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08. April 2019, 20:46 Uhr

Flüchtlinge aus Venezuela

"Ich schäme mich dafür, wie die Männer mich angucken"

Aus Lima und Cúcuta berichtet

Millionen Venezolaner haben ihr Land wegen der wirtschaftlichen und politischen Krise verlassen. Viele versuchen ihr Glück in Kolumbien oder Peru. Dort stoßen sie auf Vorurteile - wie die zwölfjährige Henderlyn.

Henderlyn Castillo, 12, geht kaum noch vor die Tür. Seit sie mit ihrer Mutter auf der Straße unterwegs war, um Maisfladen zu verkaufen, seit ein Taxifahrer anhielt und fragte, wie viel eine Stunde Sex mit ihr koste, fühlt sie sich unwohl, wenn sie die Unterkunft verlässt. Ihre Mutter beschimpfte den Fahrer mit Worten, die sie nicht wiederholen will. Er fuhr davon. Ekel und Angst blieben.

"Ich schäme mich dafür, wie die Männer mich angucken", sagt Henderlyn.

Mindestens 3,4 Millionen Venezolaner haben ihre Heimat verlassen, die meisten wegen der schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise, die sich seit 2016 extrem verschärft hat. Rund 1,2 Millionen Venezolaner leben im Nachbarland Kolumbien. Mindestens 700.000 sind bis nach Peru gezogen. Henderlyn gehört zu denen, die mehr als 2500 Kilometer hinter sich gebracht haben, mal im Bus, mal per Anhalter, mal zu Fuß.

Sie kamen bis nach Lima. Henderlyn wohnt mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem einjährigen Halbbruder Dilan in einer Unterkunft des katholischen Scalabrini-Ordens, der sich weltweit für Migranten einsetzt. Dem Nahrungsmangel, den Stromausfällen, den politischen Unruhen und der hohen Kriminalitätsrate sind sie entkommen.

Dafür leiden sie nun unter Stigmatisierung. Die Regierung von Peru propagiert - wie die meisten anderen Staaten in der Region - zwar offiziell eine Willkommenskultur. Doch im Alltag haften besonders Mädchen und jungen Frauen aus Venezuela unangenehme Klischees an.

"Sie nennen uns Venecas", sagt Henderlyn. Das Wort steht für Venezolanerinnen und ist beleidigend. Es kommt aus Kolumbien und zog mit den Flüchtlingen nach Süden. Inzwischen benutzen es Menschen in Ecuador, in Peru, selbst in Brasilien.

"Sie wollen nur dein Geld"

Venezolanerinnen haben nicht nur in Lateinamerika den Ruf, besonders hübsch zu sein. Schon 13 Mal hat eine Venezolanerin die Wahlen zur Miss World oder zur Miss Universe gewonnen - weit öfter als alle anderen südamerikanischen Länder zusammen.

Nun, da sie ihre Heimat, ihre Jobs und ihren Besitz zurückgelassen haben und als Flüchtlinge in ihren Gastländern auf die unterste Stufe der sozialen Leiter gerutscht sind, bringt ihnen dieser Ruf jedoch keinen Respekt ein, im Gegenteil. Sehr viele Venezolanerinnen berichten davon, dass ihnen Vorurteile entgegenschlagen: Venecas verkauften ihre Körper, Venecas seien leicht zu haben.

Manchmal treten diese Klischees besonders deutlich zutage. So veröffentlichte die peruanische Musikgruppe Son de Tambito im März einen Song auf YouTube, in dem die beiden Sängerinnen Männer vor den "Venecas" warnen. "Sie wollen nur dein Geld", heißt es darin.

Umfragen deuten ebenfalls darauf hin, dass die Diskriminierung steigt. Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR haben in den vergangenen Wochen Hunderte Venezolaner in Peru und Kolumbien interviewt. In beiden Ländern fühlen sich demnach rund sechs von zehn diskriminiert, die meisten wegen ihrer Nationalität. Das UNHCR hat deshalb Kampagnen gegen Fremdenfeindlichkeit gestartet.

Henderlyn sitzt auf der oberen Etage ihres Stockbetts, ihre nackten Füße baumeln über den Rand. Sie ist zierlich, ihre Haare sind lang und dunkel. Sie trägt ein Muttermal auf der Stupsnase und eins unter dem linken Auge. Wenn sie sich ein Smartphone ausleihen kann, um darauf Musik zu hören, singt sie leise dazu.

Zuerst nahm die Krise in Venezuela ihr die Mutter. Als Henderlyns kleiner Bruder Dilan krank wurde und die Familie nicht an Medikamente kam, ging sie mit dem Baby und mit ihrem neuen Mann nach Kolumbien. Das war im vergangenen Mai. Henderlyn blieb bei ihrer Oma und ihrem Vater. "Meine Mama hat mir erklärt, dass das Geld nicht reicht, um mich mitzunehmen", sagt das Mädchen.

Fünf Monate später nahm die Krise ihr den Vater. Es sollte ihr erster Tag in der weiterführenden Schule werden. Henderlyn packte morgens ihren Rucksack. Dann kam ein Anruf: Ihr Vater war auf dem Weg zum Supermarkt, wo er arbeitete, überfallen und getötet worden. Die Täter stahlen sein Moped. Henderlyn fuhr mit ihrer Oma ins Krankenhaus. Man fragte sie, ob sie sich die Leiche anschauen wolle. "Ich konnte nicht", sagt das Mädchen leise. Tränen füllen seine Augen.

Weiter nach Süden

Henderlyns Mutter kam neun Tage später zurück, um sie zu holen. Sie gingen nicht wieder nach Bogotá, wo die Mutter tagsüber Empanadas, Kaffee und Zigarren auf der Straße verkauft und nachts mit Mann und Sohn in einem Zimmer geschlafen hatte, vor dessen kaputter Tür Männer mit Drogen handelten. Die Familie zog tagelang weiter nach Süden, durch Ecuador bis nach Peru.

Dank eines Freundes kamen sie schließlich in einer kleinen Oase unter: Die Casa Scalabrini in Lima war vor einem Jahr noch ein Zufluchtsort für Nonnen, die sich dem geschäftigen Alltag entziehen wollten. Die Mauern sind hoch, das metallene Eingangstor hat einen stabilen Riegel, und ein Pförtner prüft, wer ein- und ausgeht.

Im Innenhof steht eine Statue der Muttergottes zwischen ordentlich gestutzten Büschen. Bis zu 90 Migranten, die meisten aus Venezuela, nutzen gemeinsam eine Küche, einen Aufenthaltsraum, einen Computerraum, eine Kapelle und saubere Mehrbettzimmer, getrennt nach Frauen und Männern. Die Kosten teilen sich das UNHCR, die Internationale Organisation für Migration und die peruanische Bischofskonferenz.

Ein Fach im Kleiderschrank

Henderlyn teilt sich ein Zimmer mit Mutter, Bruder, zwei weiteren Frauen und einem Mädchen. Sie hat ein Fach im Schrank, in das sie ihre wenigen Kleider legen kann. Ein Foto von ihr und ihrem Vater steht vor dem Stapel, ihre Großmutter hat es ihr zum Abschied gegeben.

Henderlyn würde gern zur Schule gehen, und eigentlich gewährt ihr der peruanische Staat auch ein Recht auf kostenlose Bildung, unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Aber es ist nicht so einfach. Sie braucht einen festen Wohnsitz, um sich einzuschreiben, und sie muss den Beginn des Schuljahres abwarten.

Nach Angaben des UNHCR ist nur jedes dritte venezolanische Kind offiziell in einer peruanischen Schule registriert. Wenn die Schulleitung es erlaubt, darf Henderlyn allerdings auch ohne Anmeldung am Unterricht teilnehmen.

Ihre Mutter hat schon zwei Schulen in der Umgebung aufgesucht. "Sie waren nicht sehr nett zu mir", sagt sie. Man habe gerade keinen Platz frei, habe es dort geheißen. Am Montag will sie in der nächsten Schule anfragen.

Schulplatz nach zwei Monaten

2275 Kilometer nordöstlich hatte ein Mädchen mehr Glück: Criger, 16, lebt seit 2016 in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta. Nach zwei Monaten hatte ihre Mutter einen Schulplatz für sie gefunden. Der Rektor habe sie erst nicht aufnehmen wollen, weil sie nicht alle Dokumente vorlegen konnte. Doch als die Mutter einen Anwalt um Hilfe bat, ließ er sich umstimmen.

Auch Criger kennt die Klischees, die Venezolanerinnen entgegenschlagen: Sie erzählt von Klassenkameraden, die untereinander darüber redeten, dass Venezolanerinnen auf den Strich gingen - so laut, dass sie es hören konnte. Ihre Mutter berichtet, dass selbst die Sekretärin sie nicht beim Namen nenne, sondern als "Veneca" bezeichne.

Criger möchte Gynäkologin werden, Henderlyn vielleicht Schauspielerin. Doch ob sie bis dahin einen geregelten Aufenthaltsstatus haben, der ihnen ein Studium oder einen festen Job ermöglichen würde, ist ungewiss.

Integration stockt, Ablehnung wächst

Peru und Kolumbien hatten Venezolanern zwar monatelang recht unkompliziert eine befristete Arbeitserlaubnis ausgestellt. Inzwischen haben sie das Angebot jedoch wieder eingeschränkt: In Kolumbien können sich nur noch Venezolaner, die vor dem 17. Dezember eingereist sind, darum bemühen. In Peru ist der Stichtag der 31. Oktober. Das Asylsystem bietet keine wirkliche Alternative: Es ist in beiden Ländern völlig überlastet.

Auch in anderen Ländern stockt die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt - und die Ablehnung wächst. In Ecuador eskalierte die Lage Anfang des Jahres, als ein Venezolaner seine schwangere ecuadorianische Freundin auf der Straße erstach. Seither müssen alle Flüchtlinge aus Venezuela, die auf formellen Wegen einreisen wollen, ein beglaubigtes polizeiliches Führungszeugnis vorweisen.

An eine Rückkehr ist wohl nicht so bald zu denken. Die Lage in Venezuela hat sich in den vergangenen Tagen weiter zugespitzt: Oppositionsführer Juan Guaidó hat seine parlamentarische Immunität verloren, was seine Festnahme noch wahrscheinlicher macht.

Tausende Menschen stürmten zudem am vergangenen Dienstag die Brücke über den Grenzfluss unweit von Cúcuta, um in Kolumbien Lebensmittel und Medikamente zu kaufen.

Machthaber Nicolás Maduro hatte die Brücke im Februar weitestgehend abgeriegelt, deshalb waren wochenlang täglich Tausende Menschen durchs Flussbett gelaufen. Doch der führt gerade so viel Wasser, dass diese informellen Schleichwege noch gefährlicher geworden sind. Laut Schätzungen des UNHCR könnten bis zum Jahresende mehr als fünf Millionen Venezolaner aus ihrem Land geflohen sein.

Henderlyns Mutter hat in Lima einen Job in einer Bäckerei gefunden, sie arbeitet dort jeden Tag von zwei Uhr mittags bis halb elf abends. Henderlyn wartet in der Unterkunft, sie hört Musik, manchmal schreibt sie ihrer Oma auf WhatsApp. "Meine Mama hat gesagt, wenn sich die Dinge verbessern, gehen wir zurück", sagt sie und lächelt.


Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen nach Kolumbien und Peru.

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