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Kraftausdrücke in Europa: Deine Schwester und deine Mutter

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Fluchende Europäer "Ich fühl mich hodig"

Wenn Russen und Holländer fluchen, wird es sexuell. Deutsche und Österreicher hingegen setzen auf Fäkalien. Im Interview erklärt der Sprachforscher Hans-Martin Gauger, warum Verbalattacken eine Männerdomäne sind - und was das mit Latein zu tun hat.

SPIEGEL: Sie haben für Ihr neues Buch  untersucht, wie die Deutschen im Vergleich zum übrigen Europa schimpfen, beleidigen und fluchen. Mit welchem Ergebnis?

Gauger: Nun, alle Sprachen um uns herum, von den Portugiesen im Westen bis zu den Türken und Russen im Osten, ziehen hierzu vorherrschend Sexuelles heran. Dies tun die Deutschen so gut wie gar nicht. Wir schimpfen, beleidigen oder fluchen exkrementell. Statt exkrementell kann man auch fäkalisch oder, mit Sigmund Freud, anal sagen. Wir sind, auf Deutsch gesagt, klar und beharrlich auf der Scheiße-Linie.

SPIEGEL: Durchläuft eine unsichtbare Grenze zwischen Kerneuropa und Peripherie den Kontinent?

Gauger: Es ist eher ein deutscher Sonderweg, präziser einer der Deutschsprachigen, denn in diesem Punkt sind Schweizer und Österreicher sehr deutsch. Schon die uns, auch sprachlich, so nahen Holländer sagen nicht "Es geht mir beschissen", sondern "Ik voel me klote", also tatsächlich etwas wie "Ich fühl mich hodig". Mit Bezug aufs weibliche Organ heißt es "Ik voel me kut".

SPIEGEL: Warum sind die Deutschen so auf Ausscheidungen fixiert?

Gauger: Am Protestantismus kann es nicht liegen, dagegen spricht neben den Niederländern auch die britische Vorliebe für sexuelles Vokabular. Ein US-Wissenschaftler hat den Deutschen unterstellt, sie seien entwicklungspsychologisch in der analen Phase stecken geblieben. Aber das halte ich für böswillig, genau wie die Hypothese, die Deutschen kompensierten so ihren Reinheitswahn.

SPIEGEL: Also?

Gauger: Ich habe lediglich eine linguistische Erklärung anzubieten: Die Sprecher haben im frühen Mittelalter diese Fährte verfolgt und erweitert, den Anklang ans Sexuelle hingegen nicht.

SPIEGEL: Geschlechtliches derb zu benennen, ist dem Deutschen nicht fremd...

Gauger: Nein, das wird üblicher, wobei das Zeitwort "ficken" älteren Menschen wie mir besonders schwer über die Lippen geht. "Die haben uns heute schwer gefickt", daneben stand früher im Duden "Bundeswehr", heute "Jugendsprache". Wir befinden uns, um die historische Analyse fortzusetzen, derzeit auf einem Weg nach Westen und nach Osten zugleich, wir passen uns dem Rest der Welt an.

SPIEGEL: Ist es denn eine zivilisatorische Errungenschaft, mit sexuellem Vokabular ausfällig zu werden?

Gauger: Jedenfalls ist es vielfältiger, weil sexuelle Ausdrücke sowohl Negatives als auch Positives bezeichnen können. Das Exkrementelle steht immer für etwas Unerfreuliches, es ist eindeutig. Wir Deutschen betrachten es deshalb als uns angemessen, als ehrlich und direkt, ablesbar an Redewendungen wie "Auf gut Deutsch gesagt, das ist mir scheißegal". "To say it in English" oder "Para decirlo en español" zum Beispiel werden so keineswegs verwendet...

SPIEGEL: Tumbe Teutonen gegen den erotisierten Rest Europas?

Gauger: Na ja, man könnte uns immerhin zugute halten, dass wir weniger frauenfeindlich sind, denn wir fluchen und schimpfen auf unserer tumben Scheiße-Linie geschlechtsneutral. Sexuelle Ausdrücke jedoch werten fast immer das Weibliche ab. Zum Beispiel beim französischen "con", ein Wort das ja eigentlich das weibliche Organ bezeichnet und mittlerweile schon gar nicht mehr vulgär, sondern bloß noch familiär so viel besagt wie "dumm, blöd, ungeschickt". Das italienische "cazzo", der vulgäre Ausdruck für das männliche Glied, ist da eine bemerkenswerte Ausnahme, denn der Ausruf "Che cazzo!" heißt soviel wie "So was Doofes!"

SPIEGEL: Ein Ausspruch weiblicher Provenienz?

Gauger: Kaum. Die Vulgärsprache gibt immer die männliche Sicht wieder. Überhaupt sind unsere Sprachen männerbestimmt. Frauen holen nur insofern auf, als sie jetzt vielfach diese Männerausdrücke übernehmen - als Einbruch in etwas ihnen Vorenthaltenes und Zeichen von Emanzipation. Wenn beschimpft wird, dienen Frauen meist als Objekte, um Männer zu kränken, etwa in der Spielart der Familienbeleidigung.

SPIEGEL: Was ist das?

Gauger: Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 provozierte der italienische Verteidiger Marco Materazzi den französischen Star Zinédine Zidane zu einem Kopfstoß. Der vorausgegangene Wortwechsel lief so: Zidane sagte dem Gegenspieler, der ihn am Trikot gehalten hatte: "Wenn dir mein Hemd so gut gefällt, kannst du es nachher haben." Daraufhin der Italiener: "Ich ziehe deine Schwester, die Nutte, vor."

SPIEGEL: Schockierend. Was hat die Schwester damit zu tun?

Gauger: Schockierend - das finden wir. Materazzi aber meinte hinterher, er habe doch nur gesagt, was jedem in so einer Situation als allererstes einfalle. Und dazu gehört im Italienischen, aber beileibe nicht nur da, der beleidigende Wunsch, über die Schwester sexuell verfügen zu können, deren Schutz dem Bruder obliegt. Es hätte, noch schockierender für uns, auch die Mutter sein können. Ein deutscher Spieler hätte sich wohl mit einem direkten von Mann zu Mann gehenden "Du Arschloch" begnügt.

SPIEGEL: Wie halten Sie es nach Jahren wissenschaftlicher Beschäftigung selbst mit dem Vulgären?

Gauger: Ich beschreibe ja nur, spiele nicht mit. Und zur Beschreibung gehört, dass es in den deutschsprachigen Ländern ab einem gewissen Bildungsniveau nicht üblich ist, zotig daherzureden. Anders als etwa in Spanien, wo zum Beispiel Professoren unter sich, wenn keine Frauen in der Nähe sind, sehr derb werden können. Die Art von Ausdrücken heißt "tacos", was eigentlich Dübel oder Pflöcke bedeutet - klares Phallussymbol.

SPIEGEL: Wird unsere Alltagssprache immer vulgärer?

Gauger: Der Eindruck drängt sich auf, wenn man Talkshows ansieht oder Interneteinträge liest. Ich bin da vorsichtig. Die römischen Soldaten zum Beispiel haben sicher vieles gesagt, das eben nicht aufgeschrieben wurde. Das Vulgäre gehört zum Alltag.

Deutsche fluchen und lästern immer fäkal? Nicht nur: "Deine Mudder liest SPIEGEL ONLINE" und viele weitere Verbalinjurien, die die wichtigste Frau im Leben eines Mannes verunglimpfen, gibt es hier: in der Sammlung der besten Mudder-Sprüche.


Hans-Martin Gauger: "Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache". Verlag C.H. Beck; München; 16,95 Euro gibt es hier im SPEGEL-Shop  .

Das Interview führte Jan Friedmann

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