Einwandererkinder Führerschein mit 14

Abends nach den Hausaufgaben übte Ali Saihoun als 14-Jähriger für den Führerschein, grübelte mit 15 über der Steuererklärung, lernte mit 17 medizinisches Fachvokabular. Ein frühreifer Ehrgeizling? Nein - einfach ein Kind ausländischer Eltern.


Ich hatte keine Ahnung, was sich noch in den Schubladen meines alten Schreibtisches in der Wohnung meiner Eltern befand. Bei ihnen lebe ich seit einigen Jahren nicht mehr, fand aber erst jetzt die Zeit, mein altes Zimmer nach Brauchbarem und Nutzlosem zu durchstöbern. Und da lagen sie, die alten Übungsbögen für die schriftliche Führerscheinprüfung.

Hürde Führerschein: Was heißt "Schulterblick" auf Farsi?
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Hürde Führerschein: Was heißt "Schulterblick" auf Farsi?

Nicht mir, sondern meiner Mutter gehörten diese Bögen. Sie musste die Führerscheinprüfung in Deutschland neu ablegen, weil ihre iranische Fahrerlaubnis abgelaufen war. Sie sprach kaum Deutsch, der Führerschein war aber notwendig, weil sie ansonsten nicht zu ihrem neuen Arbeitsplatz hätte fahren können. Zur Prüfung war ein staatlich anerkannter Übersetzer zugelassen. Zum Lernen brauchte sie aber die Bögen in Farsi, die es in Deutschland nicht gab.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als dass ich den gesamten Bogen übersetzte: 35 Bögen mit jeweils 30 Fragen und bis zu vier möglichen Antworten. Ich war damals 14 Jahre alt und schrieb über jede Frage und Antwort die Übersetzung auf Persisch. Drei Wochen habe ich dafür gebraucht. Ich arbeitete daran immer abends nach den Hausaufgaben.

Die letzte Woche fiel in die Schulferien. Meine Klassenkameraden trafen sich und spielten den ganzen Tag die neuesten Spiele auf dem Gameboy. Ich übersetzte währenddessen Begriffe, von denen ich nicht wusste, was sie bedeuteten.

Wenige Monate später, da war ich schon 15, übersetzte ich den gesamten Steuererklärungsbogen für meinen Vater. Bis heute bleibt dies die anstrengendste Leistung, die ich je in meinem Leben erbringen musste. Ich begleitete meinen Vater zum Finanzamt und beantwortete die Fragen der Beamten.

Kredit-Diskussionen statt Gameboy

Als mein Vater den Autohändler anschrie, der uns seiner Meinung nach einen Wagen mit kaputten Bremsen untergejubelt hatte, stand ich übersetzend zwischen den überschäumenden Männern. Da war ich 16. Als mein Vater im Jahr darauf gesundheitlich stark angeschlagen war, begleitete ich ihn zu den Ärzten und übersetzte die Details.

Ab dem 13. Lebensjahr beantragte ich alles, was meine Familie von den Behörden brauchte, und als Ausländer war das nicht wenig. Ich ging schon mit 14 allein zum Arzt. Ich verhandelte die Höhe der monatlichen Stromabgabe, als ich 15 war, und beantragte und diskutierte die Konditionen eines Kredits mit der Bank mit 16 Jahren.

Ich mache meinen Eltern keine Vorwürfe. Sie kamen mit Mitte Dreißig nach Deutschland und taten sich mit der deutschen Sprache trotz Abendkursen an der Volkshochschule schwer. Dafür arbeiteten sie hart und nahmen Jobs weit unter ihrem Ausbildungsniveau in Kauf, um ja ihre Kinder nicht im Stich zu lassen. Sie nahmen sich Zeit und waren immer für mich da.

Durch die knappe finanzielle Lage und dadurch, dass ich ihr Sprachrohr nach Außen war, reifte ich deutlich schneller als meine deutschen Mitschüler. Ich führte das Leben eines Erwachsenen, als manche noch in der Pause über die neusten Gameboy Spiele sprachen.

Die soziale Lage vieler ausländischstämmiger Kinder, vor allen in ländlichen Gebieten im Westen, und die besondere Art der Stütze, die sie für ihre Eltern sind, sorgen häufig für eine andersartige Lebenserfahrung als die vieler deutscher Kinder. Nicht bloß Sprachkenntnisse sind der Grund dafür, dass sich ausländische Kinder mit der Verständigung auf Deutsch schwer tun. Sie erleben die Welt auch völlig anders, sehen sich sehr früh mit einer anstrengenden und kalten Realität konfrontiert, der sie teilweise nicht gewachsen sind. Sie sprechen dieselbe Sprache, haben aber grundverschiedene Lebenswelten.

Obwohl ich meinen Schreibtisch eigentlich ausmisten wollte, brachte ich es nicht übers Herz, die Fahrprüfungsbögen wegzuwerfen. Sie symbolisieren einen Teil von mir und meines Lebenslaufs. Sie sagen mehr über mich aus als wie gut ich Deutsch spreche.

Ali Saihoun, 29, ist Deutscher iranischer Abstammung. Er studiert in Konstanz, lebt aber zurzeit in Paris und arbeitet dort als freier Autor.



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