Vorbild Estland So wird Lernen gerechter

Zeig mir deine Eltern und ich sag dir, welchen Schulabschluss du machen wirst: Viel zu oft entscheidet in Deutschland die Herkunft über den Bildungserfolg. Estland macht vor, wie es besser geht.
Schüler in einer Grundschule in Niedersachsen

Schüler in einer Grundschule in Niedersachsen

Foto: Peter Steffen/ dpa

Wie gut ein Kind in der Schule ist, hängt vor allem davon ab, aus welchem Elternhaus es kommt. In den Grundschulen haben die sozial bedingten Leistungsunterschiede in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen, hat gerade die Iglu-Studie gezeigt. Viertklässler aus Familien, in denen es viele Bücher gibt und die Eltern Berufe mit höherer Qualifikation ausüben, können deutlich besser lesen und mit Texten umgehen.

"Bildungserfolg und sozialer Hintergrund sind in Deutschland eng miteinander verknüpft", bestätigt Bildungsforscher Andreas Schleicher. Er ist Koordinator der Pisa-Studie bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und diese führt 16 Prozent der Leistungsunterschiede bei deutschen Schülern auf ihren sozialen Hintergrund zurück. Beim EU-Spitzenreiter Estland sind es nur acht Prozent. Hier entscheidet das Elternhaus offenbar kaum darüber, wie gut ein Schüler ist. Was macht das Land richtig? Vier Beispiele.

1. Bildung beginnt in Estland schon vor der ersten Klasse

In Estland besuchen acht von zehn Kindern eine Kita. Einen Anspruch auf Betreuung haben alle, die zwischen anderthalb und sieben Jahre alt sind. Den Platz in der Kita gibt es nicht kostenlos, die Preise dürfen aber maximal 20 Prozent des gesetzlichen Mindestlohns betragen. So zahlen Eltern derzeit höchstens 58 Euro im Monat, hinzu kommt ein Essensgeld von durchschnittlich 26 Euro .

Für die Kitas gibt es nationale Lehrpläne. Wer dort als Erzieher arbeiten will, muss in der Regel studiert haben. Und für alle Fünf- und Sechsjährigen gibt es ein verpflichtendes Schulvorbereitungsprogramm, das entweder in den Kindergärten oder in den Schulen stattfindet. Die Kosten dafür übernimmt der Staat. So wird sichergestellt, dass die Kinder schon bei der Einschulung über ein ähnliches Vorwissen verfügen.

Eine lohnende Investition, meint Bildungsforscher Schleicher: "Wenn Kinder in Deutschland für mehr als ein Jahr an frühkindlichen Bildungsangeboten teilnehmen, halbiert sich für sie das Risiko, im Alter von 15 Jahren bei Pisa zur Risikogruppe zu zählen." Zur Risikogruppe zählen die Forscher Schüler, denen Grundfähigkeiten im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften fehlen.

Besonders Kinder mit Migrationshintergrund könnten von frühkindlichen Bildungsangeboten profitieren, meint Schleicher. Dass gerade sie seltener in Kitas gehen, sei sehr unbefriedigend, genau wie die Tatsache, dass "der Kindergarten in Deutschland das einzige Bildungsangebot mit Studiengebühren ist".

In Deutschland haben zwar alle Kinder zwischen ein und drei Jahren Anspruch auf einen Kitaplatz, trotzdem haben viele Eltern Probleme, einen zu bekommen. Laut dem Kölner Institut der deutschen Wirtschaft fehlen bundesweit 300.000 Betreuungsplätze für Kleinkinder. Und ein Krippenplatz kann teuer werden, denn die Kosten werden meist von den Kommunen festgelegt. So zahlen einige Eltern nichts, andere dagegen mehrere Hundert Euro im Monat.

2. In Estland lernen alle Schüler gemeinsam

Estnische Schüler werden meist gemeinsam von der ersten bis zur neunten Klasse unterrichtet. Erst danach entscheiden sie, ob sie weiter zur Schule gehen und einen Abschluss der Sekundarstufe II machen wollen. Wer aufs Gymnasium will, bekommt in der Regel einen Platz - auch wenn die Noten nicht so gut sind.

In Deutschland wird in vielen Bundesländern schon nach der vierten oder sechsten Klasse entschieden, wer aufs Gymnasium kommt und wer nicht. Und nicht immer haben Eltern oder Schüler ein Mitspracherecht.

"Wenn du Zehn- oder Zwölfjährigen erzählst, dass sie nicht gut genug sind, ist das meiner Meinung nach viel zu früh", sagt Kristina Kallas, Direktorin des estnischen Narva Colleges, das Lehrer und Erzieher ausbildet. "Ich habe immer wieder Studenten, die sich erst mit 20 Jahren entwickeln, wenn sie an die Universität kommen, gerade junge Männer." Ohne die Gleichstellung im Bildungssystem hätten sie es vermutlich gar nicht erst an die Universität geschafft, meint sie.

3. Schüler in Estland werden individuell gefördert

Lehrer in Estland sind offiziell verpflichtet, ihren Schülern jedes Jahr ein Feedback über ihre Entwicklung zu geben. Hat ein Schüler am Ende des Schuljahres eher miserable Noten, muss die Schule geeignete Maßnahmen ergreifen. Außerdem gibt es an jeder Schule einen Verantwortlichen, der sich um die Bedürfnisse von Schülern mit Behinderung kümmert. Sonderpädagogische Förderung, Sprachtherapie und sozialpädagogische Beratung  sollen verhindern, dass Kinder die Schule abbrechen.

In Deutschland hat sich laut Schleicher die Zahl junger Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Abitur in den vergangenen Jahrzehnten kaum verringert. Ihr Anteil liegt bei den 25- bis 34-Jährigen bei 13 Prozent. Unter 55- bis 64-Jährigen sind es fast genau so viele.

4. Auch außerhalb des Unterrichts werden Schüler in Estland gleichbehandelt

In Estland ist das Mittagessen in der Schule kostenlos, ebenso wie die Schulbücher, der Schulbus und Freizeit- und Lernangebote am Nachmittag, zumindest bis Klasse neun. Dabei ist Estland eines der ärmsten OECD-Länder. Das Bruttoinlandsprodukt lag 2014 bei nur 28.000 Dollar pro Kopf, mehr als 10.000 Dollar weniger als im OECD-Durchschnitt. Das Land steckt trotzdem etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung, in Deutschland sind es nur 4,3 Prozent.

Auch in Deutschland gibt es vermehrt kostenlose Ganztagsangebote an Schulen, aber das Geld für den Schulbus müssen viele Eltern selbst berappen. Ein Vater hatte deshalb im Juli vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen geklagt - ohne Erfolg. Auch das Schulessen gibt es nicht immer kostenlos. Die Linke hatte deshalb Anfang des Jahres ein Sonderprogramm für ein kostenloses Mittagessen an allen Schulen und Kindergärten gefordert, Kostenpunkt: fast sieben Milliarden Euro pro Schuljahr.