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Die letzten Zivis: "Das Menschliche geht flöten"

Foto: Arne Meyer/ dpa

Ende des Zivildienstes Die Letzten ihrer Art

Ohne Simon Stoll, 20, wäre Herr Hübner ziemlich einsam. Doch der Zivi wird seine Arbeit bald beenden - genau wie alle anderen auch. Altenheime, Krankenhäuser und Kindergärten fürchten die Lücke, die die Zivis hinterlassen. Einblicke in die Welt einer aussterbenden Spezies.  

Der alte Mann strahlt, als er seinen Helfer sieht, ohne ihn wäre er recht einsam. "Guten Morgen, Herr Hübner, ich hole sie ab", sagt Simon Stoll, 20, mit lauter Stimme und tritt ein. Er ist gekommen, um Karl-Heinz Hübner in die Altenhilfe im Münchner Stadtteil Harthof zu begleiten. Jeden Tag verbringt der 87-Jährige dort einige Stunden, es gibt Mittagessen, Kaffee, Zeitschriften - und mit Stoll einen jungen Zivi, mit dem er reden und lachen kann. Seit dem Tod seiner Frau wohnt der Rentner allein, selbst kann er sich nicht mehr versorgen. Stoll hilft ihm in die Schuhe. "Eine Jacke brauchen wir heute nicht, Herr Hübner", sagt er.

Stoll gehört zu den letzten jungen Männern in Deutschland, die in Altenheimen, Krankenhäusern, Kindergärten oder Behindertenwerkstätten ihren sechsmonatigen Zivildienst leisten. Sie pflegen und betreuen hilfsbedürftige Menschen, doch mit dem Ende der Wehrpflicht zum 1. Juli entfällt auch der sogenannte Ersatzdienst. Künftig sollen der neue Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr zumindest Teile der Hilfskräfte ersetzen.

Im Aufenthaltsraum der Altenhilfe wartet bereits Hermann Görlich, 79, auch ihn betreut Stoll täglich. Es gibt heißen Tee, auf dem Esstisch stehen frische Rosen. Görlich witzelt mit dem Zivi herum, während Hübner in einer Garten-Zeitschrift blättert. Stoll prostet den beiden Männern immer wieder zu. "Ich erinnere sie an ihren Tee, damit sie genug trinken", sagt er. Er ist der einzige Zivi in der Münchner Tagesstätte, gerade hat er seinen Dienst um zwei Monate bis Ende August verlängert. Der Job gefalle ihm, sagt Stoll. "Ich hätte nie gedacht, dass dieses Soziale, mit Menschen zu arbeiten, so meins ist."

Durch den jugendlichen Zivi blühen die Senioren auf

Renate Rabenstein, die Leiterin der Altenhilfe, schwärmt von ihrem Zivi: "Der Simon hält uns den Rücken frei", sagt sie. Gemeinsam mit einer Kollegin muss sie täglich bis zu acht alte Menschen betreuen - demenzkranke, psychisch labile, depressive, einsame. Die Stadt finanziert die Einrichtung, auch das Bayerische Rote Kreuz schießt Geld zu. Sie kochen und essen gemeinsam, montags können sie am Gedächtnistraining teilnehmen, donnerstags Brettspiele spielen.

Stoll unterstützt die beiden Frauen, wo er kann. "Ich sehe mein Engagement hier als Ergänzung", sagt er. Er liest vor, hilft in der Küche, geht in die Apotheke und macht Einkäufe, für die den Alten die Kraft fehlt. "Die Leute sind auf die Hilfe angewiesen, weil sie meist keine Angehörigen mehr haben", sagt Rabenstein. Ohne das Engagement des Zivis wären viele schon längst im Heim, glaubt sie. "Der Zivi ist verlässlich da, von morgens bis abends, jeden Tag. Die Leute hier sagen: 'Mei, wenn's dich nicht gäbe'." Durch den jugendlichen Zivi blühten die Älteren auf.

Es ist Mittagszeit. Stoll bereitet das Essen vor, das heute eine Großküche geliefert hat. Es gibt Champignoncremesuppe und Rohrnudeln mit Vanillesauce, eine Münchner Spezialität und Herrn Hübners Lieblingsspeise. Einem schwerkranken Mann brachte Stoll wochenlang das Mittagessen nach Hause. Später übernahm Rabenstein die Besuche. "Sie wollte nicht, dass ich ihn tot in seiner Wohnung finde", sagt er. Das bevorstehende Ende habe er dem Kranken angesehen. "Der Gesichtsausdruck, die Haltung, allein auch, wie die Leute reden und ihr Essen stehen lassen - man sieht, dass sie nicht mehr wollen", sagt Stoll. Eine Woche später starb der Mann.

Durch Erlebnisse wie diese habe er sich entwickelt, sagt Stoll. Täglich sehe er die soziale Armut im Viertel, die Einsamkeit und Verwahrlosung. "Du musst damit klarkommen, schließlich geht es darum, den Menschen hier zu helfen." Die Einrichtung liegt in einer öden Siedlung am Stadtrand, viele Sozialhilfeempfänger leben in den grauen Zweckbauten. Einmal in der Woche organisiert Rabenstein eine Lebensmittelausgabe der Münchner Tafel - zwei Transporter fahren dann vor, mit aussortierten Lebensmitteln für 122 Familien. Stoll hilft beim Ausladen und baut die hauslange Tischreihe auf. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier gebraucht werde."

"Das Menschliche wird flöten gehen"

Seine Chefin Rabenstein legt die Stirn in Falten, als sie im Büro auf die Zeit nach ihrem letzten Zivi angesprochen wird. "Ich weiß noch nicht, wie ich die Lücke schließen soll", sagt sie. Derzeit sei kein Ersatz für Stoll in Sicht, niemand habe sich bisher für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in der Altenhilfe beworben.

Das Problem: Der Andrang auf den neuen BFD hält sich bislang stark in Grenzen. Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben haben sich bundesweit nur einige hundert Freiwillige für den sozialen Dienst gemeldet. Zwar kämen täglich Neue dazu - doch an die geplanten 35.000 Plätze reichen diese nicht annähernd heran. Zum Vergleich: Bis 2010 leisteten jährlich etwa 90.000 Männer Zivildienst, derzeit laufen die letzten 19.000 Stellen aus.

Stoll glaubt zu wissen, warum der BFD die Verluste nicht auffangen kann: "Junge Leute kann man nicht mit 330 Euro im Monat gewinnen. In München bekommst du an jeder Ecke einen 400-Euro-Teilzeitjob", sagt er. 330 Euro - das ist der monatliche Höchstsatz beim BFD, hinzu kommen Unterkunft, Verpflegung und Kleidung. Das Bayerische Rote Kreuz kritisiert die zu spät gestartete Informationskampagne für den Freiwilligendienst. "Die kam erst im Mai, obwohl man schon seit dem letzten Jahr von der Umstellung weiß", sagt eine Sprecherin.

Für Rabenstein bedeutet das: Sie muss womöglich auf 400-Euro-Jobber zurückgreifen und verstärkt um Ehrenamtliche werben. Doch auf Dauer könne das keine Lösung sein. "Anders als der Zivi können diese eben nicht den ganzen Tag da sein." Doch darauf komme es nun mal an, sagt sie. "Wir brauchen jemanden, der Vertrauen zu den Alten aufbauen kann." Rabenstein befürchtet, dass die Hausbesuche weniger werden und die persönliche Betreuung der Hilfsbedürftigen zurückgeht: "Das Menschliche wird flöten gehen."

Nach dem Kaffee bringt Stoll Herrn Hübner nach Hause. Sie reden über Autos und den wohlverdienten Feierabend. Hübner erzählt, dass er jetzt gern fernsehen wolle. An einer Treppe wankt der 87-Jährige leicht, Stoll greift ihm unter die Arme. Als sich die beiden an der Wohnungstür verabschieden und Stoll zur Altenhilfe zurückschlendert, ist die Arbeit des Zivis für heute getan. "Es tut gut, wenn man merkt, dass man den Menschen hier das Leben ein bisschen schöner macht."

Von Arne Meyer, dpa / fln
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