Flüchtling Moghim, 18 "Der Präsident will doch, dass ich bleibe"

Vor drei Jahren flüchtete Moghim Mohammed von Afghanistan nach Deutschland. Die Eltern sind tot, der Onkel droht mit Blutrache. Als der 18-Jährige seine Geschichte aufschrieb, bekam er einen Preis. Bundespräsident Köhler gratulierte ihm - trotzdem soll Moghim gehen.

Von Antonia Götsch


Wer Moghim Mohammed Rahmati, 18, an einem guten Tag kennenlernt, kann sich kaum vorstellen, dass es auch die anderen Tage gibt. Moghim kann mit den Augen lachen - wirklich. Er erzählt lustige Anekdoten, spricht voller Enthusiasmus über die Demokratie, schimpft auf den Krieg. Moghim ist so lebhaft, dass sich die Menschen im Café in Flensburg nach ihm umdrehen.

Dieser Mittwoch ist ein guter Tag. Sein Vormund hat gesagt: "Du wirst auf jeden Fall in Deutschland bleiben, wir haben gute Chancen." Und heute glaubt er Christiane Boysen-Honsel, der Frau, die sich um ihn kümmert, die er "Mother" nennt. Aber es gibt auch die anderen Tage, an denen "Mother" Moghim steif vor Angst im Bett findet. Und es gibt die Nächte, in denen er jede halbe Stunde aufwacht.

"Ich bin ein Kriegskind", so beginnt Moghim seine Lebensgeschichte, mit der er beim Anne-Frank-Wettbewerb den ersten Preis gewonnen hat. 1400 Bewerber hatten zum Thema "Kriegskinder" aufwändige Manuskripte und Videos eingeschickt. Moghim steckte drei Blatt handbeschriebenes Papier in den Briefkasten. Die Geschichte eines Jungen aus Kabul - für deutsche Ohren klingt sie unvorstellbar: "Meine beiden kleinen Geschwister wurden von einer Rakete zerfetzt", schreibt er, sein Vater starb bei einer Explosion.

Dann flüchten Moghim, eine Schwester und seine Mutter nach Pakistan. Die Brüder seines Vaters übernehmen ihr Haus und Land. Als Moghim den Familienbesitz zurückfordert, kommt es zum Familienkrieg. Der Onkel droht Moghim: "Ich bringe dich um." Da ist Moghim 15 und flieht. In drei Monaten bringen Schlepper ihn und andere Flüchtlinge zu Fuß und mit Autos über die Grenzen, manchmal gibt es vier Tage lang nichts zu essen. "Es fällt mir schwer, mich zu erinnern", sagt Moghim. Er bekommt Kopfschmerzen, wenn er an früher denkt.

Moghim muss in Flensburg bleiben

Moghims Erzählung rührt die Jury. Bei der Preisverleihung schüttelt ihm Bundespräsident Horst Köhler die Hand. Doch zur Eröffnung der "Kriegskinder"-Ausstellung darf Moghim nicht nach Berlin reisen. Er ist auf Widerruf in Deutschland, bis das Verwaltungsgericht über seine Klage gegen den abgelehnten Asylantrag entschieden hat. Am 18. Geburtstag im April hat er die Duldung verloren, den schwächsten aller Aufenthaltstitel. Er darf seinen Wohnort Flensburg nicht verlassen.

Asyl bekommen politische Flüchtlinge - bei weitem nicht alle. Für Kinder und Jugendliche gibt es keine Sonderregelungen; von 319 Asylanträgen bundesweit wurden im letzten Jahr zwei genehmigt (siehe Kasten).

"Der Präsident hat doch gesagt, er will, dass ich bleibe", sagt Moghim und klingt, als hätte ihn ein guter Freund enttäuscht. "Mother" verteidigt Köhler: Er habe einen Brief an den Innenminister von Schleswig-Holstein geschickt und gebeten, den Fall "genau zu prüfen" - das sei schon sehr viel. Moghim versteht nichts von Diplomatie.

Im September soll eine Härtefallkommission entscheiden, ob Moghim bleiben darf. Flensburgs Bürgermeister ist dafür, "wegen der menschlichen Aspekte", die Pröbstin auch. Ein Amtsarzt hat gerade bescheinigt, dass der 18-Jährige typische Trauma-Symptome aufweist: Verspannungen im Nacken und Rücken, sein Untergewicht, die Schlafstörungen. Er empfiehlt, den Jungen nicht abzuschieben; in Afghanistan sei eine Behandlung derzeit unmöglich.

In seinem Zimmer im Asylbewerberheim hat Moghim ein Bild von der Preisverleihung aufgehängt: sechsmal er und Köhler, am Computer zu einer Collage zusammengefügt. Daneben hängen zwei Deutschlandfahnen aus Papier. Sechs Quadratmeter am öden Stadtrand von Flensburg, ganz am Ende eines Sandweges, 15 Minuten Fußweg zur nächsten Bushaltestelle. Gleich neben dem Flachbau laufen die Schienen der Bahnstrecke entlang, gegenüber schlafen Obdachlose in einer Notunterkunft. Ein Zug rauscht vorbei, die Möbel zittern.

Zum Geburtstag kamen Polizisten

Als Moghim in Deutschland angekommen war, wurde er in ein Kinderheim eingewiesen. Er bekommt ein eigenes Zimmer, warme Mahlzeiten, darf in die Schule. Der Junge aus Afghanistan denkt, er sei in einem "Traumland" gestrandet. Die Erzieherinnen sind nett.

Dann hat er Geburtstag. Mit 16 ist die Kindheit für Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, vorbei. Fünf Monate nach seiner Ankunft muss Moghim aus dem Kinderheim ausziehen.

Polizisten bringen ihn ins Asylbewerberwohnheim, wo er sich das Zimmer zunächst mit einem Trinker teilt. Auch draußen vor der Tür lärmen jede Nacht Besoffene. "Drogenverkauf, Kriminalität - es ist ganz schön schwer, sich da rauszuhalten." Behördengänge, Formulare - Moghim weiß nicht, was man als Flüchtling in Deutschland tun muss. Der Zimmernachbar sagt ihm: Du musst jeden Tag um 17 Uhr im Heim sein, Stempel holen, sonst ziehen sie dir sieben Euro ab. Bei 180 Euro im Monat ist das viel Geld.

Mit 16 ist Moghim überfordert, verängstigt, depressiv. So habe sie ihn kennengelernt, erzählt Christiane Boysen-Honsel. Der Verein "lifeline" hat sie als Vormund vermittelt. "Mother" macht das, was deutsche Behörden nicht leisten können oder wollen: Sie hilft Moghim mit Anträgen, erklärt ihm Gesetze und kümmert sich um einen Deutschkurs. Noch wichtiger: Es gibt wieder jemanden, auf den sich Moghim verlassen kann.

Seit einem Jahr verbringt Moghim die Wochenenden regelmäßig im "Honsel-Haus". "Da ist es schön", sagt er. Und so, wie er das sagt, ist klar, dass er sein "Traumland" wiedergefunden hat. Es gibt viele Zimmer und einen Garten mit Pool. Nanning, sein 13-jähriger Freund und Beinahe-Bruder, bringt ihm das Schwimmen bei.

"Ich würde Deutschland nicht auf der Tasche liegen"

Moghim ist bei den Honsels wieder lebendig geworden, er hängt an "Mother", sucht beim Treffen im Café immer wieder ihren Blick. Er hat wieder Träume. Er darf wieder lernen. Erstmal in einer Förderschule für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss - der Direktor hat sich bereiterklärt, ihn aufzunehmen. Eine Schulpflicht besteht für Flüchtlinge über 16 in den meisten Bundesländern nicht.

Der Klassenlehrer mag Moghim, wahrscheinlich hat er selten einen so lernverrückten Jungen erlebt. Auf Moghims Tisch im Asylbewerberwohnheim liegen Deutsch-Lehrbücher und "Englisch für Anfänger". Viele Nachmittage verbringt er in der Stadtbücherei. Auf dem Schreibtisch: "Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland". "Deutschland ist doch jetzt meine Heimat", sagt Moghim. Er hat keine Verwandten oder Bekannten mehr in Afghanistan, nur die Familie seines Vaters, vor der er sich hüten muss.

"Ich will nicht für immer bleiben", sagt der 18-Jährige, als habe jemand dieses Versprechen verlangt. "Aber ich muss erst lernen." Ohne Bildung habe er keine Chance, dem Kreislauf aus Familienstreit und Elend zu entkommen. Er möchte Uno-Botschafter werden. Das hat er sich mit "Mother" an Weihnachten ausgedacht, immerhin spricht er drei arabische Sprachen, Russisch, Deutsch und ein bisschen Englisch. Auf einem Internat bei Münster, das sich speziell um Flüchtlinge kümmert, könnte er sein Abi machen. Das Geld dafür hat eine Stiftung bereits versprochen. "Ich würde Deutschland nicht auf der Tasche liegen", sagt Moghim: "Versteh doch, ich habe immer alles gut gemacht, nie geklaut, keine Drogen."

Es klingt verzweifelt. Moghim kann nicht verstehen, wieso nur Dokumente zählen. Er kann nicht verstehen, warum es so "nette Menschen in Deutschland gibt, die alle helfen" - und so kalte Gesetze.

Als Uno-Botschafter will er den Afghanen die Demokratie erklären, "dass alle Religionen gleichwertig sind und Gewalt keine Lösung ist". Doch am wichtigsten sei Bildung. Davon spricht Moghim immer wieder. Nur kluge Kinder könnten Mord und Rache stoppen.

Seine Lebensgeschichte schließt Moghim mit einem Versprechen: "Ich werde mich nicht an meinem Onkel rächen. Denn dann hätte er gewonnen. Ich will ein guter Mensch werden, ein kluger Kopf mit einem guten Ruf, denn dann hat er verloren."



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