Europawahl auf Probe Bitte abstimmen - auch wenn's (noch) nicht zählt

Welche Parteien sollen ins Europaparlament? Hunderttausende Schüler haben darüber bei den Juniorwahlen abgestimmt - obwohl sie gar nicht wahlberechtigt sind. Hinter der Aktion steckt ein besonderes Anliegen.

Schüler der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg: "Das Problem ist nicht, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren"
Lara Jäkel/ SPIEGEL ONLINE

Schüler der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg: "Das Problem ist nicht, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren"

Von Lara Jäkel


Sie darf das erste Mal wählen und dann gleich zweimal: Elina Sperling, 18, will am Sonntag ihre Stimme bei der Europawahl abgeben - und hat vorher schon mal getestet, wie das geht: bei der Juniorwahl an diesem Donnerstag in der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg. "Ich habe mich weniger an Personen orientiert, sondern an Themen, und danach entschieden, welcher Partei ich meine Stimme gebe", sagt Elina.

Die Schülerin kommt gerade aus der Wahlkabine. Um sie herum herrscht reger Betrieb: Wahlhelfer überprüfen Ausweise, geben Wahlzettel aus. Schüler stehen in der Schlange, diskutieren über Parteien, warten darauf, dass sie als nächste ihre Kreuzchen machen dürfen. Am Ende wird ihre Stimme allerdings nicht wirklich zählen, denn bei der Juniorwahl wird die Europawahl nur simuliert.

Knapp 2800 Schulen in Deutschland haben diesmal bei dem Projekt mitgemacht. So konnten rund 650.000 Schüler, von denen die allermeisten noch nicht wahlberechtigt sind, schon mal probeweise wählen, inklusive Wahlhelfern, geheimer Abstimmung und versiegelter Wahlurne. Zur Wahl standen dieselben 40 Parteien, die auch bei der richtigen Europawahl antreten. Die Ergebnisse sollen zeitgleich mit den echten Ergebnissen am Sonntagabend veröffentlicht werden.

"Wählen soll selbstverständlich werden"

Die Idee des Projekts: Jugendliche und Erstwähler wie Elina Sperling sollen schon in der Schulzeit mit dem Wählen vertraut gemacht werden. So will man dazu beitragen, dass mehr junge Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung nutzen und an die Wahlurnen gehen. "Wählen soll selbstverständlich werden", sagt Gerald Wolff, Projektleiter der bundesweiten Juniorwahl, die es seit 1999 gibt.

Stimmabgabe bei der Juniorwahl: "Viele fühlen sich von Politikern nicht angesprochen"
Lara Jäkel/ SPIEGEL ONLINE

Stimmabgabe bei der Juniorwahl: "Viele fühlen sich von Politikern nicht angesprochen"

Je früher junge Menschen an Politik herangeführt werden, desto wahrscheinlicher sei es, dass sie im späteren Leben regelmäßig wählen gingen, sagt Wolff. Vor fünf Jahren hatte bei der Europawahl nur etwa jeder dritte Wahlberechtigte zwischen 18 und 29 Jahren seine Stimme abgegeben. Die Quote lag damit unterm Schnitt. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung 2014 bei knapp 50 Prozent.

"Das Problem ist nicht, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren", sagt Elina Sperling. "Viele in meinem Alter wissen nicht genau, worüber sie bei der Europawahl eigentlich abstimmen, und sie fühlen sich von den Politikern einfach nicht angesprochen."

Forscher: Wahlkampf wird für Ältere gemacht

Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas sieht das ähnlich. Die Parteien richteten ihren Wahlkampf vor allem auf die älteren, wahlfreudigeren Generationen aus. Nicht ohne Grund: Erst im Laufe des Lebens werde Menschen bewusst, wie sehr das eigene Leben unmittelbar von politischen Entscheidungen betroffen sei, sagt Faas. Projekte wie die Juniorwahl könnten das aber beschleunigen.

Studien zeigen, dass die Teilnehmer der Juniorwahl später häufiger bei echten Wahlen abstimmen. Sogar auf die Wahlbeteiligung der Eltern wirke sich das Projekt aus. Bei sozial benachteiligten Jugendlichen sei der Effekt besonders deutlich.

Bei den Juniorwahlen in den Schulen geht es allerdings nicht nur um die reine Stimmabgabe. Lehrer bereiten die Jugendlichen vorab im Unterricht darauf vor. An der Heinrich-Hertz-Schule hat etwa ein Politikkurs der zwölften Klasse die Wahlprogramme von acht Parteien analysiert. "Die Schüler sind sehr engagiert dabei", sagt der Lehrer Christoph Seichter, der das Projekt an der Schule leitet. "Einige haben sich weiter mit den Wahlprogrammen beschäftigt und sogar bei Parteien angerufen, wenn ihnen etwas unklar war".

Lehrer Christoph Seichter: Großes Engagement
Lara Jäkel/ SPIEGEL ONLINE

Lehrer Christoph Seichter: Großes Engagement

"Es ist interessant, was dabei herausgekommen ist - aber teilweise auch erschreckend, was zum Beispiel rechte Parteien fordern", findet der Schüler János Derda, 18. Er betreut die Juniorwahl an diesem Tag als Wahlhelfer und hofft, dass die Stimmen der Schüler am Ende irgendwie doch zählen, auch wenn die Wahl nur simuliert wird: Das Ergebnis der Juniorwahl solle Parteien dazu bewegen, in Zukunft mehr auf die Interessen junger Menschen einzugehen.

Elina Sperling hat noch einen anderen Wunsch: Die Juniorwahl soll möglichst viele ihrer Mitschüler und Freunde, die schon 18 sind, motivieren, bei der richtigen Wahl am Sonntag abzustimmen. Sie glaubt: "Wer nicht wählt, gibt seine Stimme den Parteien, die gegen Europa sind".

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