Sommer In jeder zweiten Familie lernen Kinder in den Ferien

Endlich Ferien, endlich Nichtstun? Mitnichten. Eine Umfrage unter Eltern zeigt: In 55 Prozent aller Familien lernen die Kinder auch in den schulfreien Wochen.
Ein Blick in die Schulbücher: Für viele Schüler gehört das zu den Sommerferien dazu

Ein Blick in die Schulbücher: Für viele Schüler gehört das zu den Sommerferien dazu

Foto: Corbis

Sommer, Sonne, Sonderunterricht: Das Schuljahr geht zu Ende, und Nachhilfeinstitute bewerben fleißig ihre Ferienkurse. "Ihr Kind startet motiviert ins neue Schuljahr, und die Erholung kommt trotzdem nicht zu kurz", verspricht ein Anbieter. Ein anderer lockt mit Lerncamps auf idyllisch gelegenen Schlössern: Mathe pauken, wo andere Urlaub machen.

Eine Umfrage zeigt nun, dass es für Angebote dieser Art offenbar eine große Zielgruppe gibt. In 55 Prozent der Familien lernen die Kinder auch in den Ferien. Die meisten davon schauen sich den Stoff aber nur einmal an.

Für einen nicht unerheblichen Anteil der Kinder bestimmt die Schule die Ferienwochen jedoch häufiger: 20 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass ihre Kinder sich in der unterrichtsfreien Zeit regelmäßig mit dem Stoff beschäftigten. Ein gutes Drittel dieser Kinder widmet dem Schulstoff ihren Eltern zufolge mehr als zwei Stunden pro Woche. 42 Prozent aller befragten Eltern wiederum sagten, dass ihr Nachwuchs sich während der Sommerpause gar nicht gezielt mit Schulinhalten beschäftige.

Insgesamt scheint der Trend aber weg vom Lernen in den Ferien zu gehen: Vor zwei Jahren hatten noch 62 Prozent der Eltern bekundet, dass ihre Kinder sich auch in den Ferien mit dem Unterrichtsstoff auseinandersetzen. In Auftrag gegeben wird die regelmäßige Umfrage von der Online-Lernplattform Scoyo. In diesem Frühjahr wurden dafür gut 1000 Personen telefonisch befragt.

Die Schulpause im Sommer macht Pädagogen seit jeher zu schaffen: Nach den großen Ferien hätten viele Schüler den Stoff wieder vergessen, heißt es oft in den Lehrerzimmern. Auch Bildungsforscher haben diesen sogenannten Ferieneffekt intensiv untersucht. Die Metastudie  eines Teams um dem US-Wissenschaftler Harris Cooper zeigte Mitte der 90er Jahre: Das Sommervergessen gibt es tatsächlich, vor allem im Bereich Mathematik. Im Lesen und Schreiben fällt der Ferieneffekt demnach nicht so groß aus. Ein weiteres Ergebnis: Je höher die Klassenstufe, desto größer ist der Wissensrückgang in der schulfreien Zeit. Man könnte daraus folgern: Je näher der Abschluss rückt, desto kürzer sollten die Ferien sein - oder desto mehr Lernprogramm sollte den Jugendlichen in den Sommermonaten geboten werden.

US-Wissenschaftler haben außerdem herausgefunden, dass das Ferienvergessen je nach Sozialschicht unterschiedlich stark ausfällt. In den Ferien fielen in den Fächern Mathematik und Lesen vor allem die Kinder aus sozial benachteiligten Schichten zurück, stellte ein Autorenteam um den Soziologen Karl Alexander in einer Studie  fest. Die Leistungen der Klassenkameraden aus Familien mit höherem Bildungsgrad und besserer beruflicher Stellung der Eltern sanken nicht so stark ab. Die langen Sommerferien der USA machen das Bildungssystem somit ungerechter - über die Gründe ließe sich spekulieren: Reiche Eltern schicken ihre Kinder womöglich in der Zeit in Lerncamps, die sich ärmere Familien nicht leisten können.

Ist das auch in Deutschland so? Eher nicht, stellten die Erziehungswissenschaftler Hendrik Coelen und Jörg Siewert in einem Forschungsprojekt  fest: Sowohl die Kinder aus bildungsnahen als auch die Kinder aus bildungsferneren Schichten stagnieren während der Ferien in ihrer Mathekompetenz. Die Forscher haben also keinen Beleg dafür, dass Akademikereltern die schulfreie Zeit um jeden Preis nutzen würden, um ihren Kindern mit Spezialunterricht einen Wissensvorsprung zu verschaffen.

Die aktuelle Forsa-Umfrage fügt sich in dieses Bild. Eltern mit Abitur oder abgeschlossenem Studium gaben darin sogar seltener als Eltern mit niedrigen Bildungsabschlüssen an, dass ihre Kinder in den Ferien den Stoff nachholen. Nur 18 Prozent der Eltern mit Abitur oder Studium berichteten, dass ihr Kind auch in den Sommerferien regelmäßig lerne. 46 Prozent der Befragten sagten sogar, dass ihr Kind sich in dieser Zeit überhaupt nicht mit dem Schulstoff beschäftige.

In Familien, in denen die Eltern nur einen mittleren oder einen Hauptschulabschluss haben, ist das Lernen in den Ferien dagegen viel verbreiteter. Es zeigt sich also ein gegensätzliches Muster zu dem, das die US-Studien nahelegen: Hierzulande nutzen offenbar vor allem die Kinder eher bildungsferner Schichten die Ferienzeit zum Lernen. Über die Gründe für diese Unterschiede sagt die Befragung jedoch nichts.

65 Prozent der Eltern sagten zwar, ihnen sei es wichtig, dass ihre Kinder in den Ferien etwas tun, um besser in der Schule zu werden. Viel wichtiger scheinen den meisten Familien aber andere Punkte: 83 Prozent der Eltern legen Wert darauf, dass ihre Kinder in der Ferienzeit ihre Kreativität entfalten und weiterentwickeln. Auch Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen sollen die Kinder, so der Wunsch der Eltern, in den schulfreien Wochen stärken.

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