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Jugendbewegung in Neuseeland: Gemeinschaft statt Ego, Frust und Alk

Foto: Chris Heeney/ dpa

Aufwachsen in Neuseeland Wir Trümmer-Jugendlichen

Mitmischen, anpacken, gestalten: Ein Erdbeben hat in Neuseeland eine Jugendbewegung in Gang gesetzt und einen neuen Gemeinsinn entfacht. Wir-Gefühl statt Ego-Shooter.

Als die zweitgrößte neuseeländische Stadt Christchurch im September 2010 von einem schweren Erdbeben erschüttert wird, will Jura-Student Sam Johnson sich nur ein bisschen nützlich machen. Er startet noch am selben Abend eine Facebook-Gruppe mit einem Hilfsaufruf. Innerhalb weniger Stunden hat er 400 junge Leute mit Schippen und Schubkarren mobilisiert. Sie sind in Gärten und auf Straßen im Einsatz, wo aus Rissen im Erdboden tonnenweise Schlamm hervorgequollen ist.

"Wir wollten eigentlich nur ein bisschen beim Aufräumen helfen, aber dann wurde uns klar, dass die Leute uns brauchten. Einfach damit jemand da ist zum Reden", sagt Johnson, der heute 24 ist. "Das war wirklich magisch." Als fünf Monate später ein noch verheerenderes Beben Teile der Stadt zerstörte, brachte seine "Freiwillige Studentenarmee" sofort 11.000 Jugendliche auf die Beine, die zuhörten, Tee machten, mit anfassten.

Die Menschen waren begeistert. "Als die vielen jungen Leute unterwegs waren, sagte eine ältere Frau zu mir: Es ist, als sei ein Knoten geplatzt. Wir brauchten keinen Krieg - plötzlich sind viele Erwachsene zur Seite getreten und haben den jungen Leuten den Vortritt gelassen", sagt die Politikwissenschaftlerin und Jugendforscherin Bronwyn Hayward von der University of Canterbury.

In Christchurch waren Jugendliche zuvor vor allem für negative Schlagzeilen gut: Boy Racer, jugendliche Raser, machen nachts mit quietschenden Reifen die Straßen unsicher. Bei Partys trinken viele junge Neuseeländer deutlich zu viel. Boy Racer gibt es zwar immer noch, aber viele junge Leute haben nach dem Erdbeben ein anderes Ventil für ihre überschüssige Energie gefunden.

"Frust und Ärger entladen sich in Krawallen"

"Nach einer Katastrophe ist der Wunsch groß zu helfen", sagt Hayward. Gerade für junge Leute sei es wichtig, zu fühlen, dass sie einen positiven Beitrag leisten können. "Es gibt ja nicht nur Naturkatastrophen, auch Wirtschaftskrisen, die jungen Leuten die Chance rauben, sich zu entwickeln." So sieht Hayward Europa: "Die Sparmaßnahmen nehmen jungen Leuten die Chance, etwas zur Zukunft beizutragen. Viele meinen dann, sie hätten nichts mehr zu verlieren - Frust und Ärger entladen sich in Krawallen."

Für Johnson war die Erfahrung wertvoll. "Ich bin nicht mehr derselbe Mensch", sagt er. "Mir hat dieses Erdbeben eine unglaubliche Chance gegeben. Dass Menschen Menschen helfen müssen - das nimmt jetzt meine Zeit und Energie in Anspruch." Johnson hat mittlerweile seinen Bachelor in Jura gemacht und arbeitet nun im Katastrophenschutz für die Vereinten Nationen. Die "Freiwillige Studentenarmee" organisiert weiter jede Woche Aktionen, zum Beispiel Hilfe im Garten, beim Anstreichen oder Reparieren.

"Wir suchen Freiwillige, um den Garten einer sehr netten Dame morgen herzurichten, dauert vielleicht drei Stunden", heißt es etwa auf der Facebook-Seite mit mehr als 27.000 "Likes". "Welche Uhrzeit? Ich kann nach zwölf, ich liebe Gartenarbeit", antwortet Charlotte innerhalb weniger Stunden.

Eine ähnliche Initiative startete Ryan Reynolds, 34, in Christchurch mit seinen Studenten der Theater- und Filmfakultät an der University of Canterbury. "Gap Filler" - Lückenfüller - heißt das Projekt. Die Idee: auf Grundstücken eingestürzter Häuser vorübergehend etwas zu organisieren. Die jungen Leute wollten dem Wiederaufbauprozess mit Ingenieuren und Architekten eine kreative Note verleihen. "Die Leute sollten Spaß haben, in die Innenstadt zurückkommen und Unerwartetes entdecken", sagt Reynolds.

Dazu gehörte auch eine Wochenend-Sauna in einem Zelt. Oder weil alle Kinos geschlossen waren ein Klein-Kino an einer Straßenecke, bei dem der Projektor über Dynamos an Fahrrädern angetrieben wurde. Oder ein Büchertausch, weil die Bücherei noch nicht wieder geöffnet war. Aus Baupaletten bastelten die jungen Leute eine Bühne für Musik- und Theatergruppen. "Plötzlich bekamen wir lauter Anrufe von Leuten, die fragten: könnt ihr bei uns keinen Büchertausch machen, oder ein Kino", erzählt Reynolds.


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Cheryl Norrie/dpa/otr
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