Essay zu Schülerzeitungen Wer dopt, betrügt

Im Internet ist der gute Text, das schöne Foto stets nur ein paar Klicks entfernt. Wer Ideen einfach klaut, spielt mit dem Vertrauen der Leser, meint Maximilian Popp: Auch Schülerzeitungsredakteure müssen sich ihrer journalistischen Verantwortung bewusst sein.


"Lasst uns ein metaphorisches kaltes Steak über unser blaues Auge legen und von dem bestürzenden Beispiel lernen - damit andere Journalisten im Land und in der Welt weiter von uns lernen können", schrieb William Safire am 12. Mai 2003 in der "New York Times". Tags zuvor hatte die Zeitung auf ihrer Titelseite einen Fall aufgedeckt, den sie selbst als den "Tiefpunkt ihrer 152-jährigen Geschichte" bewertete. Ihr Reporter Jayson Blair hatte systematisch Geschichten gefälscht, Zitate aus fremden Texten gestohlen und Feature-Elemente plagiiert.

In Deutschland rief der Skandal Erinnerungen an den Fall Tom Kummer wach. Der Schweizer Journalist wurde durch erfundene Interviews mit Hollywood-Stars berühmt. Als der Betrug auflog, mussten auch die Chefredakteure des "SZ-Magazins" gehen; sie hatten 19 Kummer-Geschichten publiziert. Als "Akt der journalistischen Sabotage" bezeichnete die "Süddeutsche Zeitung" den Vorfall später.

Sind Jayson Blair und Tom Kummer Einzelfälle? Saboteure, vor denen kein ambitioniertes Blatt sicher sein kann? Oder sind ihre Methoden die Droge, zu der immer mehr Redaktionen greifen, im Kampf um Leser, Quoten und Annoncen?

Keine Ausnahme für Schülerzeitungen

Wer andere verurteilt, sollte zunächst einen kritischen Blick auf die eigene Praxis werfen: Wie genau halten wir es mit der Wahrheit, wenn wir in der Schülerzeitung Lehrer denunzieren, ohne die Fakten zu kennen? Wenn wir Textpassagen aus anderen Zeitungen abschreiben und sie als unsere eigenen verkaufen? Wenn wir Fotos und Karikaturen aus dem Internet saugen, ohne auf das Copyright zu achten?

Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Leser sind die Basis aller journalistischen Arbeit. Eine Regel, die auch für Schülerzeitungen gilt, und zwar ausnahmslos. Das Prädikat "Schülerzeitung" darf keine Entschuldigung für verantwortungslosen Journalismus sein.

Ein Sammelband des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein trägt den Titel: "Schreiben, was ist". Wer es damit hält, hat viel erreicht. Er fälscht nichts, verheimlicht nichts und erfindet auch nichts.

Dem bleibt immer noch entgegenzuhalten, dass Menschen Fehler machen, wenn sie Verantwortung tragen. Oder mit Johann Gottfried Seume: "Das Los der Menschen scheint zu sein nicht Wahrheit, sondern Ringen nach Wahrheit; nicht Freiheit und Gerechtigkeit, sondern Ringen danach."

Die Zwänge von Journalisten mögen begreifbar sein. Ebenso wie es jene von Schülerzeitungsredakteuren sind: Wenn der Redaktionsschluss naht und Verwertbares fehlt, mag die Verlockung mitunter groß sein, sich mit einem Klick im "Zeit"-Archiv seiner Probleme zu entledigen. Vertretbar ist sie nicht. Auch als Schülerzeitungsredakteure müssen wir uns einem journalistischen Ethos verpflichtet fühlen. Das bedeutet, die Ideen und Texte anderer zu respektieren, anstatt sie für eigene Artikel zu klauen. Das bedeutet auch, mit Schulinterna verantwortungsvoll umzugehen. Eine Reportage über Alkoholismus in der eigenen Schule muss ebenso durch Fakten belegt, durch eigene Recherche verifiziert sein wie ein Bericht in der "New York Times".

Respekt muss man sich erst verdienen

Anerkennung und Respekt sind Schülerzeitungen nicht per se gegeben. Sie müssen sie sich erst verdienen, bei Lehrern wie bei Schülern. Dazu braucht es Seriosität und Originalität. Ein Journalist, der gegen jene Maßstäbe verstößt, mit denen er andere zu messen pflegt, macht sich unglaubwürdig. Ein Journalist, der sich unglaubwürdig macht, macht sich unmöglich.

Schülerzeitungsredakteuren mag der eine oder andere Fehler verziehen werden. Holprige Sätze oder unklare Formulierungen sind insofern kein Drama. Lügen und Halbwahrheiten sind es schon. Der eherne Grundsatz der absoluten Gründlichkeit bei Fakten und Zitaten gilt ab dem Moment, ab dem man zu schreiben beginnt, ob im SPIEGEL oder in der Schülerzeitung - Ehrlichkeit ist keine Frage der Dimension. Wer Lehrersprüche erfindet oder dem Schulleiter Zitate in den Mund legt, handelt genauso unehrlich wie der Redakteur, der Interviews mit Prominenten aus Hollywood fälscht.

Die moderne Kommunikationstechnik, das Internet, Mobiltelefone und Online-Archive haben vieles einfacher gemacht, leider auch den Betrug. Agenturmaterial, Fotos und Berichte aus anderen Zeitungen können im Web ohne Zeitverzögerung erschlossen werden; die mobile Vernetzung macht den Reporter immer unabhängiger vom Ort des Geschehens und dem Zugang zu den Akteuren. Für Schülerzeitungsredakteure kann dies verlockend sein. Mit fremden Texten und Zitaten sieht das eigene Blatt gleich besser aus. Fehlt zum Bericht über den Irak-Krieg ein passendes Bild, wird kaum eine Schülerzeitung davor zurückschrecken, Fotos aus dem Internet zu übernehmen.

Ideenklau als Seuche

Aber auch das ist Diebstahl. Vielen scheint das so nicht bewusst zu sein. Geht jemand in einen Laden, um dort ein Buch zu klauen, ist der Fall eindeutig: Er ist ein Dieb. Aber was ist der Jugendliche, der auf Google ein Bild von George Bush sucht und es trotz Copyright- Bestimmungen später abdruckt?

Der Fall zeigt, dass der Umgang mit geistigem Eigentum im Zeitalter des Internets nicht nur ein juristisches Problem ist, sondern auch ein moralisches. Ideenklau ist die Seuche einer Gesellschaft, die von Ideen lebt. Das Internet verleitet zum leichtfertigen Umgang mit dem Eigentum anderer. Journalisten sollten sich daher besonders davor hüten; nicht vor dem Internet, sondern vor billigen Plagiaten. Schülerzeitungen sollten nur Fotos abdrucken, die sie auch selbst geschossen haben (zur Not hilft immer noch eine Zeichnung), und nur Artikel veröffentlichen, die sie auch selbst geschrieben und recherchiert haben.

Denn eines ist klar: Sich mit den Texten und Bildern anderer zu schmücken ist nichts anderes als das, was sich im Sport Doping nennt und dort zu Recht strikt verboten ist: das Vortäuschen einer Leistung, die man so nicht erbracht hat. Sportler, die dopen und dabei erwischt werden, haben das Vertrauen ihrer Fans auf immer verspielt. Journalisten, die Geschichten plagiieren oder erfinden, haben gleichsam das Vertrauen ihrer Leser verspielt. Beiden geschieht es recht.


* Maximilian Popp, 19, hat in diesem Jahr am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Passau Abitur gemacht. Seine Schülerzeitung "Rückenwind" wurde beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb 2003/2004 zum Gesamtsieger gekürt. Beim Wettbewerb 2004/2005 wurde "Rückenwind" für das beste Layout und das beste Titelbild ausgezeichnet.



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