kommen Catering, Raummiete und die Dekoration - ganz zu schweigen von teuren Ranzen, aufwendig gebastelten Schultüten und gerne auch mal einer Einschulungstorte vom Konditor.

Dass die Einschulung für die Familien immer wichtiger werde, sehe er einerseits natürlich mit Freude, sagt Stefan Wesselmann, hessischer Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Es sei wichtig, dass Eltern ihren Kindern zeigten: "Wir begleiten und unterstützen dich." Dies sollte sich allerdings nicht auf die Übergänge und Abschlüsse beschränken, sondern grundsätzlich gelten, mahnt der Pädagoge.

Denn das Tamtam um den ersten Schultag birgt nach seiner Einschätzung auch Risiken. "Schnell sehen sich Kinder schon zu Schulbeginn großen Erwartungen ausgesetzt, die sie dann nicht unbedingt so erfüllen können oder wollen", sagt Wesselmann.

Er hat deshalb Sympathie für unaufwendige Inszenierungen des ersten Schultags - so, wie es sie in diesem Schuljahr etwa in der Inselschule auf Baltrum gab.

Klassenlehrerin Silja Bressel hat dort allerdings auch nur vier Erstklässler begrüßen können: Vanessa, Kjell, Leonie und Lasse.

mit Material von dpa

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