Erstklässler Warum früh eingeschulte Kinder seltener aufs Gymnasium wechseln

Für viele Eltern kann die Grundschule gar nicht früh genug losgehen. Doch oft hat das fürs Kind Nachteile. Die Forscherin Andrea Mühlenweg, 32, erklärt im Interview, wieso ein paar Tage viel ausmachen können und der schnellste Weg nicht immer eine Abkürzung ist.
Foto: Martin Meissner/ AP

SPIEGEL ONLINE: Sie haben herausgefunden, dass relativ früh eingeschulte Kinder nach der Grundschule seltener aufs Gymnasium wechseln - die Wahrscheinlichkeit ist etwa um ein Drittel geringer. Woran liegt das?

Andrea Mühlenweg: Die Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass diese Kinder in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind. Nicht nur ihre Leistungen liegen hinter denen der älteren Mitschülerinnen und Mitschüler zurück, sondern sie sind zum Beispiel auch häufiger Opfer von Gewalt oder Mobbing in der Schule. Das kann verschiedene Ursachen haben. Zentral für die schlechte Leistungsprognose ist sicher, dass sie permanent mit den älteren Schülern in der Klasse verglichen werden. Selbst wenn die Kinder intelligent sind und eigentlich die besten Voraussetzungen hätten, konkurrieren sie immer mit Mitschülern, die schon weiter sind als sie selbst. Ein Monat Unterschied im Geburtstag kann ja bei Anwendung einer Stichtagsregelung zu fast einem Jahr Unterschied im Einschulungsalter führen.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Lehrern ist das vermutlich gar nicht bewusst ...

Mühlenweg: Ja, ich denke, wenn Lehrer dafür stärker sensibilisiert sind, können sie individueller auf die Kinder eingehen. Die Nachteile der frühen Einschulung wurden bisher vielleicht zu wenig wahrgenommen. Man berücksichtigt bei schulischen Problemen nicht, dass das Kind noch ein halbes Jahr oder ein Jahr jünger ist und einfach noch etwas Zeit braucht, um auf dem gleichen Stand zu sein wie andere.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Eltern tun, deren Kind bereits früh eingeschult wurde?

Mühlenweg: Als Elternteil wäre mir wichtig, dass die Lehrer in der Klasse dafür sensibilisiert werden, die Altersunterschiede der Kinder zu berücksichtigen. Das könnte beispielsweise ein Thema sein, das man beim Elternabend anspricht.

SPIEGEL ONLINE: Beispiel Hessen: Dort müssen nach der Stichtagsregelung Kinder, die im ersten Halbjahr sechs Jahre alt werden, im gleichen Jahr auch eingeschult werden. Die anderen sind so genannte "Kann-Kinder" - sie können im gleichen Jahr zur Schule oder erst im nächsten Jahr. Was raten Sie den Eltern von solchen Kann-Kindern?

Mühlenweg: Ich würde den Eltern zur Vorsicht raten. Sie sollten sich genau anschauen, wie reif ihr Kind ist, und überlegen, wie alt es im Vergleich zu den Mitschülern sein wird. Außerdem können die Eltern sich von externen Quellen Rat holen. Sie sollten bei Untersuchungen zum Thema Einschulung genauer hinhören. Was wird aus ärztlicher Sicht oder von Erzieherinnen und Erziehern geraten und warum? Sie sollten im Hinterkopf behalten, dass durch eine frühe Einschulung, die dazu führt, dass ihr Kind innerhalb der Klasse relativ jung ist, Nachteile für ihr Kind entstehen können.

SPIEGEL ONLINE: ... und auch Vorteile?

Mühlenweg: Die Kinder kommen früher auf den Arbeitsmarkt, und das ist bei uns in Deutschland ja auch gewollt. Forschungsergebnisse legen nahe, dass es keinen Effekt des Einschulungsalters auf die späteren Erwerbslöhne gibt. Und natürlich kann es für ein einzelnes Kind gut sein, früh eingeschult zu werden. Wenn ich ein entsprechend intelligentes Kind habe, das auch in der emotionalen Entwicklung so weit ist, dann profitiert das Kind auch von der Förderung. Man sollte Kinder nicht in jedem Fall davon abhalten, relativ früh in die Schule zu gehen. Auch ein früh eingeschultes Kind kann zum Überflieger werden.

SPIEGEL ONLINE: Von Ausnahmen einmal abgesehen, kann der große Rest der Kinder Nachteile der frühen Einschulung irgendwann hinter sich lassen?

Mühlenweg: Gerade nach der 10. Klasse, wenn es leichter möglich ist, auf eine gymnasiale Schulform zu wechseln, wechseln die Kinder, die jünger eingeschult wurden, extrem häufig auf ein berufliches Gymnasium oder eine Fachoberschule. Dadurch erhalten sie zumindest formal den gleichen Abschluss, auch wenn sie seltener auf ein klassisches Gymnasium wechseln. Doch selbst wenn sich der Effekt auf den formalen Bildungsabschluss also neutralisieren kann, zeigt unsere Untersuchung, dass einer Gruppe eigentlich geeigneter Kinder auf Grund ihres relativen Alters der Zugang zum Gymnasium für mehrere Jahre erschwert wird.

SPIEGEL ONLINE: Frühe Bildung ist also nicht förderlich fürs Kind?

Mühlenweg: In diese Richtung kann man unsere Ergebnisse nicht interpretieren. Sie zeigen eher, dass man es nicht übertreiben soll. Frühe Bildung muss nicht per se schlecht sein. Aber ein Kind so früh wie möglich ins Bildungssystem zu bringen, kann eben Nachteile haben.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus
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