Fliegendes Klassenzimmer Zwischen Ozonschicht und Erde

Tote Bäume und ein riesiges Kernkraftwerk: Bayerische Sechstklässler haben ein Modell einer völlig verpesteten Stadt gebastelt und damit einen Wettbewerb gewonnen. Ihr Preis: ausgerechnet ein Flug über Deutschland in einer Verkehrsmaschine.


Ozonlöcher zum Reinschauen: Der siegreiche Beitrag der 6b aus Gersthofen
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Ozonlöcher zum Reinschauen: Der siegreiche Beitrag der 6b aus Gersthofen

Als sich am späteren Sonntagabend die Verkehrspolitiker der Nation bei Sabine Christiansen versammelten, um über die Expansion sowohl der Billigflieger als auch des Ozonlochs zu zanken, schliefen die Schüler der Klasse 6b des Paul-Klee-Gymnasiums längst den Schlaf der Gerechten. Schließlich mussten die Kids aus dem bayerischen Gersthofen am nächsten Morgen um acht Uhr pünktlich ihren Flieger erwischen.

Die Schulklasse hatte den ersten Platz im Wettbewerb "Die Erde von oben sehen" gewonnen, zu dessen Ausrichtern namhafte Unternehmen wie Apple, Coca Cola und das ZDF zählen. Sie hatten sich kreative Arbeiten zum Wettbewerbsthema erbeten und mit einem fliegenden Klassenzimmer gelockt: Für heute gehört eine Linienmaschine der Fluggesellschaft dba ganz allein den jungen Gymnasiasten. Sie fliegen von München nach Hamburg und retour, betrachten die Erde aus der Vogelperspektive und hören aus Pilotenmund weit mehr als nur die üblichen "Informationen zum Reiseverlauf".

"Beeindruckendes Abstraktionsvermögen"

Fly dba - diese Maxime sollen möglichst auch die jungen Gymnasiasten verinnerlichen

Fly dba - diese Maxime sollen möglichst auch die jungen Gymnasiasten verinnerlichen

Der ganze Flug war ausgebucht für die Preisträger, Organsiatoren und die begleitenden Journalisten. Die Reise fand statt, obwohl die Kids gerade mit ihrem Umweltbewusstsein gepunktet hatten: "Belastete Erde unter löchriger Ozonschicht" nannten die Fünftklässler ihr selbstgebasteltes Modell einer dreckigen Stadt, in der das Atomkraftwerk über allem thront und die Bäume eingegangen sind. Eine Ozonschicht aus Filz, mit erschreckend großen Gucklöchern darin, hatten die Sextaner als Halbkugel darüber gespannt.

Die Jury aus den beteiligten Sponsoren erkor den Beitrag aus 250 Einsendungen zum Sieger und lobte das "beeindruckende Abstraktionsvermögen" und die "Perfektion" der Arbeit. Über ein gerüttelt Maß an Abstraktionsvermögen verfügen offenbar auch die Juroren. Wenigstens erscheint ihnen ausgerechnet ein Flug zwischen Erde und Ozonschicht als angemessene Belohnung für den Ökopessimismus der Gymnasiasten.

180 Schulklassen und 70 einzelne Schüler beteiligten sich an dem Wettbewerb rund ums Fliegen
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180 Schulklassen und 70 einzelne Schüler beteiligten sich an dem Wettbewerb rund ums Fliegen

Am Hamburger Airport konnten die besorgten Schüler freilich rasch feststellen, dass halbleere Linienflüge der Alltag über deutschem Boden sind. Und ihr Gewissen dürfen die Sieger des Wettbewerbs auch an Bord beruhigen: Dort wurde extra eine Lektion über "Umweltschutz im Flugverkehr" eingeplant.

Andreas Ross



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