Pro und Contra Sollten Eltern Fotos ihrer Kinder posten?

Millionenfach stellen Eltern Fotos ihrer Töchter und Söhne ins Netz. Oft ist das niedlich, manchmal auch peinlich. Aber ist es gefährlich?

Contra

Kristin Haug

Hört auf, Fotos von euren Kindern zu posten

Foto: Christian O. Bruch/ laif

Lola wurde am 1. August geboren und ihre Mutter postet zwei- bis dreimal die Woche Fotos von ihr auf Instagram oder Facebook. Wir sehen Lola auf der Brust ihrer Mutter, Lola im Einhorn-Pullover, Lola neben dem Familienhund, Lola mit Kopfschmuck und Lola zu Halloween in einem Pfauenkostüm.

Lola ist die Tochter einer Freundin von mir und ich finde sie unglaublich süß. Ihre weichen schwarzen Härchen, das zerknautschte Gesicht, die kleinen knubbeligen Finger. Ich freue mich, wenn ihre Mutter Fotos online stellt, so kann ich das Leben der kleinen Lola verfolgen, obwohl sie mehr als 5000 Kilometer von mir entfernt in Kanada aufwächst. Ich bin immer kurz davor, die Fotos mit "Gefällt mir" zu markieren, aber ich mache es nie.

Warum? Weil es mich aufregt, dass meine Freundin Fotos von ihr postet. Lola kann nicht selbst entscheiden, ob sie das möchte. Sie kann nicht selbst entscheiden, ob ich sie im Pfauenkostüm oder Einhorn-Pulli sehen darf. Oder andere Freunde ihrer Eltern. Die Eltern müssen für sie entscheiden und sie sollten sich stets fragen: Würde Lola wollen, dass wir Fotos von ihr im Pfauenkostüm auf Facebook oder Instagram zeigen?

Es ärgert mich, dass Eltern ihre Kinder auf den sozialen Netzwerken zur Schau stellen, um Likes zu bekommen und Kommentare wie: "So niedlich", "kleine Prinzessin", "ich liebe ihr Outfit", "der Pulli ist fast so süß wie ihr Gesicht". Es ist traurig, dass die Aufmerksamkeit in den sozialen Netzen vielen Menschen so wichtig ist.

Viele Eltern scheinen süchtig nach Likes zu sein und um diese Sucht weiter anzufeuern, benutzen sie ihre Kinder.

Meine Freundin hat rund 50 Fotos von Lola im Pfauenkostüm machen müssen, bis einige zum Posten dabei gewesen sind, wie sie im Kommentar zu der Aufnahme schreibt. Die Zeit, die sie damit verbringt, ein Kostüm für die Kleine zu bestellen und 50 Fotos davon zu machen, hätte sie auch nutzen können, um mit ihr Greifen zu üben oder sie spazieren zu fahren.

Der Account meiner Freundin ist privat. Das ist gut. So kann zumindest nicht jeder Idiot die Fotos sehen. Der Account einer anderen Bekannten von mir, es ist die Freundin einer Freundin, ist öffentlich. Sie hat mehr als 1000 Abonnenten und postet ebenfalls regelmäßig Fotos ihres Sohnes, nennen wir ihn Henri. Wir sehen Henri beim Baden, im Urlaub, auf dem Spielplatz.

Was ist, wenn einer ihrer Abonnenten Henri so süß findet, dass er mehr über die Familie erfahren will und beginnt, den Account der Mutter genau zu studieren. Und herausfindet, wo sie spazieren geht, wo sie wohnt, wer ihre Freunde sind. Was ist, wenn er damit beginnt, sich an den gleichen Orten aufzuhalten, über den Gartenzaun zu schauen. Henris Kinderwagen wegzuschieben. Sie finden, ich übertreibe? Kann schon sein, aber es könnte alles passieren und Eltern sollten alles tun, um ihre Kinder vor möglichen Gefahren zu schützen.

Weder meine Freundin noch meine Bekannte posten peinliche Bilder von ihren Kindern. Das ist auch gut so. Aber, es gibt Eltern, die ihre Babys beim Sabbern, Spucken, Kacken und Kotzen zeigen. Sie stellen Fotos online, auf denen ihre Babys nackt sind, ihre Kinder auf der Toilette sitzen. Natürlich kann man die Bilder wieder löschen. Aber vielleicht findet jemand diese Fotos lustig, macht einen Screenshot davon und lädt das auf einer anderen Seite hoch. Dann sind die Bilder im Netz und bleiben auch da.

Und wer weiß, was ein Foto in Zukunft alles verraten kann. Gesichtserkennungssoftware funktioniert schon jetzt immer besser, Personen können anhand ihres Bildes blitzschnell identifiziert werden. Stellen wir uns vor, in 20 Jahren könnte Henris Arbeitgeber auf das Foto in der Badewanne stoßen. Oder was ist, wenn ein aufdringlicher Verehrer einem Mädchen nachspürt und von ihr ein Foto im Netz entdeckt, auf dem es als kleines Kind auf der Toilette zu sehen ist?

Als ich auf Instagram übrigens gerade nach dem Stichwort Windel suchte, bin ich auf einen Mann gestoßen, der seiner behaarten Beine zufolge ziemlich erwachsen war. Der Typ hat sich selbst eine Windel angezogen, sie vollgemacht, sich damit fotografiert und die Fotos gepostet. Solche Freaks sind auf Instagram unterwegs. Sie können die Fotos des kleinen Henri oder des Mädchens auf der Toilette ebenso sehen wie Pädophile oder Kinderhasser. Und der Pädophile wiederum könnte sich das Foto des Mädchens ausdrucken und sich darauf einen runterholen.

Also bitte liebe Eltern, hören Sie doch auf damit.

Pro

Torsten Beeck

Meine Kinder stelle ich immer noch selbst ins Netz

Foto: Lisa Meinen

Kleinkinder bekommen zum ersten Geburtstag Ohrlöcher gestochen, wenn sie verschnupft sind, gibt es homöopathische Wunderkugeln und wer am Wochenende mal Ruhe braucht, setzt die Quälgeister einfach vor das Netflix-Abspielgerät und bestellt eine Pizza, Eis und Cola, dann sind die Kleinen ein paar Stunden still. Das macht doch jeder Mal, das müssen die Eltern eben entscheiden. Doch diese elterliche Entscheidungsfreiheit hat eine Grenze und die liegt nicht etwa bei Schlägen oder sonstigen Misshandlungen. Für die datenschutzbesessenen Deutschen heißt die rote Linie: Facebook-Foto!

Die Polizei warnt (auf Facebook) vor Kinderbildern im Netz, das Kinderhilfswerk startete unlängst eine Kampagne unter dem Hashtag #ErstDenkenDannPosten, die auf die Gefahren von Kinderfotos im Internet aufmerksam machen soll. Grundsätzlich ist "erst denken" ja eine durchaus nachahmenswerte Handlungsempfehlung, aber muss sich wirklich die Polizei in unser Leben einmischen, wenn wir noch nicht einmal etwas Verbotenes tun?

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Lebt mit dem Kontrollverlust

Das Hauptargument der Befürworter einer generellen Kinderfoto-Abstinenz im Netz lautet: Ist ein Foto erstmal im Internet, dann kann alles damit passieren. Und was soll man sagen, es stimmt mehr oder weniger. Es gibt einen gewissen Kontrollverlust, den selbst sinnvolle Privatsphäreeinstellungen nicht stoppen. Theoretisch können wahnsinnig schlimme Dinge passieren, die man sich als Vater nicht einmal vorstellen möchte - genau wie in der Welt außerhalb von Facebook und Instagram. Da könnte nämlich jeder meine Familie auf dem Spielplatz fotografieren oder am Strand, nur mit einem Sonnenhut bekleidet. Und man glaubt es kaum, das passiert tatsächlich.

Die deutsche Google-Suche liefert für die Phrase "heimlich gefilmt strand nackt" 133.000 Treffer. Auf den meisten Bildern sind glücklicherweise keine Kinder zu sehen, man muss nach dem Ausprobieren trotzdem den Browser desinfizieren und es sei hiermit davon abgeraten, es am Arbeitsplatz zu versuchen. Für die Betroffenen ist dies, wenn sie es denn überhaupt mitbekommen, vermutlich höchst unangenehm, vielleicht sogar traumatisch, aber ein generelles Badeverbot am Mittelmeer hat die Polizei immerhin noch nicht gefordert.

Wir haben es vor allem mit digitalen Pseudo-Ängsten zu tun: Als 2010 der Google-Dienst "Street View" in Deutschland startete und Häuserfassaden für Jedermann ins Netz stellte, befürchteten die deutschen Privatsphäre-Extremisten, den Anstieg von Einbrüchen, da jetzt digitale Räuberbanden im Internet die attraktivsten Adressen auskundschaften konnten.

Doch eine Verbrechenswelle blieb aus, so wie vermutlich mehr als 50 Millionen Instagram-Fotos, die mit den Schlagworten "Kids" und "Kinder" versehen sind, nicht die Zahl der Kindesentführungen ansteigen lassen werden. Die häufigste unnatürliche Todesursache von Kindern zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr ist, so die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), das Ertrinken. Ein Schwimmkurs für die Jüngsten schützt Kinder also deutlich effektiver vor Unheil als ein Grundkurs "Facebook-Fotos" für die Eltern, die Bilder ihrer speckbackigen Kleinkinder teilen.

Digitale Kompetenz erwerben und Kinder einbeziehen

Was im Rahmen der Diskussion ernst genommen werden sollte, sind vor allem die eigenen Kinder. Die verstehen schnell, was es heißt, dass ein Foto "gepostet" wird und legen gegebenenfalls auch ihr Veto ein. Meine Kinder sind ein wichtiger Teil meines Lebens und ich bin der stolzeste Vater, deshalb werde ich auch so lange Fotos mit meinen "Freunden" teilen, bis meine Töchter vielleicht irgendwann sagen, dass es sie nervt oder es ihnen unangenehm ist.

Kinder aus der digitalen Welt auszublenden, schützt sie nicht, denn spätestens, wenn sie das erste Smartphone in der Hand haben, werden sie Selfies an Freunde schicken und die Nächte durch mit der besten Freunde Nachrichten schreiben. Das ist eben auch ein Teil der Realität, mit der sie nur erlernen können umzugehen, wenn sie Vorbilder haben, die die Probleme damit kennen und thematisieren.

Wer seine Kinder respektvoll behandelt, wird ohnehin nicht Fotos veröffentlichen, die sie lächerlich machen oder die ihnen zukünftig unangenehm sein könnten. Und wenn das doch passiert: je besser man die Plattformen und deren Funktionalitäten versteht, desto eher verschwindet so ein Foto - auch nach Jahren - wieder aus dem Netz. Einiges vergisst das Internet dann eben doch.

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