Ganz harte Schule Elternabend - das Kabinett des Grauens

Die Ferien sind vorbei. Doch bevor der Alltag endgültig wieder beginnen kann, muss man den Elternabend aushalten. Und der kann zwischen 19 Minuten und drei Tagen dauern.
Elternabend in einer Schule

Elternabend in einer Schule

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa
Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Armin Himmelrath, Birte Müller und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Der Zettel ist eine DIN-A4-Kopie, und als er mir auf wiederholtes Nachfragen endlich ausgehändigt wird, ist er schon reichlich ramponiert. "Einladung" steht drüber, es geht um den Elternabend. "Nicht so wichtig", brummelt der postpubertäre Einladungsüberbringer, als er das Papier widerwillig aus dem Chaos seines Schulrucksacks rupft, "brauchste nicht hingehen".

Will ich aber, denn die elterliche Beteiligung ist wichtig und Teil einer demokratischen Schulkultur. Wissen, was passiert; Einfluss nehmen; die Perspektive der Eltern einbringen - das halte ich für sinnvoll, seit Jahren schon, seit mein ältester Sohn 2001 eingeschult wurde. Dutzende von Elternabenden habe ich seitdem erlebt - und mich immer wieder zum Elternvertreter wählen lassen. Dabei gab und gibt es etliche Probleme - zum Beispiel: Um 18 Uhr kann kaum ein arbeitendes Elternteil schon in der Schule sein, ohne das Büro früher zu verlassen.

Und dabei habe ich es noch gut: Nur zwei Kinder sind überhaupt noch in der Schule, der Elternabend der Oberstufe dauert tatsächlich nur einen einzigen Abend. Kein Vergleich zu den Zeiten, als sich das Eltern-Mitwirkungsprogramm über drei Termine hinzog: Begrüßung. Vorstellungsrunde. Feststellung der Beschlussfähigkeit. Der Schulverein stellt sich vor. Wahlen. Hinweise zum neuen Schuljahr. Verschiedenes.

Das Programm ist immer gleich. Würze erhält es nur durch die Lehrertypen, die ich im Laufe meiner Karriere als Vater kennengelernt habe: Da ist die Zielstrebige - eine Effizienzbestie, die seinerzeit in der 7b den Elternabend in handgestoppten 19 Minuten und 35 Sekunden durchzog und seither von mir vergöttert wird. Leider hatten meine Kinder sie nie wieder als Klassenlehrerin.

Das genaue Gegenteil ist die Labertasche. Zu ihrer Grundausstattung gehört unabdingbar eine braune Ledertasche. Schon zu Beginn des Abends warten Exemplare dieser Spezies mindestens 20 Minuten, "falls noch jemand kommt" (natürlich kommt niemand mehr). Dann floskelt Labertasche erst einmal umständlich darüber herum, wie wichtig die elterliche Beteiligung für eine funktionierende, demokratische Schulkultur ist, macht Witze über "das akademische Viertelstündchen" (in unserer nichtakademischen Kleinstadt) und antwortet auf die Frage, ob wir denn jetzt nicht endlich mal anfangen können, mit dem originellen Scherz: "Wir sind hier beim Elternabend und nicht auf der Flucht."

Und dann redet er nach einem Blick auf die Uhr noch über die Schulklingel: "Zum Glück haben wir die nicht mehr, sonst wäre die erste Stunde jetzt schon rum, hahaha!" 43 Minuten sind da tatsächlich vorbei, und passiert ist bisher - nichts.

Die Gelangweilte dagegen schiebt unter dem Vorwand "partizipativ konzeptionierter Elternarbeit" sämtliche Verantwortung für den Ablauf des Abends auf "Sie, liebe Mütter und Väter" ab, lehnt sich alsdann zurück, sagt kaum noch etwas und hat ganz offenkundig eine diebische Freude daran, zu sehen, wie es die Gymnasialeltern kaum hinbekommen, selbst eine vernünftige Tagesordnung zu organisieren. Die häufigsten Streitpunkte: Wer leitet die Versammlung? Offene oder geheime Abstimmung? Wer schreibt das Protokoll?

Nicht zu vergessen: der Korinthenkacker. Er ist ein Spezialist für das elterliche Recht auf Mitwirkung, Spezialgebiet Wahlen: Die dürfen nur geheim und unter garantiert kontrollierten Bedingungen stattfinden. Da müssen gemeinsam erschienene Väter und Mütter schriftlich an Eides Statt erklären, wer abstimmungsberechtigt ist; die Wahlzettel müssen genormt und gezählt sein. Zeitsparende Abstimmungen per Handzeichen? Teufelszeug! Dieser Lehrertyp (gibt's auch als Elternausgabe) weiß auf einfach alles eine juristisch wasserdichte Antwort und erläutert sie auch ausgiebig. Eins ist sicher: Ablauf und Ergebnis der von ihm durchgeführten Elternabende sind unanfechtbar.

Dabei entpuppen sich diese Wahlen fast immer als Witz. Seit dem Kindergarten sind es die selben Eltern, die Vorsitz und Stellvertretung unter sich ausmachen. Wer sich schon in der Hasengruppe hat wählen lassen, wird den Job normalerweise nicht mehr los. Es kandidiert sonst niemand, auch nicht nach minutenlang ausgehaltenem Schweigen, und Probleme tauchen nur auf, wenn einer der beiden Standardkandidaten beim Elternabend nicht da ist.

Meine Glückssträhne hält an: In diesem Jahr ist ein anderer Lehrertyp Jahrgangsstufenleiter, der Kompetente. Er hat von vornherein nur eine Stunde für den Abend eingeplant und dann einen dringenden Anschlusstermin, den er nicht verpassen darf. Das ist mir sympathisch. Die Abordnung vom Schulverein, die - gefühlt - seit den Achtzigerjahren mit ihrer unveränderten Folienpräsentation durch die Elternabende zieht, wird kurzerhand wieder hinauskomplimentiert. Hier in der Oberstufe sind ohnehin längst alle Mitglied.

"Und?", fragt mein Sohn am nächsten Morgen beim Frühstück, "biste gewählt?" Ich nicke und freue mich über sein noch nicht ganz erloschenes Interesse an meinem Engagement in der Schule.

"Selbst schuld", sagt er.

Zum Autor
Foto: Jessica Meyer

Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (19, 20, 23) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.