Erziehungsexperte Remo Largo "Bildungspolitiker sollten entmachtet werden"

Seine Erziehungsbücher machten den Kinderarzt Remo Largo bei Eltern zum Star, nun fordert er eine pädagogische Revolution an den Schulen. Im Interview spricht er über Autorität und Vertrauen, die fatale Kluft zwischen Kindern und Lehrern - und erklärt, wieso Noten verheerend wirken.
Viertklässler beim Lesen: Individualisierter Unterricht sei keine Utopie, meint Remo Largo

Viertklässler beim Lesen: Individualisierter Unterricht sei keine Utopie, meint Remo Largo

Foto: Z1020 Martin Schutt/ dpa

Kaum ein anderer Erziehungsexperte ist bei Eltern so bekannt und beliebt wie Remo Largo. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von deutlich mehr als einer Million Exemplaren - allein der Klassiker "Babyjahre", mittlerweile in der 21. Auflage erschienen, wurde mehr als 600.000 Mal verkauft.

Erziehung

Largo rät Eltern zu mehr Gelassenheit, denn Kinder seien heute oft "überfördert". Für ihn ist das Folge einer Erfindung, die er eine "Zäsur in der Menschheitsgeschichte" nennt: Durch die Pille seien Kinder das Ergebnis einer bewussten Entscheidung geworden - und das habe Folgen für die . "Eltern haben den Anspruch, dass ihr Kind nicht durchschnittlich ist", sagt Largo, "dadurch entsteht die furchtbare Hysterie: Wie fördert man Kinder am besten?"

In seinen jüngsten Veröffentlichungen wendet sich Largo den Schulen zu und fordert eine kleine pädagogische Revolution. Auch hier sein Credo: Jedes Kind ist durch seine Talente und Interessen einzigartig - Lehrer und Schule müssen dem gerecht werden. Aber was bedeutet das genau? Und wieso scheitern viele Schulen an diesem Anspruch?

Bildung

SPIEGEL ONLINE: Herr Largo, wenn Eltern heute mehr denn je eine optimale Förderung für ihre Kinder wollen - warum steht es dann um deren angeblich schlechter denn je?

Largo: Seit 150 Jahren wird Bildung im Sinne des Bildungsbürgertums verstanden: Alles dreht sich um Fachwissen. Das ist ein Auslaufmodell, aber die Widerstandskraft bildungsbürgerlicher Eltern ist groß. Sie haben ein egoistisches Interesse daran, dass sich in den Schulen möglichst wenig ändert, damit ihre Kinder weiter erfolgreich sind. Dabei muss sich die Arbeit der Lehrer grundlegend wandeln.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Largo: Die Position der Lehrer gegenüber Schülern hat sich geändert. Früher wuchs die Autorität eines Menschen im Laufe seines Lebens ganz natürlich, weil er Erfahrungen sammelte. Heute wandelt sich die Welt durch Computer und Internet rasant und die Hierarchie kehrt sich um: Junge Leute sind auf einem wichtigen Feld plötzlich kompetenter. Das hat es noch nie gegeben und verängstigt die Lehrer.

SPIEGEL ONLINE: Lehrer kannten sich schon immer nur zu einem gewissen Grad in der Lebenswelt ihrer Schüler aus.

Largo: Aber in diesem Fall ist die Kluft erschreckend. Nach meiner Erfahrung ist einer von zehn Lehrern wirklich medienkompetent. Wenn die anderen neun gegen Videospiele und Internet wettern, wissen sie kaum, worüber sie reden. Ich habe eine Diskussion erlebt, bei der nur zwölf von 350 anwesenden Lehrern schon mal am Computer gespielt hatten. Die anderen disqualifizieren sich in den Augen der Schüler - und verlieren ihre Autorität.

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht der Umgang mit anderen Kulturen und Religionen die viel größere Aufgabe für Lehrer?

Largo: Das ist ein weiteres Problem. In Schulen mit vielen Kindern aus Einwandererfamilien müssen Lehrer die Eltern einbeziehen. Sie müssen mit ihnen reden, interessiert sein, fragen: Woher aus Anatolien kommen Sie? Was ist Ihnen wichtig? Man muss sich die Ängste dieser Eltern vorstellen. Sie sind oft nach Deutschland gekommen, ohne schreiben oder rechnen zu können. Für sie ist es bedrohlich, wenn das Kind in die Schule kommt - denn es kommt ihnen abhanden. Dieses Gefühl können Lehrer Eltern nehmen. Wenn dann Kinder spüren, dass die Schule ihre Eltern wahrnimmt und die Eltern die Schule wichtig finden, dann werden sie eine tragfähige Beziehung zu Lehrern aufbauen. Dann wächst natürliche Autorität.

SPIEGEL ONLINE: Experten wie Bernhard Bueb und Michael Winterhoff fordern eine autoritäre Erziehung. Muss Disziplin wieder in den Mittelpunkt der Pädagogik?

Largo: Einerseits sollten Lehrer mit Schülern nicht auf Augenhöhe sein - das Kind spürt ja, dass der Erwachsene anders ist. Andererseits können Sie Kinder zu nichts zwingen. In Schulen mangelt es also nicht an Disziplin, sondern an einer persönlichen Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Zwölf- bis 16-Jährige beklagen in Umfragen sehr oft, dass der Lehrer nur das Fachliche vermittle und nicht als Persönlichkeit erkennbar sei.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll sich das ändern?

Largo: Mehr Unterrichtsstunden als bisher müssen allein dem Austausch in der Klasse gewidmet werden. Lehrer müssen die Chance auf ein engeres Verhältnis zu Schülern bekommen. Untersuchungen zeigen, dass damit nicht nur die Leistungen der Schüler verbessert werden, sondern auch das Wohlbefinden der Lehrer. Sie fühlen sich wohl, sie gehen ganz anders in den Unterricht, als wenn die Schüler Fremde für sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern ernsthaft noch mehr Unterrichtsstunden?

Largo: Nein. Im Gegenzug müsste der Fachunterricht reduziert werden, die Lehrpläne gehören entschlackt. Man muss den Stoff endlich mal ausmisten, nur das lehren, wofür es stichhaltige Gründe gibt. Und die einheitlichen Lehrpläne gehören abgeschafft.

SPIEGEL ONLINE: Dann macht jede Schule, was sie will - und es gibt keine vergleichbaren Abschlüsse mehr.

Pisa

Largo: Kollektive Lehrpläne sind doch ein Witz! Sehen Sie sich die -Ergebnisse an: 15 bis 20 Prozent der 15-Jährigen sind auf dem Lernniveau von Zehn- oder Elfjährigen. Man muss individualisieren, und dass das gelingen kann, ist keine pädagogische Utopie. Die nachvollziehbare Angst der Lehrer ist, dass sie für jedes Kind einen eigenen Lehrplan entwickeln müssten. Aber das ist nicht so. Sie müssen die Kinder machen lassen, dann lernen die schon voneinander. Man hat in altersgemischten Klassen gesehen, dass die Kinder bis zu 40 Prozent des Stoffs voneinander lernen - nicht vom Lehrer. Zu der falschen Gleichmacherei gehören übrigens auch die Noten…

SPIEGEL ONLINE: …die Sie auch abschaffen würden?

Largo: Das Notensystem zwingt Kinder und Jugendliche, Stoff auswendig zu lernen. Das sitzt so tief, dass wir inzwischen glauben, Kinder würden gar nichts mehr lernen, wenn wir Noten abschaffen würden. Aber so ist es nicht. Kinder lernen in den ersten fünf Lebensjahren unglaublich viel - aus sich selbst heraus, ohne von Noten motiviert zu sein. Das würden sie auch danach, wenn man sie kindgerecht lernen lassen würde.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende brauchen die Schüler aber ein Zeugnis, das Arbeitgebern oder Hochschulen etwas Verlässliches mitteilt.

Largo: Die Unternehmen testen die Jugendlichen doch selbst und verlassen sich nicht mehr auf Noten. Ihnen ist es letztlich egal, ob jemand eine 2 oder 3 hat - das sagt ihnen nicht, wie kompetent der Jugendliche in Deutsch oder Mathe ist. Sozialkompetenz ist mit Noten sowieso nicht fassbar. Und die bekommen Kinder nur, wenn Bezugspersonen in der Schule nicht mit Druck, also Noten auf sie wirken.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich wird über die soziale Erziehung der Schüler wenig geredet, sie steht im Schatten des Fachwissens. Liegt die fehlende Lobby für derartige Forderungen nicht daran, dass Sozialkompetenz kaum evaluierbar ist, Politiker aber messbare Ergebnisse brauchen?

Largo: Das ist wahrscheinlich so. Darum sollten Bildungspolitiker entmachtet werden. Die Schule kann nur von unten reformiert werden. Ich bin für ein System wie in Schweden: Schulen organisieren sich selbstverantwortlich. Sie haben natürlich grobe Richtlinien und erhalten ein Budget nach Schülerzahl, das sie nicht aufstocken dürfen, so dass alle die gleichen Voraussetzungen haben. Dazu kommen freie Schulwahl - also Konkurrenz - und eine Evaluierung, die sich nicht nur nach der Leistung der Schüler richtet. Wenn Sie in eine Mensa gehen und sich umschauen, haben Sie schnell raus, welches Klima in der Schule herrscht, wie Lehrer und Schüler miteinander umgehen.

die Schulstruktur

SPIEGEL ONLINE: Die Bildungsdebatten drehen sich meist um - längeres gemeinsames Lernen, Fusion von Schulformen...

Largo: …Fakt ist, dass die Finnen Gesamtschulen haben, in denen die Schüler neun Jahre gemeinsam lernen und die besten Pisa-Resultate erreichen. Es heißt dann immer, in Finnland gebe es weniger Zuwanderer. Richtig. Aber auch dort sind Kinder nicht gleich begabt. Ein Kind ist in Mathe auf Gymnasialniveau, in Englisch gehört es in die Hauptschule. Dem wird nur individueller Unterricht gerecht, Sortieren in Schulformen hilft da nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das von Ihnen geforderte enge Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern steht im Zentrum der . Nach dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist das Reformern wie Hartmut von Hentig vorgeworfen worden. Ist die Reformpädagogik nach dem Skandal unter die Räder gekommen?

Largo: Viele haben vor Freude aufgejault ob der Gelegenheit, die Reformpädagogik abzuschießen. Da kann ich nur mit den Schultern zucken. Es geht in den Kritiken nur um Haltungen, nicht um Argumente. Ich bleibe dabei: Vertrauensvolle Beziehungen sind die Grundlage jeder Pädagogik - in der Familie wie auch in der Schule. Und: Eltern und Lehrer können der Verschiedenheit von Kindern nur gerecht werden, wenn sie sich auf jeden Schüler auch emotional einlassen und jedes Kind individuell behandeln.

Das Interview führte Birger Menke
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