Prozess gegen Hochstaplerin Falsche Lehrerin fälschte auch ihr Abiturzeugnis

Jahrzehntelang arbeitete eine Frau in mehreren Bundesländern als Lehrerin - ohne entsprechende Qualifikation. Sie hatte ihre Staatsexamina gefälscht. Jetzt gestand die 50-Jährige vor Gericht: Sogar ihr Abiturzeugnis ist nicht echt.

Amtsgericht Kiel: Angeklagte fälschte mehr als 20 amtliche Stempel
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Amtsgericht Kiel: Angeklagte fälschte mehr als 20 amtliche Stempel


Sie fälschte laut eigener Aussage mehr als 20 amtliche Stempel, um ihre angeblichen Staatsexamina und andere Urkunden echt aussehen zu lassen: Eine heute 50-jährige Frau aus Wismar muss sich wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Urkundenfälschung vor Gericht verantworten.

Sie hatte seit Anfang der Neunziger jahrzehntelang als Lehrerin in mehreren Bundesländern gearbeitet - obwohl sie offenbar nicht einmal die Reifeprüfung abgelegt hat. Selbst das Abiturzeugnis habe sie gefälscht, gestand sie am Mittwoch vor dem Kieler Amtsgericht. Auch die Examenszeugnisse, nach denen sie ihre Prüfungen an einer Universität in Nordrhein-Westfalen absolviert hatte, waren gefälscht. Sogar eine Promotion hatte sie vorgetäuscht.

Für die Fälschungen ließ sie sich Stempel mit Insignien verschiedener westdeutscher Hochschulen und Prüfungsämter, der Deutschen Schule in Brüssel und einer Rechtsanwaltskanzlei aus Neuruppin anfertigen, wie die Angeklagte bestätigte.

Zudem räumte die Frau ein, dass sie bereits an ihrer ersten Station als Lehrerin in Wolgast, Mecklenburg-Vorpommern, wegen falscher Papiere auffiel. Von dort wechselte sie dann nach Brandenburg und weiter nach Berlin, bevor sie 2008 in Mölln, Schleswig-Holstein und später noch einmal in Mecklenburg-Vorpommern als Studienrätin tätig wurde.

Die Frau, die jahrzehntelang Behörden, Vorgesetzte, Kollegen, Eltern und Schüler täuschte, hatte an einem früheren Prozesstag bereits unter Tränen um Entschuldigung gebeten und gesagt, sie habe nach der Wende kaum Chancen auf eine Anstellung gehabt. "Es war eine Zeit, in der Vergangenheiten gelöscht wurden. So war es auch bei mir." Sie habe schon seit ihrer Kindheit Lehrerin werden wollen, sagte sie.

Keinerlei Anzeichen für psychische Erkrankungen

Ein psychiatrischer Sachverständiger bescheinigte der Angeklagten volle Schuldfähigkeit. Er sehe keinerlei Anzeichen für psychische Erkrankungen, sagte der Facharzt. Die Frau habe aber "irgendwann aus ihrem Lügengebilde nicht mehr aussteigen können und immer Angst gehabt, dass sie auffliege". Der Experte beschrieb das Verhalten der Angeklagten als wach, aber nicht offen. "Sie wusste, dass sie immer auf der Hut sein und ihre Lebensläufe an die jeweiligen Anforderungen anpassen musste."

Das Urteil wird Mitte Juni erwartet. Möglicherweise kommen hohe Zahlungen auf die Frau zu, weil sie Beamtenbezüge bekommen hat: Mehrere Bundesländer fordern deshalb Rückzahlungen. Nach eigenen Angaben stottert die derzeit arbeitslose Frau eine Rückzahlungsforderung aus Berlin in Höhe von 70.000 Euro mit monatlich 25 Euro ab.

Das Land Schleswig-Holstein reduzierte derweil freiwillig die Rückzahlungsforderungen. Nach Aufhebung des Beamtenstatus hätte die falsche Lehrerin ursprünglich 222.000 Euro zurückzahlen müssen; diese Forderungen seien auf 133.000 Euro reduziert worden, sagte ein Mitarbeiter des Finanzverwaltungsamts am Mittwoch vor Gericht.

Falsche Lehrerin wirkte in Prüfungen überfordert

Den jetzigen Prozess hatte ein Schulleiter in Mölln in Gang gebracht, wo die Frau von 2008 bis Ende 2012 am Marion-Dönhoff-Gymnasium tätig war. Ihm war die Diskrepanz zwischen den guten Examensnoten der Frau und ihrer Arbeit an der Schule aufgefallen.

Eine damalige Kollegin berichtete der Wochenzeitung "Die Zeit" davon, dass die Frau als Protokollantin während einer mündlichen Abiturprüfung im Fach Politik völlig überfordert gewirkt habe. So habe die angebliche Politik-Lehrerin die Grundprinzipien des Sozialstaates nicht erklären können, auch Nato-Strategien habe sie nicht gekannt.

"Alle wussten, dass mit der Frau irgendetwas nicht stimmt. Und wir haben immer gewitzelt, wo sie wohl ihr Examen gewonnen hat", sagte die ehemalige Kollegin. Der Möllner Schulleiter ließ ihre Akten prüfen. Ende 2012 wurde die Frau suspendiert, Anfang 2013 aus dem Beamtenverhältnis entlassen.

Kurz darauf gelang es ihr jedoch, in Mecklenburg-Vorpommern als Lehrerin erneut angestellt zu werden. Die Staatsanwaltschaft Kiel wandte sich schließlich in ihren Ermittlungen an das Bildungsministerium in Schwerin. Erst daraufhin wurde die Hochstaplerin auch an ihrer neuen - und letzten - Schule zur Rede gestellt und fristlos entlassen. Was davor lag, sei verjährt, hatte die Kieler Oberstaatsanwältin Birgit Heß bereits zu Prozessbeginn im Januar 2014 gesagt.

lgr/Karen Katzke/dpa



insgesamt 67 Beiträge
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axel_roland 03.06.2015
1. erschreckend, dass sich jemand so lange durchmogeln kann
...andererseits: Wir hatten früher auch einige Lehrer, bei denen man sicher war, dass sie besser einen anderen Beruf hätten lernen sollen - egal ob sie eine legitime Qualifikation vorzuweisen hatten oder nicht.
Abel Frühstück 03.06.2015
2.
Lustig. Solche Lehrer hatte ich auch. Weiß aber nicht, ob mit deren Examenspapieren was nicht stimmte.
karlsiegfried 03.06.2015
3. Wenn ein Politiker, ausgestattet ...
nur mit einer grossen Klappe und ohne Abitur und ohne Studium und nur seiner Machtsucht und Raffgier folgend in den Bundeswehr gewählt werden kann, muss das mit der Lehrerein doch wohl nicht so schlimm sein. Was sagen eigentlich die von ihr unterrichteten Kinder dazu?
claterio 03.06.2015
4.
Interessant zu wissen, dass man in Deutschland jeden Betrug gegenüber Schulbehörden theoretisch bis zu 16 mal durchziehen kann, weil die einzelnen Bundesländer kommunikativ auf verschiedenen Planeten liegen.
rickmarten 03.06.2015
5. Sagt doch sehr viel
Offensichtlich ist es in den Schwafelfächern völlig unerheblich, ob man studiert hat. Das die Frau selbst die einfachen Vorgaben nicht zu googeln wusste, sagt ja sehr viel über das niedrige Niveau. In Deutschland kann doch jeder über alles mitquasseln.
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