Erster Kuss, erste Liebe, erster Sex "Ich habe ihn einfach geküsst"

Es war einer der schwierigsten Momente seines Lebens, aber es musste raus: Als Tobias seinem Vater erzählte, dass er schwul ist, rastete der völlig aus. Herzklopfen im SchulSPIEGEL - das fünfte von sechs Gesprächen über Flirten, Verliebtsein, Sex.


Frage: Tobias, wann hattest du das erste Mal Bauchkribbeln?

Tobias: Ich habe mich mit zwölf Jahren in einen Klassenkameraden verliebt. Ich habe das zunächst gar nicht als Liebe erkannt, ich hatte eher das Gefühl, dass wir supergute Freunde sind. Tatsächlich war's aber gar nicht so. Wir hatten eigentlich kaum was miteinander zu tun, haben auch in der Freizeit nicht viel zusammen gemacht, aber irgendwie war da doch was, was mich an ihm gereizt hat. Nach vielen Überlegungen habe ich mir dann gedacht, dass ich wohl in ihn verliebt bin.

Frage: Warst du geschockt?

Tobias: Zuerst war ich ziemlich verwirrt, weil ich in dem Alter einfach nicht begreifen konnte, dass man zu einem Jungen auch was anderes empfinden kann als nur Freundschaft. Als mir klar dann wurde, dass ich schwul bin, war das schon komisch. In der Gegend, aus der ich komme, gilt Schwulsein total als abnormal und pervers. Ich habe ab dem Zeitpunkt eine innere Mauer aufgebaut und jahrelang alles, was damit zu tun hatte, weggedrückt. Ich wollte unbedingt wie die anderen sein. Ich versuchte zwanghaft, an Frauen zu denken, merkte dann aber, dass ich immer wieder auf Männer umschwenkte.

Frage: Hast du trotzdem eine Freundin gehabt?

Tobias: Ich hatte mit 15 für zwei Wochen eine Freundin. Dann hab ich Schluss gemacht. Es ging einfach nicht. Sie war ein bildhübsches Mädchen, hatte eine tolle Figur, war herzensgut und lieb. Aber sobald sie knutschen und fummeln wollte, habe ich abgeblockt. Ich habe nichts dabei gefühlt. Es war keine Leidenschaft, sondern eher wie einkaufen oder Auto putzen!

Frage: Wann hast du akzeptiert, dass du schwul bist?

Tobias: Das war im Mai 2003. Ich war zu der Zeit sehr depressiv und hatte Selbstmordgedanken. Es gab nur zwei Wege: Entweder gehe ich zwanghaft eine heterosexuelle Beziehung ein und unterdrücke, was ich wirklich empfinde, mein Leben lang. Oder ich stehe zu mir und zu meiner Sexualität, auch wenn ich das Risiko eingehe, dadurch Freunde zu verlieren. Auf einer Party küsste ich dann zum ersten Mal einen Kumpel. Das war wie ein Feuer! Er hatte eine emotionale Tiefphase, weil seine Freundin gerade Schluss gemacht hatte. Er fing an zu weinen und bei so was werde ich einfach schwach. Ich habe ihn in den Arm genommen und getröstet. Als wir uns in die Augen sahen, da waren diese Schmetterlinge in meinem Bauch. Und dann haben wir uns geküsst.

Frage: Wie ging's weiter?

Gefunden In..
Archiv der Jugendkulturen,
Projektgruppe Herzenssache:
Schmetterlinge im Bauch. Wenn Jugendliche sich verlieben
Tobias: Am nächsten Morgen rief ich ihn an. Er sagt nur: Oh Mann, waren wir betrunken und haben uns auch noch geküsst, haha! Da habe ich mich mit meiner besten Freundin getroffen und ihr ins Ohr geflüstert: Ich bin schwul! Und in dem Moment fiel die jahrelange Selbstverleumdung und Selbstlüge von mir ab. Es war, als hätte ich einen schweren Rucksack getragen und ihn nach stundenlangem Fußmarsch abgelegt. Sie grinste nur und sagte: Ich hab' kein Problem damit! Ich hätte am liebsten angefangen zu heulen, weil ich mir nur gedacht habe, von meinem zwölften bis zu, 18. Lebensjahr so viel Scheiß und das ganze sich fertig machen! Diese verlorene Zeit!

Frage: Es gibt Leute, die sich niemals outen.

Tobias: Der Hauptgrund ist Angst. Nach meiner besten Freundin habe ich meinen Kumpel eingeweiht. Er war ja schließlich der Auslöser dafür. Ich habe mich extra mit ihm getroffen: Du, ich muss mit dir über was ganz Ernsthaftes reden! Dann habe ich es erzählt und er hat gesagt: Cool, jetzt habe ich auch einen Schwulen in meinem Freundeskreis! Er empfinde aber nicht so und er sei hetero. Aber ich weiß, dass er, wenn er viel getrunken hat, eher den Jungs hinterher schaut und nicht den Mädels. Bei ihm ist auch schon so eine gewisse Bi-Tendenz da, denke ich. Aber das ist sein Bier.

Frage: Hast du's deinen Eltern dann auch gleich gesagt?

Tobias: Erst viel später. Meine Mutter hat tief durchgeatmet und gesagt: Ich muss das erst mal verarbeiten. Ich war total hibbelig, weil meine Mutter ein so wichtiger Mensch für mich ist. Drei Tage später sagte sie: Zuerst war es kein Problem für mich, aber ich habe mich schon erst mal damit abfinden müssen, dass ich wohl keine Enkelkinder kriege. Sie war sehr unsicher, weil sie nicht wusste, wie sie auf mich eingehen sollte. Sie hat dann aber sehr, sehr cool reagiert, weil sie sich informiert hat. Sie hat keine Ignoranz aufgebaut, sondern Zeitungsausschnitte gesammelt, sie hat sich Sachen im Fernsehen angeschaut, Fachbücher gelesen.

Frage: Wie hat dein Vater reagiert?

Tobias: Meine Mutter hat mir empfohlen: Sag's deinem Vater bloß nicht, der kommt bestimmt nicht damit klar! Ich dachte mir aber, dass er es einfach wissen muss. Ich hatte keinen Bock mehr auf dieses Versteckspiel. Als ich zur Sprache kam, konnte ich ihm richtig ansehen, dass ihm die Situation sehr unangenehm war. Er hat dann auch mit totaler Ablehnung reagiert, und wollte mich überzeugen, dass das nur eine Phase ist. Er konnte einfach nicht darüber reden und hat's verdrängt. Er hat sich auch in der nächsten Zeit keine Gedanken drüber gemacht.

Frage: Hat sich das Verhältnis zwischen deinem Vater und dir mittlerweile verändert?

Tobias: Ich bin immer noch der einzige Schwule, den mein Vater in seinem Haus toleriert. Meine Mutter redet ihm gut zu und gibt ihm Zeitungsausschnitte zu lesen. Als meine Mutter meinem Vater beiläufig erzählte, dass eine ihrer Freundinnen sie drauf angesprochen habe, ob ich schwul sei, ist er total ausgerastet. Er fragte mich, ob ich denn nun zufrieden sei, wo ich die Aufmerksamkeit hätte und im Rampenlicht stehen würde. Er zitterte vor Ärger. In dem Moment dachte ich: Hätte ich es bloß niemals gesagt. Eine zeitlang habe ich dann wieder versucht, zu Mädchen Kontakt aufzunehmen. Aber das ging nicht. Es war der falsche Weg.

Frage: Bist du jetzt gerade mit jemandem zusammen?

Tobias: Nö. Ich bin Single und lebe sehr abstinent. Dieses ganze oberflächige Getue mit One-Night-Stands geht mir ziemlich auf die Nerven. Das mag vielleicht zuerst befriedigend sein und einem das Gefühl von Geborgenheit geben, aber One-Night-Stands sind wie eine Bierdose: Man trinkt sie aus, wirft sie weg und kauft sich eine neue.

Außerdem in der SchulSPIEGEL-Woche der Liebe:

Archiv für Jugendkulturen
Montag: "Die haben miteinander rumgenutscht, und ich saß daneben." Und dann spannte Nine, 18, ihrer besten Freundin den Freund aus.

Archiv für Jugendkulturen
Dienstag: "Ich check die jetzt ab." West, 15, will eine Freundin, die richtig gut aussieht. "Alles andere wäre doch voll blamabel."

Archiv für Jugendkulturen
Mittwoch: "Ich habe ihn im Internet entdeckt". Jetzt hofft Vivi, 13, dass es mit ihrem Schwarm auch im richtigen Leben klappt.

Archiv für Jugendkulturen
Donnerstag: "Ich habe ihn gehasst, jetzt sind wir zusammen." Sie hielt ihn für einen Skater-Proll, er sie für eine Zicke. Seit acht Monaten sind Sabrina und Daniel ein Paar.

Archiv für Jugendkulturen
Samstag: "Ich habe mich für ihn zum Idioten gemacht." Diana, 16, lief einem sieben Jahre älteren Typen hinterher.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.