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Extremkletterer Dem Himmel so nah

Sie nennen ihn "Skywalker": Marat Dupri, 20, erklimmt Wolkenkratzer und Moskaus schwer gesicherte Dächer. Sogar die Geheimdienste überlistet er auf der Suche nach dem größten Nervenkitzel. Seine spektakulären Fotos haben den Extremkletterer berühmt gemacht.

Marat Dupri ist ein Himmelsstürmer. Atemberaubende Aufnahmen seiner Klettertouren auf die höchsten und am besten gesicherten Gebäude Moskaus haben ihn landesweit bekannt gemacht. 2011 wurde eines von Marats Fotos mit dem "Best of Russia"-Fotografiepreis geehrt. Danach gab ihm eine Zeitung den Namen "Skywalker".

Geboren am 25. Oktober 1991, gehört der Roofer zu Russlands neuer Jugend, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufwuchs und die den Kommunismus nur aus Schulbüchern kennt. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt er von atemberaubenden Ausblicken auf Moskau, seinem Traum von einem Leben im Ausland - und warum er Wladimir Putin ebenso bewundert wie dessen Rivalen Michail Chodorkowski.

"Ich bin kurz nach dem Putschversuch gegen Michail Gorbatschow 1991 geboren worden. Meine Eltern erzählen, dass es damals nichts in den Geschäften zu kaufen gab, es herrschte Not im Land. Bei meiner Geburt hatte es geschneit, es tropfte durch das Dach des Krankenhauses.

Fotostrecke

Moskau von oben: Wie der "Skywalker" die Dächer erklimmt

Foto: Marat Dupri

Ich war ein kränkliches Kind, habe mich nicht gut entwickelt, weil mit Vitamine fehlten und wegen der verdreckten Umwelt. Ich hatte eine Herzschwäche. Die Ärzte sagten mir, dass ich keinen Sport treiben darf, das war wie eine Bestrafung für das ganze Leben.

Ich bin viel ins Kino gegangen, aber das fand ich langweilig. Dann habe ich im Internet geschaut, was für Subkulturen es gibt. Roofing fand ich spannend, und ich habe jemanden gefunden, der mich auf mein erstes Dach mitgenommen hat. Ich musste 48 Stockwerke zu Fuß hochklettern. Danach war ich müde, aber sehr glücklich.

Du darfst nicht zögern, du darfst nicht zweifeln

Das Roofing hilft mir, gesund zu bleiben. Mein Herz schlägt besser.

Was wir tun, ist ein wenig anarchisch: Wir fordern die Wachmannschaften heraus. Manchmal, wenn wir besonders bewachte Gebäude betreten, nimmt uns die Miliz fest oder Männer der Geheimdienste FSB und FSO.

Ich studiere Jura in Moskau. Wenn sie mich wieder verhaften, weiß ich, welche Paragrafen sie mir wirklich anhängen können und mit welchen sie mich nur einschüchtern.

Wenn du vor einem Gebäude stehst, darfst du nicht zögern, du darfst nicht zweifeln. Neulich bin ich nachts auf das Standbild von Peter dem Großen im Zentrum geklettert, 100 Meter, bis auf seinen Kopf. Wir sind hinaufgestiegen, als die Wachleute schliefen. Ganz oben drehte sich die Wetterfahne im Wind. Unten ging langsam die Sonne über Moskau auf. Die Stadt schlief, das Leben war wie eingefroren. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Ich brauche nur nach unten zu sehen und vergesse alle Probleme.

Die ganze Staatsmacht ist durch und durch korrupt

In solchen Momenten spüre ich ein Gefühl der Freiheit: Niemand kann mich berühren. Niemand sagt mir, was gut ist und was schlecht.

Die wichtigsten Regeln für uns Roofer sind: Kletter' nur nüchtern, denn du kannst leicht fallen. Sei nett zu den Bewohnern der Häuser, auf die du kletterst. Sei ein guter Bürger.

Ich interessiere mich nicht sehr für Politik. Ich bin froh, dass Putin die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Er ist der redlichste und bewährteste Politiker in unserem Land, er hat es aus der Krise geführt. Andererseits ist die ganze Staatsmacht durch und durch korrupt.

Mich beeindruckt auch das Schicksal von Michail Chodorkowski. Ich war zwölf Jahre alt, als er verhaftet wurde. Ich sah ihn im Fernsehen, er wurde an den Kameras vorbeigeführt und sah erschrocken aus. Mein Vater sagte, das sei ein schlechter Mensch.

Ich denke, er ist für seine Überzeugungen in das Gefängnis gegangen. Er sitzt im Gefängnis, weil er die Wahrheit sagte. Das Urteil gegen ihn wurde bestellt. Auch das war ein Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, Jura zu studieren.

Wenn ich zwei Wochen außerhalb von Moskau bin, dann befällt mich eine Depression. Ich denke, ich werde das Land trotzdem verlassen. Am liebsten möchte ich in der Schweiz leben, wo alles so übersichtlich ist und geordnet."

Aufgezeichnet von Anna Skladmann und Benjamin Bidder