Englische Schulen Muslimin darf bodenlanges Gewand tragen

Britische Schüler tragen normalerweise Schuluniform. Das kann gegen die Menschenrechte verstoßen, entschieden Richter im Fall von Shabina Begum, 16. Die Schülerin kämpft für das Recht, mit einem Umhang ihren Körper bis auf Hände und Gesicht ganz zu bedecken. Ihre Anwältin: Cherie Blair, die Frau des Premierministers.


Gewann den Prozess: Shabina Begum
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Gewann den Prozess: Shabina Begum

Seit über zwei Jahren prozessiert Shabina Begum dafür, dass sie in einem traditionellen Gewand in den Unterricht kommen darf. 2002 wurde sie nach Hause geschickt, weil sie die Kleidungsregeln der Denbigh High School in Luton nicht befolgte. Anschließend ging die britische Muslimin nicht mehr zur Schule. Jetzt hat das zweithöchste britische Gericht in einem Musterverfahren entschieden, dass die 16-Jährige den "Dschilbab" tragen darf. Dieses Gewand reicht bis auf den Boden und lässt nur Gesicht und Hände unbedeckt.

Nach Auffassung der Richter wurde Shabina Begum das Recht verweigert, sich durch die Kleidung zu ihrer Religion zu bekennen; sie hätte nicht vom Unterricht ausgeschlossen werden dürfen. Über dem Berufungsgericht stehen nur noch die Lordrichter des Oberhauses. Der Richter forderte das Bildungsministerium auf, für mehr Klarheit zu sorgen, wie die Schulen mit ihren Verpflichtungen unter Menschenrechtsaspekten umgehen sollen.

In vielen Ländern Europas ist umstritten, welche Kleidung in den Schulen getragen werden darf, um religiöse und möglicherweise auch politische Überzeugungen auszudrücken. So gibt es in Deutschland eine anhaltende Debatte über Kopftücher muslimischer Lehrerinnen. Frankreich hat Kopftücher, Kippas und Turbane auch für Schülerinnen und Schüler verboten, ebenso wie große christliche Kreuze in den Schulen; die Türkei hält religiöse Symbole ähnlich strikt aus den Schulen und Universitäten fern.

Schutz vor fundamentalistischem Druck

Gebums Fall sorgt in Großbritannien seit Jahren für Aufsehen und dürfte nach dem neuen Urteil zu weiteren Streitigkeiten an anderen Schulen führen. In erster Instanz hatte die Schule noch Recht bekommen. Damals verwies der Richter darauf, dass 79 Prozent der insgesamt 1000 Schüler an der Denbigh High School Muslime seien und diese sich nicht diskriminiert fühlten; zudem seien auch Kopftücher bereits erlaubt.

Begum (am Mittwoch vor dem Gericht, mit ihrem Bruder): "So genannte freie Welt"
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Begum (am Mittwoch vor dem Gericht, mit ihrem Bruder): "So genannte freie Welt"

Die Schule hatte argumentiert, das Gewand sei ein Gesundheits- und Sicherheitsrisiko. Außerdem könne es zu Spannungen kommen, weil Schüler mit dem traditionellen Gewand als "bessere Muslime" angesehen werden könnten. Nach Darstellung der Schule berücksichtigen ihre Kleidungsregeln alle Glaubensrichtungen und Kulturen. Erlaubt seien beispielsweise Kleider oder weite Hosen und eine Tunika. Auch Shabina Begum hatte diese Form islamischer Kleidung zunächst an der High School getragen, bis sie sich im Dezember 2002 für den bodenlangen "Dschilbab" entschied und dies - gemeinsam mit ihrem Bruder Shuweb Rahman - der Schulleitung mitteilte.

Die Direktorin Yasmin Bevan sagte, es gehe bei den Kleidungsregeln auch darum, die Kinder vor den Rekrutierungsbemühungen extremistischer muslimischer Gruppen zu schützen. Unterstützt wurde sie dabei vom Verband britischer Schuldirektoren, der ebenfalls fundamentalistischen Druck auf die Schüler befürchtet.

Ein "Sieg für alle Muslime"?

In Großbritannien können die Schule ihre Bekleidungsregeln selbst festlegen. Die meisten setzen auf die traditionellen Schuluniformen, manche multikulturell geprägte Schulen lassen ihren Schülern größeren Spielraum. Welche Kleidungsregeln jeweils vernünftig und angemessen seien, müsse den Schulen überlassen bleiben, argumentierte der Verband.

Anwältin der Schülerin: Cherie Blair (bei einer Indienreise)
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Anwältin der Schülerin: Cherie Blair (bei einer Indienreise)

Beim Berufungsverfahren berief sich Shabina Begum auf die europäische Menschenrechtskonvention. Artikel 9 garantiert die "Freiheit, die eigene Religion oder den Glauben auszudrücken". Vertreten wurde die Schülerin von Cherie Blair, der Frau des britischen Premierministers. Es gehe um "grundsätzliche Fragen" der Bildung und der Religionsfreiheit, trug Cherie Blair dem Berufungsgericht bei einer Anhörung im Dezember vor. Einer Schulleitung stehe es nicht zu, sich die ihr genehmen religiösen Überzeugungen "herauszupicken".

Nach der Gerichtsentscheidung am Mittwoch sagte Begum, das Vorgehen der Schule sei die "Folge einer Atmosphäre, die nach den Anschläge vom 11. September 2001 in den westlichen Gesellschaften entstand, einer Atmosphäre, in der der Islam im Namen des 'Anti-Terror-Krieges' kriminalisiert wurde". In ihrer vorbereiteten Stellungnahme sprach sie von einem "Sieg für alle Muslime, die ihre Identität und Werte trotz aller Vorurteile und Borniertheit bewahren wollen". Es sei "erstaunlich", dass sie in der "so genannten freien Welt für ihr Recht auf diese Kleidung kämpfen" müsse. Die Dachorganisation Muslim Council of Britain begrüßte das Urteil.

Inzwischen besucht Shabina Begum, deren Vater und Mutter tot sind, eine andere Schule. Dort ist der "Dschilbab" erlaubt.

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