Fotos über ein Mädchen und ihre behinderten Eltern: Warum hat Papa keine Arme und Beine?
Fotos über ein Mädchen und ihre behinderten Eltern: Warum hat Papa keine Arme und Beine?
Foto: Constanza Portnoy

Fotos über ein Mädchen und ihre behinderten Eltern Warum hat Papa keine Arme und Beine?

Mutter und Vater sitzen im Rollstuhl, um Tochter Ángeles kümmern sie sich aber nicht weniger als andere Eltern - obwohl der Staat sie kaum unterstützt. Eine bewegende Fotoserie zeigt, wie glücklich die drei zusammen sind.
Von Ines Kaffka

Gemeinsam mit ihren Eltern liegt die fünfjährige Ángeles im Bett, die drei kuscheln und lachen. Die Familie aus Buenos Aires wirkt vollkommen glücklich - aber etwas ist anders als bei vielen Familien: Beide Eltern haben eine Behinderung.

Vater Jorge kam vor 38 Jahren mit Fehlbildungen auf die Welt, weil seine Mutter während der Schwangerschaft das Medikament Contergan eingenommen hatte. Durch eine Augenkrankheit, die nicht behandelt wird, könnte er erblinden. Jorges Frau Vero wurde mit einer Neuralrohrfehlbildung geboren, die ihre Gehfähigkeit beeinträchtigt. Sie musste sich bereits mehrfach operieren lassen, um ihre Wirbelsäule noch aufrecht halten zu können und sitzt im Rollstuhl.

Das größte Wunder für das Ehepaar war die Geburt ihrer Tochter Ángeles, die sie über alles lieben. Diesen Eindruck bekommt jedenfalls, wer die schwarz-weißen Fotos betrachtet, auf denen diese drei Menschen zu sehen sind. Die argentinische Fotografin Constanza Portnoy  hat sie für ihre Fotoserie "Life Force. What Love Can Save" abgelichtet.

Bevor Portnoy zu fotografieren begann, studierte sie Psychologie an der Universität von Buenos Aires und arbeitete nach ihrem Abschluss mit Kindern und älteren Menschen mit Behinderungen zusammen. Eines Tages traf sie Jorge - zufällig, auf der Straße - und kam mit ihm ins Gespräch. Die beiden lernten sich kennen, und Fotografin Portnoy kam eine Idee.

Gemeinsam mit der Familie entschied sie sich, Vater, Mutter und Kind über rund eineinhalb Jahre in ihrem Alltag zu begleiten. Die Fotografin ging mit ihnen einkaufen, kochte, putzte, besuchte mit ihnen den Spielplatz, Geburtstagsfeiern, Schulveranstaltungen.

Fotostrecke

Alltag einer besonderen Familie: Mama und Papa sind anders - na und?

Foto: Constanza Portnoy

In ihrer Serie wollte Portnoy eigentlich die Schwierigkeiten von Menschen mit Behinderung in Argentinien aufzeigen. Je mehr Zeit sie jedoch mit den dreien verbrachte, desto mehr verschob sich der Fokus der Fotografin. Trotz der Ausgrenzung, die Jorge und Vero durch die Gesellschaft und den Staat erfahren, seien sie durch ihre Liebe stark und allem Negativen gegenüber gleichgültig eingestellt.

Die Fotos zeigen die ausgelassen tanzende Ángeles, wie sie die Kerzen ihres Geburtstagskuchens ausbläst, wie sie mit ihren Eltern Ball spielt oder wie sie alle gemeinsam malen. Aber auch Vero, die Jorge beim Waschen hilft, den Vater, wie er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fährt.

Glückliche Eltern, glückliches Mädchen

Als Eltern bekommen Jorge und Vero kaum Unterstützung vom argentinischen Staat, sie erhalten weder eine Pflegekraft noch dringend benötigte Behandlungen. In ihrer Nachbarschaft sind sie mit Vorurteilen konfrontiert: Viele können nicht nachvollziehen, warum Vero und Jorge als behinderte Eltern eine Familie gründen wollten.

Laut Portnoy ist Ángeles ein glückliches Mädchen. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihren Eltern: "Für sie sind die Behinderungen natürlich", sagt die Fotografin. Als das Mädchen drei Jahre alt war, fragte sie ihren Vater, warum er keine Arme oder Beine habe. Er sagte, dass alle Menschen verschieden sind und, dass er so geboren wurde. Wenn andere sie heute fragen, gibt sie dieselbe Antwort.

Die Fünfjährige hilft ihren Eltern bei der Hausarbeit oder dabei, sich anzuziehen - doch Vero und Jorge versuchen so weit wie möglich für sich selbst zu sorgen. Ihre größte Angst ist es, dass ihre Tochter einmal in eine Notsituation gerät und sie ihr dann nicht helfen können. Glücklicherweise haben sie Verwandte, Freunde und Nachbarn, die in solchen Fällen für sie da sind.

Portnoy trifft die Familie auch weiterhin und unterstützt sie, wo sie nur kann - beispielsweise in juristischen Fragen. Sie hofft, dass es eines Tages bessere Gesetze für Behinderte in Argentinien gibt - und ihre Fotos dazu beitragen können.