Hamburger Schule Warum Gymnasiasten und Flüchtlinge nicht gemeinsam in die Pause dürfen

Auf dem Gelände eines Hamburger Gymnasiums gehen Flüchtlinge zu anderen Zeiten in die Pause als deutsche Schüler. Der Rektor begründet das mit "Sicherheitsaspekten".

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Es klingelt zur großen Pause am Friedrich-Ebert-Gymnasium, Hamburgs zweitältester Schule. Im imposanten Klinkerbau im Stadtteil Harburg gehen Türen auf, Kinder laufen auf den großen Hof und auf den Kunstrasenplatz, der an die Schule grenzt. Doch der Gong gilt nicht für alle Schüler.

In drei Flüchtlingsklassen, die im blauen Baucontainer in der hintersten Ecke des Schulgeländes untergebracht sind, bleiben die Schüler auf ihren Stühlen sitzen. Sie dürfen erst raus, wenn die Gymnasiasten wieder im Unterricht verschwunden sind.

Im vergangenen Jahr beantragten rund 480.000 Menschen in Deutschland Asyl. Rund jeder dritte Antrag kam von einem Kind oder Jugendlichen unter 18 Jahren. Viele von ihnen werden hier aufwachsen und eine neue Heimat finden. Die Schule ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration - und der Schulhof ein Ort, an dem Flüchtlinge und einheimische Schüler täglich in Kontakt kommen können.

Warum also gelten an einer Schule, die seit vergangenem August Flüchtlingsklassen beherbergt, getrennte Pausenzeiten?

"Da läuft von Anfang an etwas schief"

Viele Schüler, die in der Pause im Nieselregen über den Schulhof laufen, können das nicht verstehen. "Da läuft von Anfang an etwas ganz schief", sagt ein Junge aus der zehnten Klasse. Sein Freund nickt: "Wir hätten gern mehr Kontakt zu den Flüchtlingen."

Zwei Achtklässlerinnen lernen auf einer Bank am Sportplatz für die nächste Stunde. Sie finden es "total bescheuert", dass die Flüchtlingskinder andere Pausenzeiten haben. "In den Pausen könnte man so viel mit ihnen machen." Die Mädchen erzählen, sie hätten den Schulleiter gefragt, warum das so sei. Er habe gesagt, der Schulhof sei dann zu voll.

Schulleiter Volker Kuntze, 63, nennt zuerst einen anderen Grund: "Unsere Lehrer sind für die Kinder nicht zuständig." Sie gehörten alle zur Stadtteilschule Maretstraße und seien nur aus Platzgründen auf dem Gelände des Ebert-Gymnasiums untergebracht.

Deshalb könne seine Pausenaufsicht keine Verantwortung übernehmen, sagt Kuntze. Wenn plötzlich "größere Gruppen von Fremden" über den Schulhof liefen, die vielleicht "andere Vorstellungen von den Abläufen" hätten, dürften seine Kollegen ihnen schließlich nicht sagen, was sie tun und nicht tun dürften.

Im Container werden fünf Klassen mit Flüchtlingen unterrichtet: zwei internationale Vorbereitungsklassen (IVK), die ausländische Kinder in einem Jahr gezielt für den Regelunterricht fit machen sollen, und drei reine Flüchtlingsklassen mit Kindern, die noch in der Zentralen Erstaufnahme untergebracht sind (ZEA-Klassen).

"Sicherheitsaspekte und Gesundheitsschutz"

Im kommenden Schuljahr sollen die Schüler der IVK- und ZEA-Klassen von der Stadtteilschule Maretstraße abgekoppelt und am Ebert-Gymnasium angemeldet werden. Sie sollen aus dem Baucontainer aus- und in den stattlichen Klinkerbau einziehen. Dann dürfen sie dort auch bei AGs mitmachen - und in die Pause gehen, wenn es klingelt.

Vielleicht hätte man zumindest die gemeinsamen Pausen auch schon früher ermöglichen können. Doch die Schulleitung des Ebert-Gymnasiums hat sich bewusst dagegen entschieden. "Wir wollten die Pausen zu unterschiedlichen Zeiten machen", sagt Kuntze. Es gehe dabei auch um "Sicherheitsaspekte und Gesundheitsschutz".

Der Rektor schildert ein Beispiel: Unter den Flüchtlingen seien 16- bis 18-Jährige, "kräftige Jungs". Einer von ihnen könne einen Fußball schießen und einen elfjährigen Gymnasiasten ins Gesicht treffen. "Dann will ich keine Mutter anrufen und ihr sagen, dass ihr Kind im Krankenhaus liegt."

Und wenn die Lehrer aus der Maretstraße, die die IVK- und ZEA-Klassen unterrichten, selbst die Aufsicht übernähmen? Kuntze winkt ab. Dann würde es auf dem Hof "sehr drängelig und sehr voll". Zum Ebert-Gymnasium gehen rund 750 Schüler. Von der Schule Maretstraße sind dort zwischen 60 und 90 Kinder untergebracht.

Es klingelt zur nächsten großen Pause. Unten im blauen Container geht die Tür einer IVK-Klasse auf, rund 15 Kinder laufen hinaus. Ihre Lehrerin sitzt drinnen vor der Tafel und beißt in einen Apfel. Die Schüler der beiden IVK-Klassen machten immer gemeinsam Pause mit den Gymnasiasten, sagt sie. Manchmal gehe ihre Kollegin mit nach draußen, doch sie selbst bleibe meistens hier.

Dass die Pausenaufsicht des Gymnasiums ihre Schüler gar nicht beaufsichtigen dürfte, ist der Pädagogin neu. "Das war mir nicht bekannt", sagt sie. "Wenn das so ist, müssen wir es ändern."

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Derselbe Containerkomplex, eine Tür weiter. Hier lernt eine ZEA-Klasse, also eine reine Flüchtlingsklasse - und hier bleibt das Klassenzimmer tatsächlich zu, wenn es am Gymnasium zur Pause klingelt. Die Schüler fangen morgens erst um halb neun an und gehen entsprechend später in die Pause.

So sei es auch an mehreren anderen Hamburger Schulen, sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde - aus logistischen Gründen. Es müsse schließlich der Transport der Kinder aus den Erstaufnahmen zu den Schulen organisiert werden. Da die Flüchtlingskinder außerdem viel weniger Unterricht in der Woche hätten, sei es nicht nötig, dass sie so früh anfingen.

Die Schulleiterin der Stadtteilschule Maretstraße hat für die getrennten Pausenzeiten eine andere Erklärung als die Schulbehörde - und als Gymnasialrektor Kuntze. In den ZEA-Klassen säßen viele kleinere Kinder, sagt sie. "Es macht Sinn, sie von den älteren Kindern am Gymnasium zu trennen, um ihnen einen Schutzraum zu geben."

In die drei ZEA-Klassen gehen rund 45 Schüler. Sie sind zwischen 6 und 15 Jahre alt und entsprechen kaum dem Bild der "kräftigen Jungs", die Kuntze für ein Sicherheitsrisiko beim Fußballspielen hält.

Elternrat würde gemeinsame Pausen begrüßen

Vor einigen Monaten berichtete der SPIEGEL über eine andere Hamburger Schule, an der ebenfalls Flüchtlingskinder getrennt von den anderen Schülern in die Pause gingen. An der Grundschule "Am Walde" hatten Eltern Stimmung gegen zu viel Miteinander gemacht.

Das Harburger Gymnasium bemühe sich, die Flüchtlinge zu integrieren, sagt der Vorsitzende des Elternrats, Stefan Raid. Er verweist - wie Schulleiter Kuntze - auf gemeinsame Fußballturniere, eine Begrüßungsfeier, gemeinsame Frühstücke, die multikulturelle Indien-AG.

Der Elternrat würde auch gemeinsame Pausenzeiten begrüßen, sagt Raid. Nach den Sommerferien ist es dann endlich so weit.

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