Eltern am Handy So nutzen Sie Ihr Smartphone, ohne Ihr Kind zu verstören

Der Blick aufs Handy: verlockend. Doch für Kinder, die Zeit mit ihren Eltern verbringen wollen, ist er oft nervig. Und was tun, wenn die Kleinen selbst nur noch am Smartphone hängen? Sechs Tipps.

Es ist ein Szenario, das sich bundesweit beobachten lässt: Kinder backen Sandkuchen oder turnen über Klettergerüste - und Eltern sitzen auf Bänken am Spielplatzrand und schauen auf ihre Smartphones. Oder: Mütter schieben Kinderwägen vor sich her und sprechen dabei nicht mit dem Baby, sondern in ihre Handys.

Den siebenjährigen Emil störte es so sehr, wenn sein Papa immer wieder das Smartphone hervorholte, dass er eine Demo anschob: An diesem Samstag wollen in Emils Heimatstadt Hamburg Kinder dagegen protestieren, dass Erwachsene so viel Zeit mit ihren Handys verbringen.

Doch wie viel Zeit ist zu viel? Denn klar ist: Auch sehr disziplinierte Eltern, die keine dringenden Anrufe erwarten, können ihre Handys nach Feierabend und am Wochenende wohl nur selten komplett wegsperren.

Das müssen sie auch nicht. Wenn man einige Regeln beachtet, lassen sich Handys sinnvoll und weitgehend konfliktfrei ins Familienleben integrieren.

Warum sind Smartphones problematisch?

Eltern müssen immer wieder Zeit für Dinge aufwenden, die auf der Prioritätenliste ihrer Kinder eher unten stehen: kochen, abspülen und Wäsche zusammenlegen zum Beispiel. Doch diese Tätigkeiten sind in der Regel auf bestimmte Orte und Zeiten begrenzt. Eltern fangen während eines gemeinsamen Ausflugs in den Zoo nicht plötzlich an zu kochen - sie zücken jedoch sehr wohl das Smartphone. Die Geräte sind also immer und überall präsent und ziehen elterliche Aufmerksamkeit von den Kindern ab.

Wie viel Smartphone ist zu viel?

"Wenn Kinder das Gefühl bekommen, dass ein klingelndes oder brummendes Smartphone immer wichtiger ist als sie selbst, kann das verstörend sein", sagt Susanne Eggert vom JFF-Institut für Medienpädagogik. Natürlich müssen Kinder auch lernen zu warten, wenn Mütter oder Väter noch etwas erledigen, bevor sie sich dem Nachwuchs zuwenden. Doch sie sollten nicht jedes Mal warten müssen, und Eltern sollten die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kinder weiterhin wahr- und ernst nehmen.

Was kann passieren, wenn sie das nicht tun?

Studien legen nahe, dass ein exzessiver Gebrauch des Smartphones die Eltern-Kind-Beziehung stört. US-Forscher stellten in einer Umfrage fest: Wenn Eltern viel Zeit mit digitalen Medien oder vor dem Fernseher verbringen, seien Kinder eher frustriert, hyperaktiv, jammerten, schmollten oder reagierten mit Wutanfällen.

In Deutschland befragten Kinderärzte rund 5500 Eltern und Jugendliche zum Medienkonsum. Ein Ergebnis der BLIKK-Studie: Nutzen Mütter, während sie ihren Säugling betreuen, parallel digitale Medien, hat das Kind eher Fütter- und Einschlafstörungen.

Problematisch ist daran allerdings, dass viele Faktoren in diesen Umfragen unberücksichtigt bleiben. Macht der Handykonsum Kinder quengelig oder wenden sich Eltern mit quengeligen Kindern eher ihren Handys zu? Es spielt auch eine Rolle, wann Eltern das Handy nutzen, ob tagsüber oder kurz vor dem Einschlafen. Und es ist wichtig, wie man das Handy nutzt - und wie viel man darüber spricht.

Wie nutzen Eltern das Handy richtig?

Erstens: Sie sollten ihren Kindern die Chance geben zu verstehen, warum das Smartphone gerade Vorrang hat und was sie damit tun. Dann können Kinder in einer konkreten Situation besser akzeptieren, dass sie sich gedulden müssen, bis ihre Eltern auf sie eingehen.

Zweitens: Es sollte Regeln geben, wann das Smartphone ausgeschaltet bleibt. "Wenn die Kinder alt genug sind, können Eltern diese Regeln auch mit ihnen gemeinsam aufstellen", sagt Eggert. Zum Beispiel beim Essen, vor dem Schlafengehen und auf gemeinsamen Ausflügen könnten Handys in den Flugmodus gestellt werden.

An diese Regeln sollten sich dann auch alle halten. Und wenn ein Elternteil dagegen verstößt, könnte es zum Beispiel dem Kind noch ein Bild malen, ihm eine weitere Gutenachtgeschichte vorlesen oder etwas anderes tun, um die verlorene Zeit wieder wettzumachen.

Wie können Kinder von Handys sogar profitieren?

Smartphones sind natürlich nicht nur Zeitfresser, sondern auch ganz wunderbare Lernhilfen. Einige Angebote im Überblick:

  • Suchmaschinen wie "Blinde Kuh " und "FragFinn " helfen Eltern, Kinderfragen kindgerecht zu beantworten.
  • Das Portal "Handysektor " informiert jugendliche Leser darüber, wie sie Smartphones und das Internet konflikt- und risikoarm nutzen können.
  • Das Deutsche Jugendinstitut hat eine Datenbank  aufgesetzt, in der Eltern nach Apps suchen können, die Kindern verschiedener Altersgruppen Wissen und Fertigkeiten aus den verschiedensten Bereichen nahebringen.
  • Die Initiativen "klicksafe " und "Gutes Aufwachsen mit Medien " bieten Fortbildungen, Beratungen und Unterrichtsmaterial an, vernetzen Akteure und empfehlen weitere Seiten und Apps, die Kinder nutzen können.

Wann dürfen Kinder selbst ein Handy haben?

Spätestens wenn Kinder ohne Handy ausgeschlossen sind, weil sich ihre Freunde über Dienste wie WhatsApp oder Facebook austauschen und organisieren, wird das in Familien meist zum Thema. Es sei vertretbar, wenn Kinder mit zehn bis zwölf Jahren ein eigenes Mobiltelefon bekommen, sagt Medienpädagogin Eggert.

Allerdings sollten Eltern auch dafür vorher klare Absprachen treffen: Bekommt das Kind überall Zugang zum Netz, oder nur im heimischen WLAN? Wann darf es das Handy nutzen, und wofür? Eltern können auch Filter aufspielen , die den Zugriff auf illegale oder verstörende Seiten verhindern.

Eltern sollten ihre Kinder gerade am Anfang trotzdem nicht zu oft allein lassen mit ihrem neuen Smartphone. Welche Musik hörst du? Sollen wir den Film gemeinsam schauen? Worum geht es in dem Spiel? Wenn Mütter und Väter aufmerksam und sensibel Anteil nehmen an der Alltagswelt ihrer Kinder, fördert das das Vertrauen - auch wenn zwischen ihnen wortwörtlich ein Smartphone steht.

Im Video: Digitale Abstinenz im Selbstversuch - Allein ohne Handy

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